Adobe Stocks

Von Mendel zum Neandertaler

Gibt es Menschenrassen?

Am 20. Juli jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag von Gregor Mendel, dem zu Lebzeiten unbedankt gebliebenen Vater der Genetik.

von Roman Steiner

Biologie ist die unschärfste Naturwissenschaft, da sie Regeln, aber keine Gesetze kennt. Auch Mendel stellte Regeln auf, die heute jedoch alle durch Ausnahmen widerlegt werden können. Letztlich war es ein glücklicher Zufall, daß gerade er die Eigenschaften von Erbsen beobachtete, die diesen Regeln folgten. Außerdem, so vermutet man heute, half ein unbekannter Assistent bei der Interpretation dieser Beobachtungen. Es stellt sich daher die Frage:

Was ist die Erkenntnis, das Einmalige an der Forschung Gregor Mendels?

Mendel brachte die Statistik ins Spiel. Er führte Aufzeichnungen über seine Beobachtungen und ging systematisch ans Werk; er zeigte, daß Vererbung nicht beliebig abläuft, sondern Regeln folgt; er stellte fest, daß Gene Eigenschaften in sich tragen, die in einer geordneten Abfolge an die Nachkommen weitergegeben werden. Das war seine Erkenntnis, die – weil es sich bei ihm in Wirklichkeit um keinen Wissenschaftler im eigentlichen Sinne handelte – auch von seinen Zeitgenossen weitgehend ignoriert wurde. Trotzdem stieg er zum Mitbegründer der Genetik auf, wenn auch zu einem wenig geliebten, zumindest unter Studenten: Denn für diese gibt es nichts Trockeneres und Langweiligeres, als seine drei Regeln auswendig zu lernen und während der Prüfung anhand einer Zeichnung graphisch darzulegen. Kurzum, Gregor Mendel brachte Systematik in die Vererbung und damit in die seinerzeit noch junge Evolutionstheorie.

Das Grundprinzip der modernen westlichen Wissenschaft sind Ordnung und Systematik – ein Weg, der basierend auf dem antiken Wissen, welches seit dem Mittelalter zunehmend verfeinert wurde, zur wirtschaftlichen und politischen Dominanz Europas führte. Erst die Vermessung der Realität in Wissenschaft und Kunst (Alfred W. Crosby) führte zur modernen Wissenschaft; die krämerhafte Lust am Zählen führte zur modernen Mathematik und Physik; die Lust am Experimentieren bereitete den Weg von der Alchemie zur Chemie und letztendlich zur heutigen Biologie.

Das 19. Jahrhundert war eine goldene Zeit für fast alle Wissenschaftszweige

Bahnbrechende Erkenntnisse und Erfindungen in Physik und Chemie standen an der Tagesordnung, alles war möglich, alles erreichbar. Man brachte Ordnung ins Chaos, denn spätestens mit Mendel war selbst der abstrakte Vorgang der Vermehrung meßbar. Die Geschöpfe der Erde wurden gesammelt und katalogisiert, Verwandtschaften geklärt und Zusammenhänge aufgezeigt, die sich der jungen modernen Wissenschaft bisher nicht erschlossen hatten. Übrig blieb der Mensch – die nach der gängigen religiösen Lehre ewige, jetzt im Lichte neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ehemalige Krone der Schöpfung. Tief war die Bestürzung, als zuerst Carl von Linné und dann Charles Darwin den Menschen in eine Reihe mit den Tieren stellte: Er sei ebenfalls „nur“ ein Teil der Natur, ein Trockennasenaffe, verwandt mit Schimpansen und Gorillas.
Wenn der Mensch also ein Tier ist und wir Verhalten, Zusammensetzung und Funktion des Tieres studieren können, wie sieht es dann damit bei uns selbst aus? Was unterscheidet die Menschen voneinander, den Europäer vom Afrikaner oder diesen vom Asiaten? Kurz gesagt:

Wenn es systematische Unterschiede bei Tieren gibt, warum dann nicht auch beim Menschen?

