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In Rußland darf geforscht werden

Aktuelle russische Militärgeschichtsforschung zum 22. Juni 1941

Alle noch so schlagenden neuen Erkenntnisse zum „Überfall“ der deutschen Wehrmacht auf die „friedliebende Sowjetunion“ konnten die offiziöse BRD-Geschichtsschreibung nicht von ihrer eisern behaupteten Lesart abbringen. Auch wenn diese immer unhaltbarer wird, ist man in Mitteleuropa von einem freien wissenschaftlichen Diskurs weit entfernt, da für die Lakaien der alliierten Siegergeschichtsschreibung deren Dogmen unantastbar sind. In Rußland ist das anders…

Ein Beitrag von Mario Kandil

Ein Historiker, der in der heutigen BRD Positives zu Viktor Suworows Buch „Der Eisbrecher: Hitler in Stalins Kalkül“ (1989) äußern würde, sähe sich schnell als „Revisionist“, bestenfalls als „Spinner“ abgestempelt. Dies widerfuhr hierzulande dem Polen Bogdan Musial mit seinem Buch „Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen“ (2008).

Intensive militärgeschichtliche Forschung seit Ende der UdSSR

Suworow hat seine Schwächen, denn er schrieb seinerzeit eine reine Literaturarbeit, und so fehlten ihm alle dokumentarischen Belege. Auch war er sich wohl selbst nicht ganz sicher, ob Stalin nun im Juli 1941 oder erst 1942 oder gar erst 1943 angreifen wollte. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde in Rußland zu diesem Thema weiter geforscht, und russische Historiker speziell der mittleren und jüngeren Generation haben erbittert für und wider gestritten und dabei viel neues Material entdeckt. Mangels sprachlichen Zugangs, jedoch auch wegen ideologischer Scheuklappen wird dieses in Deutschland allerdings so gut wie gar nicht gewürdigt.

Isaew und Solonin

Aus der russischen militärhistorischen Strömung der „Suworowisten“ – sie wird übrigens in Rußlands Militärgeschichtsschreibung immer stärker – seien an dieser Stelle zwei Vertreter näher beleuchtet: Alexej Isaew und Mark Solonin. Isaew ist „Ziehkind“ des Armeegenerals Gareew, des ranghöchsten russischen Militärhistorikers und hat daher einen deutlich besseren Aktenzugang als Solonin. Dieser hingegen ist der Mann des besseren Schreibstils und der besseren Analyse. Beide ergänzen einander gut, da jeder seine speziellen Forschungsschwerpunkte hat.Der 1974 geborene Isaew sieht sich erstaunlicherweise als „Antisuworowist“, wiewohl er de facto ein „Suworowist“ ist. Hier wird vor allem auf sein 650 Seiten starkes Werk „Das Wunder der Grenzschlachten. Was geschah eigentlich im Juni 1941?“ (Moskau 2013) Bezug genommen.

Russischer Historiker fragt: Was geschah eigentlich im Juni 1941?

Isaew versucht darin, die für die UdSSR vollkommen mißlungenen Grenzschlachten von 1941 zu erklären, weil alleine schon die 1. Strategische Staffel der Roten Armee an Menschen, Kanonen, Panzern und Flugzeugen der sie am 22. Juni 1941 angreifenden Wehrmacht deutlich überlegen war. Der wertvollste Teil dieses Buches ist allerdings der, in dem Isaew im Gegensatz zum Rest seines Werkes keine Fußnoten und Aktennummern angibt, wenn er auf die Kriegsplanungen der UdSSR-Grenzmilitärbezirke sowie auf die strategische Grundidee der sowjetischen militärischen Planungen zu sprechen kommt. Demnach waren die sowjetischen Planungen eindeutig offensiv, und die Truppenaufstellung war ganz klar für den Angriff vorgesehen.

Der 23. Juni: „Tag M“

Solonin, 1958 geboren und seit 2016 in Estland lebend, hat ebenfalls intensive Aktenstudien betrieben, wie seine Fußnoten belegen, hat aber trotzdem nur den Zugang eines „normalen“ russischen Historikers und ist keineswegs so privilegiert wie der im Institut für Militärgeschichte des russischen Generalstabs tätige Isaew. Zum Ausgleich besitzt Solonin eine stupende Kenntnis aller in gedruckter Form vorliegenden sowjetischen Dokumente zum Jahr 1941, und zugleich ist er ein messerscharfer Logiker. Sein wichtigstes Buch ist das 500-Seiten-Werk „Der 23. Juni: ‚Tag M’“ (Moskau 2019), wobei „M“ für Mobilmachung steht. Solonin arbeitet stets exakt, und bei ihm ist buchstäblich jede Angabe mit einer Fußnote zwecks Akten- bzw. Literaturnachweis versehen. In seinem hier erwähnten Hauptwerk trennt er immer scharf das durch ihn dokumentarisch Beweisbare und das von ihm auf der Basis von Indizien hypothetisch Angenommene.

