Karte aus einem Vortrag des Deutschen Schulvereins: Sie verdeutlicht die komplizierten Grenzziehungen und die Tatsache, daß keine der „Gründungsburgen“ des Burgenlandes heute mehr in diesem Bundesland zu finden ist.
Foto: ÖLM

Das Tauziehen um die Grenze in Pinkafeld

Heuer feiert das Burgenland seine 100jährige Zugehörigkeit zu Österreich. Nach der Volksabstimmung in Ödenburg samt Umgebung im Dezember 1921 scheinen die Grenzen des neuen Burgenlandes festzustehen. Zumindest nach allgemeiner Ansicht. Doch dem ist nicht so, weil im Süden des Landes, im Pinkatal, die endgültige Grenze erst 1923 gezogen wird, – und, ein paar Dörfer, die anderthalb Jahre zu Österreich gehören, wieder an Ungarn zurückfallen.

Wenn wir uns die Ostgrenze des südlichen Burgenlandes vergegenwärtigen, so sticht uns der unregelmäßige, geradezu zerfranste Verlauf der Staatsgrenze vor allem im unteren Pinkatal ins Auge. Die Ursache hierfür ist keineswegs landschaftlich bedingt. Nein, es handelt sich vielmehr um das Ergebnis eines langen Gezerres zwischen Ungarn und Österreich in der deutsch-kroatisch-ungarischen Gemengelage. Ende Juli 1921 bildet sich ein Internationaler Grenzregelungsausschuß (Commission de délimitation de la frontière entre l’Autriche et la Hongrie), im folgenden Text kurz als Grenzkommission bezeichnet. Im Gremium sitzt je ein Mitglied aus Frankreich, Italien, Großbritannien und Japan sowie – ohne Stimmrecht – je ein Vertreter Ungarns und Österreichs.

Verspätete Grenzziehung als Folge der Friedensdiktate
Vorsitzender ist Major André Jocard, der Franzose. Weitere Mitglieder der Grenzkommission sind Major Enrico Calma (Italien), Oberst Arthur Craven (Großbritannien), Oberst i.G. Graf Juhachi Yamagutchi (Japan), Ministerialrat Stefan Neugebauer (Österreich), Oberst Arthur Keresztes, später (ab 4. November 1921) Legationsrat Frigyes Baron Villani (Ungarn).

Ein Japaner entscheidet mit
Grundsätzliche Aufgabe der Kommission ist der Feinschliff des Grenzverlaufes, den der Oberste Rat der Entente am 11. Juli 1919 beschlossen hat und der Teil der Friedensdiktate von Saint Germain und Trianon ist. Bei den Sitzungen der Kommission zeigt sich die vorteilhafte Stellung Japans. Das fernöstliche Kaiserreich ist durch die Grenzziehung in Mitteleuropa in keiner Weise tangiert, und so kann sein Delegierter, der Generalstabsoberst Graf Yamagutchi, die bloßen Fakten sprechen lassen und sine ira et studio argumentieren. Und oft wird auf ihn gehört. Wir wenden uns nunmehr dem Tal der Pinka zu, dem Gebiet am Abhang des Eisenbergs. Hier – um das Ergebnis vorwegzunehmen – gelingt Ungarn eine doch bemerkenswerte Westverschiebung der in Saint Germain und Trianon festgelegten Linie.

Ungarn will das ganze Pinkatal
Ungarn fordert Rechnitz, Schachendorf, Schandorf und alle Gemeinden des Pinkatales. Einiges Gewicht für die Grenzkommission haben Petitionen der Stadt Steinamanger (Szombathely; in der Folge sind die ungarischen Ortsnamen jeweils in Klammern gesetzt) und der königlich-bayerischen Domänendirektion in Pernau (Pornóapáti). Das Haus Wittelsbach hat in Ungarn große Besitzungen. Das ist mit ein Grund dafür, daß Bayerns letzter Monarch, Ludwig III., sich im November 1918 nach Rotenturm an der Raab (Sárvár) im Burgkomitat Eisenburg zurückzieht, wo er am 18. Oktober 1921 für immer die Augen schließt.

Proungarische Kundgebungen
Die Mitglieder der Grenzkommission wünschen, sich ein persönliches Bild von der Situation im Pinkatal zu machen. Daher unternehmen sie Mitte März 1922 eine Inspektion an Ort und Stelle. Als die Kommission in Oberschilding (Felsőcsatár) auftaucht ist sie mit einer mächtigen proungarischen Kundgebung konfrontiert. Die hier versammelten Bewohner von Schachendorf, Schandorf, Nahring (Narda) und Kroatisch-Schützen (Horvátlövő) fordern vehement die Rückgliederung nach Ungarn; dasselbe Bild bietet sich in Prostrum (Szentpéterfa).