Seit Jahrhunderten wissen wir von den unterschiedlichen Hautfarben, Augenformen und abweichenden körperlichen Konstitutionen verschiedener Menschengruppen. Was ist der Grund dafür, und was ist typisch? Und wie systematisiert man diese Unterschiede?
Da der Mensch nun als Objekt der biologischen Forschung erkannt und erklärbar war, konnte man Kopfform, Haut- und Augenfarbe als statistisch erfaßbare Daten katalogisiert ordnen. Wenn man das Ergebnis in Pflanzen- und Tierzüchtung statistisch ableiten und vorhersagen konnte, so war es nicht abwegig, diese Methode auch beim Menschen anzuwenden. Das unmittelbare Ergebnis waren die Eugenik und ein kruder Sozialdarwinismus, welcher eher von Fabriksbesitzern und ideologisch motivierten Laien erdacht wurde als von Biologen.

Heute ist außerhalb des angloamerikanischen Raums die Frage nach der Rasse nicht mehr opportun. Es wird nur mehr nach deren Negation gefragt, dem „Antirassismus“


Da man davon ausgeht, daß es „Rassen“ per se nicht gebe, führt dies zur paradoxen Situation, Rassist oder Antirassist ohne Rasse zu sein, wobei es sogar passieren kann, daß Religionen zu Rassen an deren statt erklärt werden. Ohne auf diese verqueren gedanklichen Bocksprünge näher einzugehen, ist es an der Zeit zu klären, wie es sich mit den menschlichen „Rassen“ tatsächlich verhalte. Gibt es sie, oder gibt es sie nicht?
Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Biologie eine unscharfe Wissenschaft; es gibt daher keine Gesetze, dafür aber bestimmte Regeln. Die Grundlage des alten Rassenkonzeptes war der Drang nach Ordnung. Eine Unterscheidung nach physiologischen Merkmalen wurde seit der Antike getroffen. Im 18. Jhdt. führte Carl von Linné in seinem bahnbrechenden Werk Systema Naturae vier Rassen von Menschen ein: Afrikaner, Europäer, Amerikaner und Asiaten. Diese Unterscheidung erscheint uns bis heute als logisch und wird durch die Definition von Unterart (Subspezies, Rasse) untermauert:
Eine Subspezies ist die Zusammenfassung phänotypisch ähnlicher Populationen einer Art, die ein geographisches Teilgebiet des Areals der Art bewohnen und sich taxonomisch von anderen Populationen der Art unterscheiden (nach Ernst Mayr).
Dieser Definition nach würde man instinktiv alle Bedingungen hier erfüllt sehen.

Was stimmt also mit dem Rassebegriff nicht?

Ein kurzer Exkurs in die trockene Materie der Systematik. Wie bereits ausgeführt waren das 18. und 19. Jhdt. die Hochzeit der Systematik. Linné legte neben dem Grundstein der biologischen Systematik unter anderem auch den der binären Nomenklatur. So kam der Mensch zur Bezeichnung „Homo sapiens“, später „Homo sapiens sapiens“. Diese Einteilung erfolgt nach dem Schema Reich > Stamm > Klasse > Ordnung > Familie > Gattung . Offensichtlich fehlt hier nun etwas, nämlich die zugehörige Art. Der moderne Mensch gehört zur Gattung „Homo“, übrigens als deren einziger Vertreter, sowie zur Art „Sapiens“. Eine Unterart oder Subspezies (ssp.) wäre beispielsweise „Homo sapiens sapiens ssp. afrikanus“, eine Einteilung, die interessanterweise nie wirklich in Betracht gezogen wurde, da Unterarten systematisch generell auf schwachen Beinen stehen, nicht nur beim Menschen. Im 19. und 20. Jhdt. wurde eine Vielzahl an Merkmalen gesammelt, um die verschiedenen Rassen zu unterscheiden – doch je mehr Merkmale gesammelt wurden, desto mehr Rassen mußten definiert werden. Deren Anzahl stieg inflationär an, bis man bei über sechzig angelangt war und dann auch noch versuchte, „Mischlinge“ zwischen diesen Rassen zu definieren. Gleichzeitig verwarf man aber, gerade im deutschsprachigen Raum und in der Sowjetunion, die ersten Ansätze der Genetik.