Wann wollte Stalin angreifen?

Neu und interessant sind Solonins Betrachtungen über den Zeitpunkt des von Stalin geplanten Angriffs gegen Deutschland. Trotz der vorhandenen (und in Rußland sogar teilweise publizierten) sowjetischen Planungsdokumente kann Solonin hinsichtlich der Intentionen Stalins fast immer nur Indizienbeweise führen. Diese zeugen allerdings von Logik und scharfer Analyse und sind, soweit es möglich ist, durch Fußnoten belegt. Demzufolge ging Stalin noch zu Beginn des Jahres 1941 ganz fest davon aus, gegen Deutschland erst 1942 militärisch anzutreten. Deswegen plante er für das Jahr 1941 größere Truppenneuaufstellungen, Umrüstungen im Bereich der Bewaffnung sowie die Verbesserung der Truppendislokation für den Angriff. Da Stalin gemäß Solonin den Krieg gegen Deutschland selbstbestimmt beginnen wollte und – so unwahrscheinlich dies auch klingen mag –Hitler ihm anscheinend um weniger als 24 (!) Stunden zuvorkam, geriet die gewaltige sowjetische Angriffsmaschinerie an der Westgrenze in unermeßliche Schwierigkeiten und wurde in den Grenzschlachten nahezu komplett zerschlagen. Das Überleben der Sowjetunion rettete bloß die seit Mai 1941 gedeckt angelaufene, heimliche Mobilmachung mitsamt dem Umstand, daß die 2. Strategische Staffel der Roten Armee (wiewohl aus anderer Ursache) bereits Wochen vor dem 22. Juni 1941 mit der Bahn in Richtung Westen unterwegs war.

Setzten sich die Revisionisten in Rußland durch?

Die „Suworowisten“ sind in siegreichem Vorgehen begriffen, und es tauchen immer mehr Fakten und Dokumente auf, die deren Auffassungen als plausibel und diskussionswürdig erscheinen lassen. Die schwache Stelle der „Suworowisten“ liegt aktuell darin, daß sie bezüglich der intendierten Absichten Stalins stets nur mit Indiziennachweisen arbeiten und sich nicht auf konkrete Dokumente mit Stalins Unterschrift beziehen können. Außerdem können sie die politischen Hintergründe der von ihnen behaupteten Handlungen Stalins im Mai/Juni 1941 (noch) nicht zuverlässig erklären. Es ist allerdings zweifelhaft, ob bei dem überaus vorsichtigen Stalin solche beweiskräftigen schriftlichen „Dokumente“ je existiert haben bzw. ob sie das Jahr 1941 oder seinen Tod 1953 überdauerten. Allerdings beweisen das langjährige Leugnen des „Nichtangriffspaktes“ von 1939 sowie der Fall Katyn, daß man in der Sowjetunion und heute in Rußland auf Regierungsseite notfalls die Wahrheit bis aufs Messer abstreitet und den Archivzugang unter Verschluß hält.
Jedoch braucht in Deutschland (wo das ja für das offiziöse Geschichtsbild von lebenswichtiger Bedeutung ist) niemand zu befürchten, daß, sollten sich jemals die „Suworowisten“ in der russischen Militärgeschichtsschreibung durchsetzen, dies zu einer posthumen Entschuldigung von Hitlers Angriff auf die UdSSR führen würde. Denn Hitler und die Wehrmachtführung – dies besagen alle bisherigen ernsthaften Forschungen in Deutschland wie in Rußland – hatten von den in der UdSSR vor dem 22. Juni 1941 abgelaufenen militärischen und politischen Entscheidungsfindungen keinerlei Kenntnis. Also kann von einem „Präventivschlag“ Hitlers unmöglich die Rede sein. Dieser scheint am 22. Juni 1941 nur wieder einmal – jetzt aber zum letzten Mal – in seiner „erratischen“ Kriegsführung unverhofftes Glück gehabt zu haben, daß er den Feind derart zu überraschen vermochte.