Bosnigl

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und Stockwerkslage der Wohnung. Die Bewohner der oberen Stockwerke leben im Schnitt länger als ihre Nachbarn im Parterre. Wer hoch oben wohnt, hat meist nicht nur die bessere Aussicht als der Nachbar weiter unten, er kann diese auch länger genießen. Das fanden vor einiger Zeit Forscher an der Uni Bern heraus.

Menschen, die in einer Erdgeschoßwohnung leben (ganz zu schweigen von jenen Unglücklichen, die im Souterrain hausen, wo die Fensterunterkante sich in einer Ebene mit dem Gehsteig befindet), haben ein um 22 Prozent höheres Risiko, an Lungenkrebs zu sterben als diejenigen, die im achten Stockwerk logieren. Naheliegend: Selbst der Feinstaub gehorcht den Gesetzen der Schwerkraft. Schon ein Blick auf die nach unten hin stärker verrußten Hauswände bei Straßenkreuzungen bringt diesen Befund ans Tageslicht. Tja, eine derart einfache Erklärung können die Forscher natürlich nicht gelten lassen, denn die Sozialwissenschaft sucht immer und überall nach sogenannten kontra-intuitiven Ergebnissen, also nach solchen, die dem Hausverstand widersprechen.

Das gesunde Empfinden des einfachen Bürgers ist sozusagen der natürliche Feind des Soziologen.

Die Schlußfolgerung der Berner Forscher geht vielmehr dahin, daß höhernorts die betuchten Zeitgenossen wohnen.

Sapperlot! Otto Normalverbraucher hätte doch glatt vermutet, Millionäre, schrullig wie sie sind, würden eher in Kellerwohnungen residieren, während das Sozialamt seine Klientel in zugigen Dachappartements unterbringt, wo es im Sommer kaum auszuhalten, dafür aber im Winter bitterkalt ist.

Doch wer hoch hinauf will, kann tief fallen. Laut unseren Forschern verüben Bewohner höherer Stockwerke vermehrt Selbstmord durch Hinunterspringen. Und zwar rund zweieinhalbmal so oft wie Lebensmüde, deren Wohnung sich auf Straßenniveau befindet.

Bei letzterer ist diese Methode der Selbstentleibung ja ein wenig unpraktisch. Die Berner Soziologen haben, gewissenhaft wie sie eben sind, noch eines herausgefunden: Lebensmüde Parterrebewohner bevorzugen das Erhängen.

Wie sagten schon unsere Großväter? Wenn alle Strick‘ reißen, häng‘ ich mich auf.

Scio, nescio. So weiß ich zum Beispiel nicht, wie ich diese Satire beginnen soll, damit Sie atemlos weiterlesen. Freilich, der Einstieg mit einem lateinischen Zitat macht sich ganz gut, deutet auf eine humanistische Ader des Schreibers hin, welcher sich (wie im vorliegenden Fall) redlich bemüht, einen Artikel zu verfassen, der in seiner eloquenten und kurzweilig geschriebenen Art ohne weiteres als Essay durchgehen könnte.
In der Sache selbst haben wir es diesmal mit einer sperrigen Materie zu tun, die in der Sprache der Typographen Halbgeviertstrich heißt. Der Durchschnittsbürger sagt dazu salopp Gedankenstrich. Wobei dieser bitte nicht mit dem Bindestrich verwechselt werden möge, das wäre ein Fehler, der jeden Schulmeist- er an den Rand des Schlaganfalls brächte.
Weil diese Kolumne sich nicht nur den Ruf erworben hat, mit Reaktionären jeglicher Couleur unter einer Decke zu stecken, sondern auch den Zeitgeist strikt zu verneinen, kann ich nicht umhin, den Halbgeviertstrich anzuklagen:

J’accuse!, um Emile Zola hier ins Spiel zu bringen. Denn der Gedankenstrich, der wie weiland die Kessler-Zwillinge stets im Doppel auftritt, zerstört in letzter Zeit den Lese- und Gedankenfluß bei der Lektüre von Texten aller Art. Krethi samt plethi glauben, damit ihren schlichten Ausführungen eine besondere Note geben zu müssen. Anstatt wie bisher einfach Beistriche zu setzen oder Klammern zu machen, werden pausenlos Parenthesen eingeschoben und zwischen den beiden Gedankenstrichen mehr oder minder triviale Auslassungen getätigt. Vor dreißig Jahren beklagte Hans Weigel die zunehmende Verhausmeisterung der deutschen Sprache. Dabei konnte der gute Mann noch keinen Tau vom Binnen-I oder gar von der gender-sensiblen Schreibweise (mit Unterstrich, z.B. Idiot_in) haben. Erlauben Sie, geneigter Leser, daß ich jetzt meine Satire in gedanklicher Höchstform zur Vollendung peitsche und dekretiere: Soll die Parenthese den Esprit des Schreibers widerspiegeln, dann möge sie als geistreiche Zwischenbemerkung höchst sparsam verwendet werden! 

 

Dies ist die Geschichte des Sigismund S., eines Tirolers, der in Vorarlberg lebt. Eines Tages entdeckt er ein Graffiti: „Wozu Tierversuche? Es gibt doch Tiroler!“ Sigi rastet aus. Der Amtsarzt verfrachtet ihn in die Valduna. Für alle, die zwar nicht hinter dem Mond, aber doch hinter dem Arlberg zu Hause sind: Die Valduna ist eine psychiatrische Anstalt.
Der aus Innsbruck gebürtige Sigi S. ist ein Durchschnittstyp. Ein Gamsbart bedeckt notdürftig sein schon etwas schlaffes Kinn. Am Hinterkopf hält ein Gummiring das schüttere, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haar zusammen. Der Beschäftigungslose lebt von der Mindestsicherung, verköstigt sich nur mit Fleisch und Alkohol. Denn er, der Antifaschist, wolle sich vom Abstinenzler und Vegetarier Adolf Hitler abgrenzen. In der Valduna kommt Sigi in ein Mehrbettzimmer, dann in den Isolierraum. Grund: Aus Protest gegen die zwangsweise Abnahme eines noch halbvollen Fünfliter-Kanisters Inländer-Rum organisiert Sigi in der ersten Nacht eine Aktion, die er „Bettnässen gegen Rechts“ nennt und der sich die Zimmergenossen freudig anschließen.
Der Patient bekommt bald Besuch von einem Bezirksrichter, der festzustellen hat, ob die Anhaltung rechtmäßig sei. Sigi S. ersucht um Veröffentlichung des Protokolls.
„Herr Rat, ich bin ein Opfer der Gesellschaft, werde ständig verspottet. Unlängst protestiere ich im Gasthaus gegen das Zigeuner-Kotelett auf der Speis’karte, fordere ein Ende der Diskriminierung. Was macht der Wirt? Er meint mit höhnischem Grinsen: Soll ich es vielleicht auf Roma- und Sinti-Braten ändern? Dann wachelt er mit dem Ochsenziemer, erteilt mir Lokalverbot. Oder: Vor Jahren schicke ich einen Brief an den ORF, der im Landesstudio Steiermark einen Mann beschäftigt, der sich Neger schreibt. Mein Vorschlag, dem Armen eine Namensänderung zu bezahlen, ist bis heute nicht beantwortet worden.“
Ende gut, alles gut: Unser Patient darf die Valduna verlassen. Im Gerichtsbeschluß heißt es sinngemäß, Sigismund S. habe völlig normale Ansichten.