Mehrere tausend “Spaziergänger” zogen aus Protest gegen die Corona-Zwangsmaßnahmen am 31. Jänner über den Ring und durch die Wiener Innenstadt.
Foto: Privat

Zwischen Wien und Moskau

Es ist ein schöner kalter Sonntag, dieser letzte Tag im Januar, ideal für eine zünftige Bratwurst beim Würstlstand. Im Radio höre ich, daß die Polizei großflächig Plätze gesperrt hat und versucht, mit massiver Präsenz Menschen einzuschüchtern, um keinerlei Kundgebungen zuzulassen – von Moskau ist die Rede.

Der Würstler hinter der Börse hat leider zu, der nahe der Votivkirche auch. Dafür starren mich dort schon 25 Polizisten böse an. Also weiter Richtung „MaHü“, dort muß es doch einen offenen Würstlbrater geben. Stattdessen treffe ich auf eine Demonstration. 100 Menschen, die meisten mit Maske, niemand hält den Mindestabstand ein. Der Polizei ist das egal, es geht hier um eine Demonstration für den russischen Regierungskritiker Nawalny. Warum dafür in Österreich während des Lock-Downs demonstriert werden darf, ist mir nicht so klar. Ich mache kehrt Richtung Stadtzentrum…

Wien oder Moskau – das ist hier die Frage!

Je weiter ich mich von der Nawalny-Demo entferne, desto mehr Polizisten schauen mich wieder grimmig an. Insgesamt müssen es hunderte sein, die hier Sonntagszuschläge kassieren, ohne daß mir der Sinn bewußt wird. Auf dem Weg in den ersten Bezirk komme ich am Ring vorbei. Dort sind tausende Menschen aus Protest gegen die Corona-Maßnahmen eng aneinandergereiht. Allerdings können die auch nicht anders – Polizisten deren Helme mich an „Star Wars“ erinnern, haben vorn und hinten Sperren über den Ring gezogen, und drängen sie immer enger aneinander. Falls das Virus auch im Freien übertragen wird, gibt sich die Polizei durch ihr Handeln alle Mühe Ansteckungen zu maximieren. Repression scheint hier vor Gesundheit zu gehen…

Ich suche das Weite: Beim Ballhausplatz ist abermals Schluß, die Polizei hat den Platz vorm Bundeskanzleramt weiträumig abgesperrt, um hier jede Demonstration zu verhindern. Mir will der Radiobericht nicht aus dem Kopf gehen. Warum berichtet Ö3, daß sowas gerade in Moskau passiert, nicht aber über Wien? Zum Glück gibt es noch ein paar freie Journalisten. Ich habe es endlich geschafft und genieße nahe dem Stephansplatz eine Bratwurst mit „schorf‘m“ Senf. Ungefähr zeitgleich, wird der Journalist Michael Scharfmüller (Info-Direkt) verhaftet, darüber wird allerdings auf Ö3 nicht berichtet.

Beeinträchtigte Wahrnehmung der Medien

Bei der Heimfahrt spricht der Verkehrsfunk von 3.000 Demonstranten, die sich in Wien versammeln und deshalb sei der komplette Ring, die „Zweierlinie“ und der gesamte Kai gesperrt. Wenn beim SPÖ-Maiaufmarsch nur der halbe Ring vom Karlsplatz bis zum Schottentor gesperrt ist, spricht man dagegen von 100.000 Menschen. Jetzt beginne ich auch zu verstehen, warum Zensur auf YouTube als Ergänzung zu den „Covid-Maßnahmen“ so wichtig ist. Ob die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Wertungen der „Qualitätsmedien“ den Menschen langsam auch auffallen? Oder wird man sich weithin mit den redaktionellen Vorgaben der Lügenpresse, „Rußland = böse Diktatur“ und „Österreich = lupenreine Demokratie“, zufrieden gegeben? (Christoph Seizer)