Fotos: Der ECKART

Ein museales Kleinod in Wien: Das Böhmerwaldmuseum

Nicht tief drin im Böhmerwald, sondern mitten im Herzen Wiens

Lange waren die Wiener Museen geschlossen, doch seit kurzem haben fast alle wieder geöffnet. Wer nach der „museumslosen Zeit“ wieder Lust bekommen hat, eine interessante Sammlung anzusehen, für den haben wir eine ganz besondere Empfehlung: Das unweit des Wiener Stadtparks gelegene, kleine, aber feine Böhmerwaldmuseum…

Ein Lokalaugenschein von Christoph Bathelt

Das Böhmerwaldmuseum ist im Grunde kein Museum, in dem man modern audiovisuelles Entertainment konsumieren kann – es ist vielmehr ein Schatzkästlein, in dem man stöbern und entdecken kann. Vieles in dieser Sammlung ist schon sehr alt, bereits im 19. Jahrhundert kamen aufgrund der vielfach besseren Lebensumstände und Perspektiven viele Böhmerwäldler in die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien und fanden sich in Heimatgruppen zusammen. Erst recht nach Gründung der Tschechoslowakei, als die wirtschaftliche und politische Lage hart wurde, und dann ganz besonders nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach der Vertreibung 1945 erhielten diese Gruppen viel Nachwuchs.

Anfangs wurde die Sammlung in Gasthäusern gezeigt

Mit dem Verlust der Heimat kam dann bald der Wunsch nach einem eigenen Museum auf, der sich 1952 im Verein „Erstes Österreichisches Böhmerwaldmuseum“ manifestierte und von den beiden Wiener (sic!) Schriftstellern Herbert von Marouschek (1909-1961) und Karl Haudek (1892-1958) gegründet wurde. Nachdem die Sammlung anfangs in verschiedenen Gasthäusern gezeigt wurde, wurde sie bereits 1955 unter Denkmalschutz gestellt und 1960 mit der Erzgebirger Heimatstube zusammengelegt. Seit 1967 ist sie in einem historischen Gebäude in der Ungargasse 3 untergebracht. In diesem Potpourri aus Haushalt- und Handwerksgegenständen, Bildern, Souvenirs und Sentimentalitäten finden regelmäßig Ausstellungen statt, erfreulicherweise seit einigen Jahren auch Kooperationen mit Regionalmuseen der alten Heimat wie Krumau, Außergefild oder Gratzen.

Regelmäßige Sonderschauen

Zusätzlich gibt es regelmäßig Sonderschauen, die jüngsten waren Andreas Hartauer, dem Schöpfer des Böhmerwaldliedes und dem Dichter, Musiker, Maler und Grafiker Hans Nachlinger gewidmet. Das Museum beteiligt sich an der populären „Langen Nacht der Museen“, um die Sammlung auch einem jüngeren Publikum näherzubringen. Zu dieser gehören 16.000 Postkarten, 25.000 Bücher, über 10.000 historische Fotos und unzählige Trachten.

Die Anton-Günther-Ecke

Die Postkarten sind besonders wichtig, da auch eine Ecke (BILD oben) dem Erzgebirger Volksdichter Anton Günther (1876-1937) gewidmet ist, dem Erfinder der „Liedpostkarte“. Dieser war nämlich gelernter Lithograf und nutzte sein Handwerk, um seine beliebten Lieder besser verbreiten zu können.
Eine ebensolche „Ikone“ gilt dem Erbe Adalbert Stifters, dessen Totenmaske, Büste und zahlreiche Abbildungen an den großen Schriftsteller erinnern.
Interessant und weitestgehend unbekannt ist z.B. die Tatsache, daß im Böhmerwald – insbesondere im Moldautal – wie in Holland Holzschuhe gefertigt wurden. Die Herstellung im waldreichen Gebiet war sehr verbreitet, und so sieht man in der Ausstellung nicht nur ein paar Exemplare, sondern auch das nötige Handwerkszeug, um diese herzustellen. Unter der fachkundigen Leitung von Dr. Gernot Peter ist das Museum nicht nur ein spannender Ort zum Erkunden, sondern bietet auch Hilfe bei Ahnenforschung, historischen Projekten oder individuellen Fragestellungen. Und noch dazu ist es kostenlos – Spenden erwünscht!

Das unweit des Bahnhofes Wien-Mitte (U3/U4) gelegene Böhmerwaldmuseum ist ganzjährig an Sonntagen von 9:00 bis 12:00 Uhr und gegen telefonische Voranmeldung bei Dr. Peter geöffnet. (Aufgrund der derzeitigen Situation sollte man sich unbedingt vorher über die Wiedereröffnung bzw. die aktuellen Öffnungszeiten kundig machen – siehe nachstehende Kontaktdaten!)

Böhmerwaldmuseum Wien und Erzgebirger Heimatstube
Ungargasse 3/2/10, 1030 Wien
Tel.: +43 (0)664 8888 2824
boehmerwaldmuseum@aon.at
www.boehmerwaldmuseum.at