30 Jahre nach Ende der UdSSR: Zur heutigen Lage der Aussiedler

Rußlanddeutsche in der BRD

Ein Gastbeitrag von Johann Thießen

Durch die politischen Umbrüche in den späten 1980er Jahren in Europa ist die Tür nach Deutschland aufgegangen, und die Volksdeutschen strömten aus ihren Verbannungsorten, zerstreut im riesigen Rußland, um die Möglichkeit der Rückkehr nicht zu versäumen. Die Sehnsucht nach der Heimat der Ahnen, welche unsere Urgroß- und Großeltern seit dem Entstehen der UdSSR in sich getragen hatten, wurde auf einmal lebendig. In kurzer Zeit sind die deutschen Dörfer fast leer geworden. In einigen ging es so rasch, daß viele Häuser nicht verkauft wurden und zunächst leer standen.

So kamen 1989 schon 98.000 Rußlanddeutsche nach Deutschland. Der Zustrom von Aussiedlern aus der UdSSR in die BRD wuchs beständig und erreichte seinen Höhepunkt 1994 mit 213.000; insgesamt kamen über 2,5 Millionen. Nach dem Machtwechsel im Kanzleramt 2005 durch Merkel,
sank die Zahl der aufgenommenen Spätaussiedler drastisch ab – auf 4.000-7.000 im Jahr. Zwei Dinge muß man über die rußlanddeutschen Rücksiedler wissen:

  1. Die ersten Aussiedler, die in den 1960er und 1970er Jahren nach Deutschland kamen, wurden von den Bürgermeistern und Einwohnern wie Märtyrer, die aus dem Gesinnungskerker ausgebrochen waren, empfangen. In den 1980er Jahren, als immer mehr ankamen, trübte sich die Freude der hiesigen Bevölkerung allmählich.

    Wenn damals rein deutsche Familien ankamen: kinderreich, christlich fromm, mit guten Deutschkenntnissen (in der Regel Dialekt), so änderte sich die Situation allmählich. Es kamen ab Anfang der 1990er immer mehr Familien, wo ein Ehepartner anderer Nationalität war, in der Regel Russe. Die Deutschen waren ein begehrtes Heiratsobjekt für die Russen geworden, um den katastrophalen Zuständen in der UdSSR zu entkommen. Dazu kamen noch die Deutschen, die lange Zeit in den Städten in einem rein russischen Umfeld gelebt und die – wenn sie keine Oma in der Familie hatten –, kaum Sprachkenntnisse besaßen. Manchen mangelte es auch an Deutschbewußtsein, wenn sich die Eltern darum nicht gekümmert hatten. Doch dieses nationale Bewußtsein ist viel wichtiger als Kenntnisse der Sprache. Die Sprache kann man erlernen, das Volkszugehörigkeitsgefühl anzuerziehen ist wesentlich schwerer, manchmal sogar unmöglich. Diese Faktoren haben eine große Auswirkung auf die Wiedereingliederung, auf das Einleben in einem noch unbekannten Deutschland mit allen möglichen daraus resultierenden Folgen.
  1. Der andere, nicht weniger bedeutende Aspekt ist, daß nur ein Teil der „Russischsprachigen“ (wie einige gerne alle, die aus der ehemaligen
    UdSSR nach Deutschland eingewandert sind, bezeichnen) etwas mit den Deutschstämmigen zu tun hat. Die „Russischsprachigen“ sind ein ziemlich buntes Gemisch: Das sind die 100.000 „Kontingentflüchtlinge“ (jüdischer Abstammung), das sind die russischen Ehepartner mit ihrem Anhang, das sind auch „Flüchtlinge“ aus dem Kaukasus, Mafiabanden und vieles mehr. Aber all das Negative, daß durch diese „Russischsprachigen“ entsteht, geht automatisch auf das Konto der Aussiedler – der Rußlanddeutschen.

Die bundesdeutsche Politik war bemüht, uns das Leben zu erschweren, allein schon dadurch, daß die Einreisebedingungen für die Mischehen
und den russischen Anhang ab Mitte 1990er Jahren vereinfacht wurden, für die Deutschen aber erschwert: Allein durch die Einführung von Sprachtests wurde für viele Deutschstämmige die Tür nach Deutschland verschlossen.

In den Medien wurden die Rußlanddeutschen grundsätzlich negativ dargestellt: Sie integrierten sich schwer, beherrtschen die deutsche Sprache schlecht, lebten in russischen Verhältnissen mit Prügeleien und Alkohol, hingen der Renten und Sozialkasse nur auf der Tasche, kosteten also den Staat nur Geld und brächten wenig Nutzen.

Die Wirklichkeit sah aber ganz anders aus: Die Spätaussiedler plünderten nicht die Staatskassen aus, im Gegenteil. Die Zahlen z.B. des ,,Instituts der deutschen Wirtschaft (IW)“ für 1997 beweisen, daß die Aussiedler die Sozialversicherung und die deutsche Wirtschaft nicht nur belasteten, sondern auch sehr viel dazu beitrugen, um die angeschlagenen gesetzlichen Sozialkassen zu sanieren. Nach den Angaben des IW betrug die finanzielle Auswirkung der Aussiedlerzuwanderung in den Jahren zwischen 1989 und 2000 auf den BRD-Haushalt (Finanzierungssaldo: zwischen Einnahme und Ausgabe) 135,1 Mrd. DM. Die Arbeitslosenquote lag bei den Rußlanddeutschen immer unter dem BRD-Durchschnitt: In den 1990er Jahren z.B. lag der BRD-Durchschnitt bei 10,4 und 12,3% und bei den Aussiedlern zwischen 9,5 und 11,9%. Dazu wiesen noch die rußlanddeutschen Spätaussiedler eine günstige Altersstruktur auf. So waren im Jahr 2005 66% aller Rußlanddeutschen jünger als 39 Jahre.

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