Major Jürgen Wirth Anderlan bei seiner Rede anläßlich der Einweihung des Marksteins am Latzfonser Kreuz.
Foto: Der ECKART

Vom Abgang eines Südtiroler Schützenkommandanten

Zum Rücktritt von Jürgen Wirth Anderlan

Darf der Landeskommandant der Schützen rappen? Und wenn ja, worüber? Rund um diese Fragen ist in Südtirol ein heftiger Streit entbrannt. Der Grund: Jürgen Wirth Anderlan, seines Zeichens (ehemaliger) Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes, hatte in einem Rapvideo zur Jahreswende Heimatverräter und Opportunisten gegeißelt und die „DNA des SSB“ (Südtiroler Schützenbundes) charakterisiert. Nach harten Angriffen, auch aus den eigenen Reihen, trat Wirth Anderlan nun zurück.

Ein Gastbeitrag von Raphael Mayrhofer

Mit einem rappenden Schützenkommandanten hatte wohl niemand gerechnet. Selbst die Bundesleitung der Schützen nicht. Wirth Anderlan hatte auch sie in Unkenntnis über die geplante PR-Aktion gelassen. Möglicherweise weil er befürchtete, konservative Schützen würden ihr Veto gegen die geplante Aktion einlegen. Nicht nur äußerlich galt der volltätowierte Bartträger und leidenschaftliche Motorradfahrer schon vor dem Skandalvideo als unkonventionell.
Viele, gerade junge Schützen, feierten ihn deshalb als Hoffnungsträger der Freiheitsbewegung.

Spektakuläre und witzige Aktionen von Wirth Anderlan

So setzte er mit Aktionen wie dem Überkleben der deutschen Ortsnamen oder dem Überreichen von Eiern an Politiker, denen ebenjene fehlen würden, deutliche Zeichen. Sein Rapvideo „Mamma Tirol“ sollte wohl in dieselbe Kerbe schlagen. Auf den darauf folgenden Gegenwind war Wirth Anderlan vorbereitet. Bereits in der Videobeschreibung hieß es dazu prophetisch: „Unsere Kritiker werden uns in der Luft zerreißen.“
Die Reaktionen der Linksliberalen – Grüne, des Landesbeirates für Chancengleichheit sowie der Südtiroler Hochschülerschaft – ließen nicht lange auf sich warten.

Politisch-korrektes Geheul: homo- und xenophob

Das Lied sei homophob „Im Park vor meinem Haus liebt der Dieter den Peter“ und sexistisch: „Sie passen sich an diesem maroden System. Die Brieftasche ist voll, und meine Frau ist schön.“ Und gar xenophob: „Migranten, Studenten und viele Propheten, vergessen ihre Wurzeln und retten den Planeten“.
Der Landesbeirat für Chancengleichheit startet zudem eine Petition, die den vermeintlich „antifeministischen“ Grundton des Liedes sogar mit der Ermordung einer prominenten Ausländerin in Verbindung brachte. Eine mediale Hexenjagd, die ihre Wirkung nicht verfehlte.

Morddrohungen gegen Familie

Morddrohungen gegen Wirth Anderlan und seine Familie waren der traurige Höhepunkt dieser Schmutzkampagne.
Doch es waren schlußendlich nicht die externen Angriffe, sondern der Eigenbeschuß, der den 49-jährigen Kalterer zum Rücktritt bewegte. Neben zahlreichen positiven Rückmeldungen durch die rund 5.000 Schützen kam es bald nämlich auch zu medialen Attacken und Distanzierungen von Seiten des Nordtiroler Landeskommandanten sowie einzelner Schützenfunktionäre und Kompanien.

Rücktritt bei Bundesleitungssitzung

In der kurzfristig einberaumten Sitzung der Bundesleitung am 8. Januar endete die Ära Wirth Anderlans dann überraschend.
Vermutlich – sowohl Wirth Anderlan als auch die Bundesleitung schweigen über den genauen Hergang – soll es dem Landeskommandanten nach dem Verlesen mehrerer Wutbriefe einzelner Kompanien gereicht haben. Noch bevor eine Kampfabstimmung über die Zukunft des Kalterer Bauern entscheiden konnte, stand er auf und nahm mit dem Rücktritt sein Schicksal selbst in die Hand.

Mann mit Ecken und Kanten

Mit Jürgen Wirth Anderlan geht eine nonkonforme und innovative Persönlichkeit. Ein Mann mit Ecken und Kanten. Was bleibt, ist eine Bundesleitung, die ihrem Kommandanten angesichts feindlicher Feuersalven nicht den Rücken stärkte, sondern die Treue verweigerte.
Was bleibt, ist die Frage nach der Zukunft der Schützen. Man muß es nicht gut finden, wenn der Landeskommandant rappt.

Kameradschaft steht über allem

Aber wer sich „Kameradschaft“ und „Treue“ auf die Fahnen schreibt, doch beim kleinsten politisch korrekten Gegenwind einknickt und den Kameraden im Stich läßt, der ist ein Feigling. Und ist es wirklich das, was der Schützenbund sein will?
Ein zaghafter Folkloreverein, der bei Umzügen als wandelnde Museumstruppe herumspaziert, der politisch brav, still und lethargisch ist. Der im Gleichschritt auf der Stelle tritt und es sich im warmen Sessel des Opportunismus‘ gemütlich gemacht hat? Oder wollen sie das sein, was den Schützenbund ausmacht. Ein Wehrverband, der auch mal laut und ruppig vorwärts marschiert. Für ein geeintes Tirol. Ein Schützenbund mit Ecken, Kanten und… Eiern.