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Später Nachruf auf eine Wiener Institution

von Erich Körner-Lakatos.

Es muß schon Ende der 60er-Jahre gewesen sein, als unser langjähriger Hausmeister, der Herr Kratochvil, das Zeitliche segnete. Mit 64 Lenzen, ein knappes Jahr vor der Rente. Zwei halbwüchsige Bürscherln, Nachwuchs einer Mietpartei im Mezzanin, entbehrten damals noch der charakterlichen Reife, um zu ermessen, wie es ist, wenn ein Mensch stirbt. Sie meinten nämlich, der Hausmeister sei selbst schuld.
Genauer gesagt: sein Leiden, das man mit etwas Taktgefühl „Überfunktion der Gurgel“ nennen kann.

Emanuel Kratochvil – von den meisten Mietern respektvoll „Herr Emil“ geheißen, außer von zwei Hofratswitwen, welche strenge Distanz wahrten und ihn leicht herablassend mit „Lieber Kratochvil“ ansprachen – ergattert knapp nach Kriegsende den Posten des Hausmeisters in unserem schönen Jugendstilgebäude. Der Mann weiß das zu schätzen: Er, der Alleinstehende, hat jetzt ein Dach über dem Kopf. Auch wenn sich die Dienstwohnung im Hochparterre auf Küche und Kabinett beschränkt. Klosett am Gang. Hauptsache, es ist dafür kein Zins fällig. Im Gegenteil: Kratochvil bekommt ein monatliches „Stromdeputat“ vom Hausherrn, etliche Dutzend Kilowattstunden und damit über die Runden. Im Winter sorgt eine weitere hausherrliche Wohltat, das „Kohlendeputat“, für wohlige Wärme. Da kann man hochzufrieden sein – andere sind ausgebombt oder hausen im Keller eines halb zerstörten Gebäudes.

Der Herr Emil weiß, was er zu tun hat. Täglich um sechs ist das Haustor aufzusperren, das Ganglicht an- und sobald es hell wird auszumachen, mit contrarius actus vor und nach der Dämmerung: Ganglicht ein, um neun Uhr Schlußdienst – Ganglicht aus, Haustor zusperren. Einmal in der Woche ist das Stiegenhaus aufzuwaschen, zweimal im Jahr hat Kratochvil die Gangfenster zu putzen, einmal jährlich ist der Großputz im Keller angesagt.
Und dann noch die kleinen Dienste: regelmäßige Entleerung der Liftkassa – für jede Fahrt hieß es 50 Groschen einwerfen – Liftgitter abstauben, Papierln aufsammeln, Glühlampen auswechseln, im Winter Schneeräumen sowie Streuen des Trottoirs. Diffizil ist die Einteilung, wer wann die Waschküche, den Trockenboden sowie die Klopfstange im Hof benützen darf – jede Partei, respective das vorgeschickte Dienstmädel, hat da ganz bestimmte Vorstellungen.

Herr Emil schafft das alles mit Leichtigkeit. Er ist praktisch immer da, nach dem Motto „Ich kann ja das Haus nicht alleinlassen“. Außer es hängt das Schild „Komme gleich!“ vor seiner Tür. Dann ist der Hausmeister kurz beim Wirten im benachbarten Häuserblock. Um Nachschub an geistigen Getränken herbeizuschaffen. Das kommt recht oft vor. Dabei ist er nicht wählerisch: Grüner Veltliner im Doppler, Bier in seinem Einliterkrügel, gegen Monatsende, wenn das Geld knapp ist, reicht auch der kleine Kanister, den er sich mit billigem Inländerrum anfüllen läßt. Kratochvil ist nie merkbar betrunken. Aber andererseits auch fast nie vollkommen nüchtern. Letzteren Zustand erkennen die Mieter an seiner schlechten Laune.

Wie jedem Hausmeister wird ihm Respekt entgegengebracht. Schließlich ist er der verlängerte Arm des Hauseigentümers, das zeigt sich augenscheinlich an jedem Monatsersten, wenn er den Zins kassiert. Jeder Widerstand, jede Aufsässigkeit wären ohnehin zwecklos. Befindet sich doch im Haus, gleich vis-à-vis von Kratochvils Dienstwohnung, eine Polizeiwachstube. Dort werden Randalierer und sonst auffällige Figuren von den Herren In-
spektoren entsprechend beamtshandelt. Das Wimmern derer, die – aus Nervosität, Zufall oder infolge einer Ungeschicklichkeit – in eine geballte Faust stolpern, ist oft deutlich zu hören. Und manchmal kommt der „Grüne Heinrich“, ein vergitterter Bus, der seine Fracht in die Liesl, das Polizeigefangenenhaus transportiert. Denn hin und wieder erhält das Wachzimmer prominenten Besuch, wenn altbekannte Kunden beim „Stoß“, einem verbotenen Glücksspiel, erwischt werden. Man kennt ihre Namen aus der Zeitung: Schmutzer-Buam, Notwehr-Christa, roter Heinzi, der G’schwinde.

Ich selbst stand mit Herrn Emil auf bestem Fuße, man tratschte gelegentlich über aktuelle Angelegenheiten, er war stets gefällig, und ich erfreute mich seiner Sympathie, die ich durch die gelegentliche Hingabe einer Zehnschillingmünze zu vergelten pflegte, welche ohne viel Federlesens in den Wirtschaftskreislauf eingebracht wurde: durch Erwerb eines geistigen Getränks. Das ist ihm schließlich zum Verhängnis geworden. Jetzt liegt er draußen am Zentralfriedhof.