Poet, Publizist und Politiker: Dr. Fritz Stüber (18. 3. 1903 – 31. 7. 1978)

Der Zeit zum Trotz!

Erinnerungen an Dr. Fritz Stüber

Zwischen 1969 und 1971 erschien die dreibändige Sammelausgabe der Lyrik Fritz Stübers unter dem Titel „Der Zeit zum Trotz“. Dieser Titel wurde vom Dichter sehr bewußt gewählt, da Stüber als hervorragender Vertreter der „lyrischen Disziplin“ (Weinheber) kein „moderner“ Dichter im Sinne der Verfremdung und Zerstörung der deutschen Sprache war.

Ein Beitrag von Hermann T. Attinghaus

Als der österreichische Nationalrat am 7. Juni 1955 auf gemeinsamen Antrag aller Fraktionsführer den „Staatsvertragsentwurf unverändert zum Gesetz erhoben und im untrennbaren Zusammenhang damit die Neutralität beschlossen“ wurde, fehlte eine Stimme der insgesamt 165 Abgeordneten: Einer, der seit November 1953 keiner Fraktion mehr angehörte, hatte aus Gründen der Staatsräson das Plenum verlassen, um an der Abstimmung – deren Ausgang von vornherein feststand – nicht teilnehmen zu müssen. Es war Dr. Fritz Stüber, der eineinhalb Jahre zuvor Opfer einer innerparteilichen Intrige im VdU, dem Verband der Unabhängigen, einer Vorgängerorganisation der Freiheitlichen Partei, geworden war.
Bevor Stüber aber das Plenum verließ, hielt er – von keinerlei Klubzwang gehindert – noch eine mutige, ehrliche Rede, warum er diesem Gesetz nicht zustimmen könne und wolle.

Stübers bedeutendste Rede

Er hat es „mit aller Deutlichkeit ein für allemal ausgesprochen…, daß österreichisches Staatsbewußtsein und deutsches Volksbewußtsein in keinem feindlichen Gegensatz zu einander stehen, sondern durchaus miteinander vereinbar sind“ und zitierte den Bundeskanzler der Ersten Republik Prälat Dr. Ignaz Seipel, der festgestellt hatte, daß „die Nation unabhängig von der Staatszugehörigkeit die große Kulturgemeinschaft“ sei, die „uns Deutschen höher als der Staat“ steht und setzte hinzu: „Wir glauben nicht daran, daß der Staat die einzige Lebensform für die Nation ist, weil wir eine andere Geschichte als die anderen durchgemacht haben.“ Und Stüber ergänzte noch, „daß die volkliche Zugehörigkeit des österreichischen Stammes zur deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft… bis 1945 von niemandem ernstlich bestritten worden“ sei und nicht bestritten werden könne, „da eine gegenteilige Behauptung mit allen ethnologischen Tatsachen im Widerspruch“ stünde.

Heute 65 Jahre nach dem Abschluß des Staatsvertrages stellen sich viele Dinge ganz anders dar.
Post festum betrachtet war der Staatsvertrag ein großes Glück für Österreich, denn die Bundesrepublik Deutschland hat bis heute keinen vergleichbaren Vertrag und ist daher (auch wenn das die wenigsten Bundesbürger wissen oder wahrhaben wollen) kein souveräner Staat. Durch die unkontrollierte Migration ist die Bevölkerung der beiden deutsch(sprachig)en Staaten nachhaltig verändert worden. Sie setzte – bedingt durch das Wirtschaftswunder – in den 1960er Jahren ein; durch echte Kriegsflüchtlinge und mehr noch die Wirtschaftsimigranten sind Millionen Angehöriger fremder Völker und Religionen aus Asien und Afrika nach Europa gekommen und haben die Bevölkerungsstruktur der westlichen Staaten nachhaltig verändert. In Wien liegt z. B. der autochthone Bevölkerungsanteil bei den unter Vierzigjährigen bereits unter vierzig Prozent. Das war 1955 noch nicht vorhersehbar.

Waffenstudent, Jurist und Beamter

Die politische Laufbahn Dr. Fritz Stübers war nicht nur kurz, sie war auch nicht das vorrangige Ziel seiner Lebensplanung. Geboren 1903 in Wien als Sohn des Schriftstellers Fritz Stüber-Gunther studierte er Jus und erwarb 1929 den Doktorgrad an der Universität Wien. Während seines Studiums wurde er 1923 Mitglied der Akademischen Burschenschaft Vandalia, nach dem Krieg schloß er sich 1962 der Akademischen Burschenschaft Gothia an.

