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Elsaß-Lothringen

von Joseph Limberg.

Es sind Landstriche, deren geographische und geopolitische Zwischenlage sie jahrhundertelang zum Objekt der Politik bestimmten. Beide Länder gehörten jenem eigenartigen Gebilde an, das 843 im Vertrag von Verdun anläßlich der Teilung des fränkischen Reiches unter Ludwig dem Frommen dessen Sohn Lothar zugesprochen wurde und das im Westen an das westfränkische, später französische Gebiet Karls des Kahlen und im Osten an das ostfränkische, später deutsche Reich Ludwigs des Deutschen grenzte. Es reichte von den Niederlanden über den Oberlauf des Rheins, die Juralandschaften Burgunds bis an den Unterlauf der Rhone und wurde Lotharingen genannt.

Elsaß

Das heutige Elsaß, in der linksrheinischen Tiefebene, dem Hügelland des Sundgaus und an der Ostflanke der Vogesen gelegen, wurde ab dem 4. Jahrhundert von Alemannen besiedelt und um 500 n. Chr. von Chlodwig dem fränkischen Reich unterworfen und christianisiert. Im 7. Jahrhundert wurde es vorübergehend von einem Herzog regiert, während es in der Folgezeit verschiedenen Standesherrschaften gehörte, so das obere Elsaß zum habsburgischen Herrschaftsbereich. Bischof Werner von Habsburg legte im Jahr 1014 den Grundstein des Straßburger Münsters. Zehn elsässische Reichsstädte bildeten einen Bund, die Dekapolis, deren Oberaufsicht einem Vogt des römisch-deutschen Kaisers oblag.
Das Hochmittelalter war eine Glanzzeit des Elsaß, die es zu einem kulturellen Mittelpunkt des Reiches machte: Zeugnis davon geben Gottfried von Straßburg und Reimar von Hagenau, aber auch Mystiker wie Johannes Tauler, allesamt führende Gestalten der zeitgenössischen Literatur oder das Straßburger Münster Erwin von Steinbachs. Auch in der Reformationszeit blieb das Elsaß eine bedeutende Kulturlandschaft, in der Sebastian Brant, Autor des Narrenschiffs oder Johannes Gutenberg wirkten. Das Deutsch des Elsaß war alemannisch, im Norden vom Moselfränkischen Lothringens getönt. In der Reformation wirkten Gestalten wie Bucer oder der große Prediger Geiler von Kaysersberg. Die religiöse Spaltung ergriff das Land: Der ländliche Raum wurde vorwiegend evangelisch, die Städte blieben oft katholisch. Auch der bäuerliche Aufstand des „Bundschuhs“ begann und endete im Elsaß. Frankreich aber hatte bereits früh ein Auge auf das Land geworfen.

Ab dem 30jährigen Krieg erodiert die deutsche Macht

Schrittweise wurden Herrschaften von Frankreich übernommen, die Reunionskammern Ludwigs XIV. gaben den Annexionen des
Elsaß und Lothringens einen rechtlichen Schein. 1681 fiel endlich auch Straßburg, zu einer Zeit, in der das Reich durch die Türkennot geschwächt war. Kaiser Leopold I. soll bei der Nachricht vom Fall Straßburgs in Ohnmacht gefallen sein.
Kulturell änderte sich bis zur französischen Revolution wenig. Die Zollgrenze verlief weiterhin auf dem Vogesenhauptkamm, das sprachliche und kulturelle Leben blieb deutsch. So studierte Goethe in Straßburg Jura, Lenz und Herder nahmen hier Aufenthalt. Erst die französische Revolution mit ihrer Doktrin der einen und unteilbaren Republik zentralisierte Kultur und Verwaltung, und das Land sank zu einer französischen Provinz herab. Die vom badischen Ingenieur Tulla organisierte Regulierung des Rheins unterbrach auch die menschlichen Bindungen zwischen der elsässischen und der badischen Landbevölkerung, da das breite Strombett nicht mehr ohne weiteres überquert werden konnte.