Das Ende der Menschenrassen im wissenschaftlichen Betrieb begann nach 1945

Im deutschsprachigen Raum geschah dies zum Teil aus politischen und ideologischen Überlegungen, zu denen aber auch fachliche Gründe traten. Es folgte die Zeit der phylogenetischen Systematik (Kladistik), die keinen Platz für Subspezien beim Menschen ließ. In den 1950er Jahren wurde die Struktur der DNS (Desoxyribonucleinsäure) geklärt und mit den „diskreten vererbbaren Einheiten“, den Genen, in Verbindung gebracht, die bereits Mendel vorhergesagt hat. Es sollte nun bis in die 1970er Jahre dauern, bis die ersten Gene sequenziert, also ihre Struktur oder Basenabfolge aufgeklärt wurde. In den folgenden Jahrzehnten ging es Schlag auf Schlag: Zuerst wurde das Replizieren, dann das Sequenzieren der DNA einfacher. Daraus folgte, daß man Populationen, die man davor anhand von Blutgruppen oder Proteinen zu unterscheiden versucht hatte, nun auf genetischer Ebene untersuchen konnte.

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen führten zu einem erbitterten Streit, der bis heute anhält. Wurden Populationen aus unterschiedlichen geographischen Regionen untersucht, so konnte man belegen, daß man verschiedene Individuen gemeinsamen Populationen zuordnen konnte. Zusätzlich deckten sich diese „Cluster“ genannten Populationen teilweise auch noch mit den früher etablierten und angenommenen Rassen.
Bereits in den 1970er Jahren, als solche Ergebnisse aus den Blutgruppenuntersuchungen absehbar waren, machte der Genetiker Richard Lewontin, ein bekennenden Marxist, dagegen mobil und versuchte zu zeigen, daß die Unterschiede innerhalb einer Population größer seien (ca. 85 %) als zwischen Populationen (ca. 15 %). Dieses Argument wurde in den USA umgehend von der „American An-
thropological Association“ als verbindliches Argument gegen Rassen aufgenommen und wird bis heute gerne verwendet.
Erst in den frühen 2000er Jahren konnte gezeigt werden, daß es sich dabei um „Lewontins Trugschluß“ gehandelt habe, da die Fehlerquote, bei welcher eine Person einer falschen Population zugeordnet wird, bei einem größeren genetischen Datensatz gegen Null geht. Vereinfacht gesagt: Man konnte mit quantitativ oder qualitativ spezifischeren genetischen Daten ohne Vorwissen eine Person einer Population exakt zuordnen. Heute wird dies gerne für die vor allem in den USA sehr beliebte genetische Genealogie genutzt.

Obwohl die Kritik am Rassenbegriff aus wissenschaftlicher Sicht teilweise nachvollziehbar ist, folgte die Rache der Biologie ab 2010 auf dem Fuße

Gerne wird argumentiert, daß Menschen untereinander zu 99,9 % genetisch identisch seien; was dabei allerdings meist unerwähnt bleibt, ist, daß wir mit dem Schwein zu 90 % und mit Meereswürmern zu 70 % genetisch ident sind. Die Gesamtheit der gemeinsamen Gene sagt deshalb nur wenig aus, und es ist erwartbar, daß sie beim Menschen hoch ist, da alle Populationen außerhalb Afrikas erst vor 70.000 Jahren durch einen sogenannten „genetischen Flaschenhals“ gingen und von einer Gruppe von wahrscheinlich nur 1.000 Individuen abstammen. Diese Zeitspanne ist relativ kurz und reichte beim Menschen nicht aus, um unterschiedliche Spezies auszubilden. Zusätzlich sind Menschen von Natur aus mobil und waren besonders in der Vergangenheit nomadisch organisiert, wie man bei den Ureinwohnern Australiens nachvollziehen kann, deren Vorfahren für einen Wanderung von Afrika bis Australien weniger als 10.000 Jahre benötigten. Diese Mobilität führte immer wieder zu Vermischungen von Populationen, welche man bis heute als genetische Gradienten zwischen angrenzenden Populationen erkennt.
Das bisher bekannte Bild verkomplizierte sich aufgrund neuer Erkenntnis der Paläogenetik ab 2010 weiter. Seit den 1990er Jahren versucht man, DNS aus Fossilien oder Bernstein zu isolieren. Da DNS unter normalen Bedingungen relativ instabil ist, waren diese Versuche von bestenfalls zweifelhaftem Erfolg. Als Faustregel gilt: Je kühler und trockener die Bodenbedingungen, desto besser der Informationsgehalt der isolierten DNS. Es ist daher nicht verwunderlich, daß man die älteste isolierte DNS (ca. 1,2 Millionen Jahre) aus dem Backenzahn eines im sibirischen Permafrost eingefrorenen Mammuts gewann. Was aber bei Tierknochen gelingt, ist auch bei (vor)menschlichen Knochen möglich. Ausgehend von den ersten Versuchen Mitte der 1990er Jahre konnte daher nicht nur die DNS des „Homo neanderthalensis“ isoliert, sondern auch zu 60 % sequenziert werden.

