Mit dieser Postkarte wurde in den 1980er Jahren für Zweisprachigkeit bzw. für den Erhalt der deutschen Muttersprache im Elsaß geworben.

Hans Dichand und die Elsässer

Eine Anmerkung zum 100. Geburtstag von Österreichs Boulevardkönig

Am Sonntag, den 24. Jänner gedachte die „Kronen Zeitung“ in ihrem Sonntagsmagazin anlässlich des bevorstehenden 100. Geburtstages am 29. Jänner ihres verstorbenen Gründers Hans Dichand. Ausführlich wurde sein Leben gewürdigt, Fotos mit und Beiträge von Prominenten, wie dem Bundespräsidenten und dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn gaben einen eindrucksvollen Überblick über sein Leben. Ein Hinweis auf seine Jugend in den bewegten Jahren der Zwischenkriegszeit durfte ebenso wenig fehlen wie die Erwähnung seiner Militärzeit, wobei der Untergang seines Schiffes im Jahre 1941, der ihn fast das Leben gekostet hätte, zweifellos das prägendste Erlebnis der Kriegsjahre gewesen war. Im Zentrum des Berichts stand aber sein journalistischer Werdegang, sein Aufstieg zum mächtigsten Zeitungsmacher Österreichs.

Ein Beitrag von Dr. Herbert FRITZ

Diese Würdigung möchte ich um ein Detail ergänzen, das in keiner Zeitung oder Medium Erwähnung fand, nämlich seine Unterstützung der Aktion „Elsässische Kinder nach Österreich“. 1980 hatte ich zu Ostern für meinen Freundeskreis eine Reise nach Frankreich organisiert. Auf der Rückreise von Paris besuchten wir in Straßburg den Rene-Schickele-Kreis, der sich die Erhaltung, bzw. Wiedergewinnung der Zweisprachigkeit der Elsässer zum Ziel gesetzt hatte. Das heißt konkret: Rettung der im Elsaß bedrohten deutschen Sprache. Pfarrer Jean Keppi, der Präsident des Kreises gab uns einen Überblick über den dramatischen Rückgang der deutschen Sprachkenntnisse im Elsaß und die Bemühungen seiner Organisation, diesen zu stoppen.

Jahrelang war nach dem 2. Weltkrieg jeder Versuch, die elsässischen Kinder ihre Muttersprache zu lehren, mit dem Hinweis auf „Pangermanismus“ und „Neonazismus“(!) diffamiert und abgewürgt worden. Franzosen und Französlinge erklärten die schöne elsässische Mundart zur eigenen Sprache, die mit dem Deutschen nur am Rande verwandt sei. Deutsch war die Sprache des Feindes, und es wurde so getan, als hätten „die Preußen“ zwischen 1871 und 1918 den Elsässern die deutsche Sprache aufgezwungen. Die „patriotische“ Haltung der Menschen wurde gemessen an der Verachtung, die sie der deutschen Sprache entgegengebrachten. Versuche heimatbewußter Menschen, eine Änderung herbeizuführen, misslangen immer wieder, teilweise sogar nach beachtlichen Anfangserfolgen.

Der Rene-Schickele-Kreis

Erst mit der Gründung des Rene-Schickele-Kreises 1968 als Sammelbecken jener Kräfte, denen es vor allem um die Rettung nicht nur der Mundart, sondern auch der deutschen Hochsprache im Elsaß ging, begann sich zaghaft eine Wende anzubahnen. Die Ziele de Kreises:
– Gebrauch von „Elsässisch“ in der Kleinkinderschule.
– In allen Schulen Unterricht in deutscher Sprache ab Schulbeginn.
– Zweisprachige Orts- und Straßenschilder.
– Zweisprachigkeit des gesamten öffentlichen Lebens.

