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Der unvollendete Sängerkrieg

Der „Tannhäuser“ beschäftigte Wagner bis zum letzten Atemzug

Am 19. Oktober 1845 wurde Richard Wagners fünfte Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ im Königlich Sächsischen Hoftheater in Dresden uraufgeführt. Der Komponist stand selbst am Pult. Obwohl das Publikum freundlich applaudierte, hegte Wagner dennoch aus seiner „eigenen inneren Erfahrung die Überzeugung“ , daß die Aufführung dieser – später als Urfassung bezeichneten Version – mißglückt sei.

Ein Beitrag von Hermann T. Attinghaus

Wie den Stoff des „Fliegenden Holländers“ lernte Wagner die Tannhäuser-Sage durch Heinrich Heine kennen. Dieser hatte die Legende „Der Tannhäuser“ 1837 im dritten Band seines „Salons“ veröffentlicht. Wagner lernte diese Sage aber auch noch aus anderen Quellen kennen. Da ist zunächst das Volksbuch vom Venusberg zu nennen, dann das mittelhochdeutsche Gedicht vom Sängerkrieg auf der Wartburg, das einen Dichterwettstreit, der um 1200 auf der Wartburg stattgefunden haben soll, behandelt. Weiters die Erzählung „Der getreue Eckart und der Tannenhäuser“ von Ludwig Tieck (1799), die Erzählung „Der Kampf der Sänger“ (1818) aus dem zweiten Band von E. T. A. Hoffmanns „Serapionsbrüder“ und schließlich das Spiel „Der Sängerkrieg auf der Wartburg“ (1828) von Friedrich de la Motte Fouqué.

Wagner gestaltete den Stoff neu

Wie bei anderen Werken auch genügte es Wagner nicht, die Sage bloß für die Opernbühne zu bearbeiten, sondern er gestaltete aus dem Rohmaterial des Stoffes etwas ganz Neues, Eigenes. Ursprünglich haben die Sage vom Venusberg, die Legende von der heiligen Elisabeth und das mittelalterliche Gedicht vom Sängerkrieg auf der Wartburg gar nichts miteinander zu tun. Wagner hingegen verbindet diese Überlieferungen.
Paris verließ Wagner, wo er einige Jahre in Not und Elend verbracht hatte, im April 1842, um nach Dresden zu reisen, wo sein „Rienzi“ uraufgeführt werden sollte. Die unbequeme Reise dauerte fünf Tage bei denkbar schlechtem Wetter. Zwei Tage mußte er „bei unausgesetztem Sturm, Schnee und Regen“ ertragen.

Der einzige erfreuliche Augenblick war die Begegnung mit der Wartburg, „an welcher wir in der einzigen sonnenhellen Stunde dieser Reise vorbeifuhren.“
Der Anblick regte ihn ungemein an – ,,einen seitab von ihr gelegenen Bergrücken stempelte ich sogleich zum ‚Hörselberg‘…“ –, und vor seinem inneren Auge entstand der dritte Aufzug. Schon beim Anblick des Rheins, den er zum ersten Mal sah, schwor er, wie er in der autobiographischen Skizze schreibt, „mit hellen Tränen im Auge“ dem „deutschen Vaterlande ewige Treue.“ Nach dem Triumph des „Rienzi“ am 20. Oktober 1842 und der Uraufführung des „Fliegenden Holländers“ am 2. Jänner 1843 wird Wagner zum königlichen Hofkapellmeister ernannt. Am „Tannhäuser“ arbeitete er schon seit dem Sommer 1842. Während dieser Zeit verbrachte er gerne die Sommerfrische in Böhmen.

Der Schreckenstein bei Aussig inspirierte Wagner

In Aussig beim Schreckenstein quartierte er sich ein und machte ausgedehnte Wanderungen. „Die phantastische Einsamkeit regte meinen Jugendmut … wieder auf, daß ich eine volle Mondnacht, in das bloße Bettuch gewickelt, auf den Ruinen des Schreckensteins herumkletterte um mir so selbst zur fehlenden Geisterscheinung zu werden, wobei mich der Gedanke ergötzte, von irgend jemand mit Grauen wahrgenommen zu werden.“ Wenige Wochen nur braucht er für den ersten Prosaentwurf zum „Venusberg“, wie das Werk ursprünglich heißen sollte; gleich darauf verfaßt er den zweiten Prosaentwurf. Die Operndichtung vollendet Wagner im April 1843, die Partitur schließt er am 13. April 1845 ab. Die Uraufführung im Oktober desselben Jahres wird kein großer Erfolg, daher arbeitet er das Werk zwei Jahre später um, es entsteht die sogenannte Dresdener Fassung, aber der Erfolg bleibt – zunächst – aus. Auch die 1861 für Paris erstellte Fassung wird kein Erfolg.

Der „Tannhäuser“ beschäftigte Wagner bis zuletzt

Bis an sein Lebensende trägt sich Wagner mit dem Gedanken, den „Tannhäuser“ umzuarbeiten. Wenige Wochen vor seinem Tod im Februar 1883 meint er in Venedig zu Cosima, er sei „der Welt noch den ‚Tannhäuser‘ schuldig“. Als Drama halte er ihn zwar für vollkommen, allerdings billige er keine der drei Fassungen, „weil in der Musik ihm einiges zu wenig ausgeführt dünkt“, wie Cosima in ihrem Tagebuch berichtet. Er kam nicht mehr dazu, eine endgültige Fassung seiner Oper zu komponieren, drei Wochen später starb er im Palazzo Vendramin. Der „Tannhäuser“ hat dennoch über Graz und Wien seinen Siegeszug um die Welt angetreten.