Mit der französischen Niederlage 1871 ändert sich die Lage

Das Elsaß und das nördliche Lothringen werden im Frankfurter Frieden dem neu gegründeten Deutschen Reich zugesprochen und zu einem reichsunmittelbaren Reichsland Elsaß-Lothringen zusammengefaßt, das Land wird industrialisiert und das Bildungswesen eingedeutscht und verbessert. Die Straßburger Universität steigt von einer Provinzakademie zu einer auch international renommierten Anstalt auf.
Die neue Herrschaft wurde von der Bevölkerung anfangs sehr kritisch aufgenommen. Im Laufe der Zeit nahm die Zustimmung zu, zumal die Verfassung des Landes geändert, ein Landtag eingerichtet und die Verwaltung dezen-tralisiert wurde. Einige Maßnahmen wurden erst kurz vor oder während des Ersten Weltkrieges gesetzt. Die Landbevölkerung, die in ihrem ethnischen Kern immer deutsch gewesen war, blieb deutsch gesonnen, die städtische Bourgeoisie neigte eher nach Frankreich. Der Straßburger Bürgermeister Robert Ernst (bis 1944) berichtete dem Autor, daß sein Vater ein bewußter Deutscher gewesen sei, während die Großmutter die Enkel stets gemahnt habe,
Französisch zu sprechen. 1919 ging das Land ohne Volksabstimmung wieder an Frankreich verloren, autonome Bestrebungen wurden unterdrückt, Autonomisten eingekerkert, ihr
Protagonist Dr. Karl Roos erschossen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Land wieder dem Deutschen Reich angeschlossen und ging alsbald erneut verloren. Die Elsässer dienten in beiden Weltkriegen in der Regel loyal im deutschen Heer und leisteten einen hohen Blutzoll.

Nach dem Krieg führten die Franzosen einen radikalen Französisierungsprozeß durch

Ein Elsässer berichtete, daß ein achtjähriger Schüler (etwa 1948) moniert habee, daß seine Ahnen nicht, wie in der Schulfibel angeführt, Gallier sondern Germanen gewesen seien, worauf ihn der Schullehrer dermaßen geschlagen habe, daß ihm Blut aus Nase und Ohren geflossen sei. Das
Deutsche wurde unterdrückt und erst in neuerer Zeit der elsässische Dialekt akzeptiert und gefördert, während das Hochdeutsche nach wie vor diskriminiert wird: So werden neuerdings Straßenbezeichnungen in den Städten neben Französisch auch auf Elsässisch, nicht aber auf Hochdeutsch angeführt. Nach dem Algerienkrieg wurden Algerienfranzosen in großem Umfang im Elsaß angesiedelt, was die ethnische Struktur der Bevölkerung weiter veränderte. Bereit nach dem Verlust des französischen Kanadas 1783 waren Franzosen von dort ins Elsaß verpflanzt worden. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß sich das kulturelle und nationale Bewußtsein im Elsaß und in Lothringen weit von den Ursprüngen entfernt hat, eine Reversion ist höchstens innerhalb kleiner Eliten zu erwarten.

Lothringen

Das Lothringer Land zwischen Schelde, Rhein, Maas und Saône wurde schon unter den Nachkommen Lothars II. 870 zwischen den Brüdern Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen geteilt und ihrem jeweiligen Herrschaftsbereich zugeschlagen. Im Laufe der Geschichte erreichte das Land besondere Bedeutung, als es dem mächtigen Herzog von Burgund zufiel. Auch hier lief die Tendenz auf eine Erweiterung des französischen Machtbereiches hin. Bereits 1552 wurden die lothringischen Bistümer Toul, Metz und Verdun französisch. Unter Herzog Karl III.(1545-1608) erlebte das Land einen kulturellen und wirtschaftlichen Höhepunkt. Herzog Franz Stephan von Lothringen, der spätere Gemahl Maria Theresias, verzichtete 1735 im Vertrag von Wien auf Lothringen und tauschte es mit dem Großherzogtum Toskana, nachdem dort das Geschlecht der Medici ausgestorben war. Nach der Auffassung vieler Landsleute hatte er sein Land verraten und darüber hinaus geschwächt, indem er Tausende Landsleute zur Auswanderung und Niederlassung in sumpfigen Gebieten der Toskana bewegte, wo sie nicht Brot, sondern den Tod fanden. Lothringen wurde vorübergehend zum Herrschaftsbereich des vertriebenen polnischen Königs Stanislaus Leszczynski, bevor es auch formal der französischen Krone zufiel.
Die Sprachlinien Lothringens verlaufen nicht sehr klar. 1871 wurde das nördliche, großteils deutschsprachige Lothringen mit seiner Hauptstadt Metz Deutschland zugeschlagen. Die politische Entwicklung ging von da an den Weg des Elsaß.