Nachdem der Kreis 1970/71 freiwillige Deutschkurse zu organisieren begann und – trotz Behinderung durch staatliche Stellen –, 1972 bereits 61 Kurse in 23 Ortschaften mit weit über 1.000 Schülern liefen, erhielt Georges Holderith, Generalinspektor für Deutsch und gebürtiger Elsässer, für sein offizielles Experiment, die deutsche Sprache ab der 4.Klasse Volksschule, also ab dem 9. Lebensjahr, 2,5 Stunden pro Woche anzubieten, dafür auch die staatliche Genehmigung. Da diese Kurse auch für Lehrer freiwillig sind, wurden nicht alle Kinder erreicht, zum Zeitpunkt unseres Besuches etwa 30%. Der Schickele-Kreis tritt weiter dafür ein, den Deutschunterricht schon früher beginnen zu lassen, vor allem aber die Möglichkeit zu schaffen, in den Kleinkinderschulen die Mundart zu verwenden. Die Eltern schicken ihre Kinder im Durchschnitt im Alter von drei Jahren dorthin, und man kann sich leicht vorstellen, wie es danach mit der Beherrschung der Muttersprache aussieht. Die Franzosen schaffen bereits vollendete Tatsachen, bevor das Kind überhaupt in die Schule kommt.

„Elsässische Kinder nach Österreich“

Unser Treffen mit Pfarrer J. Keppi, einer beeindruckenden Persönlichkeit, sollte zur Geburtsstunde der Aktion „Elsässische Kinder nach Österreich“ werden. Wir boten ihm an, im kommenden Sommer zunächst fünf elsässische Kinder nach Österreich für einen dreiwöchigen Urlaub einzuladen, um ihre Sprachkenntnisse in ihrer Muttersprache zu fördern. Er nahm erfreut an und meinte zum Abschied: „Aber bitte betreiben sie die Sache nicht zu missionarisch…“ Tatsächlich hatten sich bereits im ersten Jahr elf Familien aus unserem Freundeskreis bereit erklärt, ein elsässisches Kind aufzunehmen. Danach begannen wir, die Aktion auszubauen.

Zunächst warben wir in der 1981 gegründeten Zeitschrift „Der Völkerfreund“ und in befreundeten Kreisen später auch in anderen Zeitungen. Eine namhafte Spende (einer deutschen Stiftung) ermöglichte uns eine Postwurfsendung, in der wir unsere Zeitschrift an jeden Vorarlberger Haushalt schicken konnten. Wir suchten in Österreich Familien, die bereit waren, ein elsässisches Kind für drei Wochen aufzunehmen, und die rührige und tüchtige Mademoiselle Anne-Marie Keppi, die Schwester Pfarrer Keppis, rekrutierte im Elsaß die Kinder. Bereits bei der zweiten Aktion im Sommer 1981 konnten wir 56 Kinder in befreundeten Familien unterbringen.

Dichand förderte großzügig unsere Aktion

Eine gewaltigen Aufschwung und österreichweiten Bekanntheitsgrad erfuhr die Aktion durch die Unterstützung der „Kronen Zeitung“. Ein gemeinsamer Bekannter, der Gefallen an der Aktion gefunden hatte, machte mich mit Hans Dichand bekannt. Schon nach einem kurzen Gespräch erklärte sich der Chef der größten österreichischen Tageszeitung, der sich über die sprachliche Situation der Elsässer voll informiert gezeigt hatte, bereit zu helfen. Am 9. Mai 1982 erschien ein Aufruf in der „Kronen Zeitung“: „Wer lädt ein Kind aus dem Elsaß ein?“ (Siehe „Krone“-Zeitungsausschnitte unten: links der erste Aufruf vom 9. Mai 1982 und rechts jener vom 23. 7. 1988.) Beeindruckend war dabei nicht nur die große Reichweite der „Kronen Zeitung“, sondern vor allem die Tatsache, daß sich Hans Dichand bereit erklärte hatte, solange wir wollten, jedes weitere Jahr, einen gleichartigen Aufruf zu veröffentlichen. (Was in der heutigen „Krone“ sicher undenkbar wäre…) Tatsächlich erschien 1990 der letzte Aufruf. Danach ließen wir die Aktion ausklingen, die 1992 offiziell ihr Ende fand.

Weit über tausend elsässischen Kindern konnten wir in diesem Zeitraum einen dreiwöchigen Aufenthalt in österreichischen Familien vermitteln und somit einen bescheidenen Beitrag zur Erhaltung der deutschen Sprache im Elsaß leisten. Dank dafür gebührt vor allem den österreichischen Gastfamilien und allen an der Organisation und Werbung Beteiligten, aber Hans Dichand verdankt etwa die Hälfte aller eingeladenen elsässischen Kinder ihren Aufenthalt in Österreich. Es ist mir daher ein Bedürfnis, dies anlässlich des 100. Geburtstages von Hans Dichand dankbar in Erinnerung zu rufen.