Das Raabtal will zu Österreich
Die deutschen Orte des Pinkatales – Pernau und Deutsch-Großdorf (Vaskeresztes) – wollen hingegen bei Österreich verbleiben. Ähnliches gilt für das Raabtal: Die Dörfer Raabfidisch (Rábafüzes), Jakobshof (Jakabháza), Radling (Rönök) und Luising (Lovászad) bestürmen die Grenzkommission mit Abordnungen, die den Anschluß an Österreich fordern. Vergeblich! Denn diese Raabtaler Gemeinden liegen östlich der Trianon-Grenze. Einzig Luising gelingt das scheinbar Unmögliche: Die Gemeinde wird Teil des Burgenlandes. Derweilen mahnt die Pariser Botschafterkonferenz der Entente am April 1922 ihre Vorgabe ein, die endgültige Grenzziehung habe sich an den Friedensverträgen und, was Ödenburg anlangt, am Venediger Protokoll zu orientieren. Jetzt wartet auf die Kommission harte Arbeit. Zunächst erhält Österreich den Zuschlag, was Rechnitz angeht. Jedoch bleibt ab Schachendorf abwärts das gesamte untere Pinkatal umstritten.

Kompromiß zugunsten Ungarns
Die Grenzkommission schlägt schlußendlich einen Kompromiß vor, der eher einseitig zu sein scheint: Ungarn erhält danach fast das ganze untere Pinkatal einschließlich der deutschen Dörfer Pernau, Deutsch-Großdorf sowie Ober- und Unterbildein. Der Vorschlag ist für Österreich unannehmbar. Es erfolgt ein Rekurs an den neu installierten Rat des Völkerbundes. Der nimmt Schachendorf, Schandorf, Ober- wie Unterbildein sowie Prostrum aus dem Vorschlag der Grenzkommission heraus und schlägt die Dörfer zu Österreich. Schachendorf und Schandorf bleiben hauptsächlich wegen der Bahnlinie Pinkafeld–Rechnitz bei Österreich, Bildein wegen seiner deutschen Bewohner. Prostrum hingegen wird wegen seiner überwiegend proungarischen Haltung wenig später zum Tauschobjekt für die bei Österreich verbleibenden Gemeinden Rattersdorf und Liebing.

Eine Handvoll Dörfer wird von Österreich abgetrennt
Ergebnis: Eine Handvoll Dörfer kommt wieder zu Ungarn, trotzdem ist dies Labsal für die Seele der Magyaren, die im Friedensdiktat zwei Drittel des Landes an die Nachbarn verloren haben. Ungeachtet ihrer Kleinheit (die Einwohnerzahl ist in Klammern beigefügt) seien die Siedlungen genannt: Es sind dies die Kroatendörfer Oberschilding (611), Großnahring (479) sowie Kroatisch-Schützen (409); die drei ursprünglich magyarischen Kleinadelsdörfer Unterschilding (240; davon 212 Kroaten), Ungarisch-Großdorf (314; trotz der Ortsbezeichnung Ungarisch-Großdorf lebt dort bloß ein einziger Magyare neben 313 Deutschen) und Kleinnahring (217; davon 210 Kroaten); schließlich die deutschen Gemeinden Deutsch-Großdorf
(396) und Pernau (700).

Luising komm doch zum Burgenland
Am 10. Jänner 1923 übergibt die Grenzkommission in Oberschilding die Gemeinden Schilding, Nahring, Kroatisch-Schützen und Großdorf an den Vizegespan des Burgkomitats Eisenburg, Géza Herbst, der das Gebiet für Ungarn übernimmt. Stunden später übergibt die Kommission in Pernau diese Gemeinde an den genannten Vertreter Ungarns. Am selben Tag überantwortet die Kommission die Gemeinde Luising (184 Bewohner) an den Güssinger Bezirkshauptmann Ernst Mayerhofer.

Die Akte Grenzziehung wird erst 1924 endgültig geschlossen
Erst am 8. März 1923 räumt Österreich Bleigraben (Olmód), am Tag darauf als letzte Gemeinde Prostrum. Damit hat jedes der Länder auch die faktische Gewalt über die auf seinem Gebiet liegenden Ortschaften. Die Grenzkommission tagt letztmalig am 2. August 1924 in Ödenburg, dann sind alle offenen Fragen beantwortet. Japans Delegierter Juhachi Yamagutchi, der Mann, dessen Argumente dem Verlauf der Staatsgrenze maßgeblich ihren Stempel aufdrückten, ist bereits im Dezember 1922 ins Land der aufgehenden Sonne zurückgekehrt.