Die Anwendung der Genetik als Hilfswissenschaft in der Paläontologie und Archäologie führte endgültig zur Revolution

Nun konnte man nicht nur die Verwandtschaft von „Hominiden“ (der Gesamtheit der Gattungen „Homo“, also des modernen Menschen und seiner ausgestorbenen Vorfahren wie beispielsweise dem Neandertaler) auf DNS-Ebene nachvollziehen, sondern auch den Genfluß unterschiedlicher menschlicher Populationen.

Dieses Wissen – wir sprechen hier von Erkenntnissen der letzten zehn Jahre – zeigt zweierlei: Einerseits, daß der Rassebegriff zu kurz greift, da die Spezies „Homo sapiens“, also wir, nicht monophyletisch sind. Es gab in den letzten 300.000 Jahren mehrfach sexuellen Kontakt zwischen Menschen und vormenschlichen Spezies, Neandertaler und Denisova. Diese Kontakte sind bis heute nachweisbar, waren also beträchtlich. Man geht davon aus, daß 2-4 % des Erbguts der Europäer und Asiaten vom Neandertaler stammen. Noch höher ist der Anteil der DNS des Denisova-Menschen, immerhin über 6 %, bei den Bewohnern Papua-Neuguineas und den „Negritos“ auf den Philippinen.

Bei den Afrikanern zeigt sich ein ähnliches Bild, wobei der schwarze Kontinent genetisch wesentlich schlechter erforscht ist als andere Gebiete. Feststellen kann man jedenfalls, daß Afrika wahrlich genetisch divers ist, da der moderne Mensch sich laut aktueller Lehrmeinung höchstwahrscheinlich dort entwickelte und sich dann, seine Heimat verlassend, über den ganzen Planeten ausbreitete. Deshalb ist es auch logisch, daß man in Afrikanern so gut wie keine DNS von Neandertalern und Denisova-Menschen findet, da diese Spezien in Europa und Asien entstanden sind. Was man aber findet, sind noch viel ältere Spuren, sogenannte „Geisterpopulationen“ – besonders auffällig bei der Population, die früher „Buschmänner“ genannt wurde. Dort zeigen sich Gene, die wahrscheinlich auf den gemeinsamen Vorfahren aller hier erwähnten Hominiden zurück gehen, den „Homo errectus“. Erstaunlich ist das insbesonders, weil der Kontakt mit diesem Frühmenschen erst vor 40.000 Jahren stattgefunden hat, einem Zeitpunkt, von dem man bisher annahm, daß der „Homo errectus“ damals längst ausgestorben gewesen sei.
Was bedeutet das nun für die früher angenommenen Menschenrassen?

Der Rassebegriff ist nicht haltbar, da er aus biologisch-systematischer Sicht keine passende Einteilung der Menschen darstellt

Dies hängt allerdings auch mit der Schwäche der systematischen Nomenklatur zusammen, da gerade die Erkenntnisse der modernen Genetik aufzeigen, daß dieses fast 200 Jahre alte System nicht mehr adäquat ist. Ein Festhalten am Begriff „Rasse“ ist daher sowohl aus biologischen als auch historischen Gründen nicht zu empfehlen. Eines ist allerdings klar erkennbar: Der Mensch ist weder genetisch noch physiologisch gleich. Die Entfernung, beispielsweise zwischen einem Buschmann und einem Aborigine, ist sehr groß, da es hier abgesehen von der geographischen auch eine zeitliche
Distanz gibt, die durch den genetischen Eintrag anderer Spezies mehrere hunderttausend Jahre beträgt. Auch wenn es dem Zeitgeist widersprechen mag – die passende Bezeichnung für diese Entfernung muß erst noch gefunden werden.