Mitbegründer und Wiener VdU-Landesobmann

Nach dem Gerichtsdienst als Rechtsanwaltsanwärter bis 1931 war er bei den Bezirkssteuerbehörden in Baden bzw. in Bruck an der Leitha und anschließend bei der Finanzlandesdirektion in Wien tätig. 1938 konnte er den ungeliebten Staatsdienst verlassen und wurde Schriftleiter des „Neuen Wiener Tagblatts.“ In den letzten Kriegstagen rückte er noch zum Bodendienst der Luftwaffe ein.
Nach seiner Entlastung durch den Volksgerichtshof 1949 war Dr. Fritz Stüber Mitbegründer des VdU, dessen Wiener Obmann und späterer Nationalratsabgeordneter er war. Nach seinem Ausschluß blieb er noch bis 1956 Abgeordneter.

Stüber prägte den „Eckartboten“

Dann zog er sich vom politischen Leben zurück und übernahm bis zu seinem Tod im Sommer 1978 die Schriftleitung des „Eckartboten“. Seine eigentliche Berufung sah Stüber nicht in den Niederungen der Tagespolitik, sondern im Bereich der Dichtung und der Kultur. Zu seinen großen Vorbildern zählten vor allem Goethe und Hölderlin sowie Friedrich Hebbel.
Ihm widmete er das Weihespiel „Des Geistes Blut bleibt unverloren“ (1968) und zu Hölderlins 200. Geburtstag (1970) erschien das Schauspiel „Zu wem so laut das Schicksal spricht“. Italien war, wie es sich für einen echten Romantiker geziemt, für ihn das Land der Sehnsucht schlechthin. Diese Sehnsucht nach dem Süden zeigt sich nicht nur in vielen Gedichten wie in den Sammlungen „Segel im Süden“ (1960) oder „In schwindendem Glanz“ (1971), sondern auch in dem wunderbaren Roman „Die Rosse von San Marco“. Darin schildert Stüber das abenteuerliche Schicksal der vier Pferdestatuen über dem Portal der Markuskirche in Venedig. Diese entstanden zur Zeit Alexanders des Großen in der berühmten Bildhauerschule des Lysippos auf Rhodos und kamen später über Chios nach Konstantinopel. Von dort wurden sie im 13. Jahrhundert nach Venedig gebracht. Napoleon ließ sie nach Paris schaffen, aber seit dem Wiener Kongreß befinden sie sich wieder in Venedig.

Bis ans Lebensende enorm schöpferisch

In zahlreichen satirischen Gedichten „Lachen der Dämonen“ (1971) und dem „Hexentanz der Gegenwart“ (1975) geißelt Stüber die Auswüchse der Wohlstandsgesellschaft. In „Demokrateia“ (1965), einem Spiel vom Parlament mit Pfeilen für Achillesfersen nimmt er vor dem Hintergrund des Peloponnesischen Krieges die würdelose Nachkriegspolitik aufs Korn. Seine bitteren Erfahrungen als Parlamentarier schildert er ausführlich, aber ohne Gehässigkeit in seinem Erinnerungsband „Ich war Abgeordneter“ (1974). Seiner Heimatstadt Wien setzte Stüber in den „Wiener Geschichten“ (1941), dem Porzellanbüchlein „Der Bienenkorb“ und der Lyriksammlung „Einkehr in Wien“ (beide 1943) ein liebevolles Denkmal.
„Was Schwertschlag war, wird Schwalbenschwinge“ nannte der Dichter seinen letzten Liederkreis, der mit einer „Fröhlichen Grabschrift“ schließt.

Unveröffentlichtes Gedicht

Am 22. November 1976 las Fritz Stüber im einem Gasthaus in der Wiener Piaristengasse 50 aus seinen Werken. Bei dieser Lesung, die vom Verfasser aufgezeichnet wurde, trug Stüber auch Gedichte vor, die nicht mehr veröffentlicht wurden. Eines davon ist das nachstehende – hiermit erstmalig wiedergegebene – Gedicht „Der alte Goethe“…

Der alte Goethe

Wir haben heute lange uns verzaudert
Und mußten tapfer sein, um aufzusteh‘n.
Wir sind wie Faust davor zurückgeschaudert,
Dem Erdgeisttag ins Angesicht zu seh‘n.
Es ließ die Mahnung uns an uns‘re Pflichten
Höchst ungern nur auf weitern Schlaf verzichten.

Mit jedem Tagwerk nimmt des Alters Schwere,
Man muß sich‘s eingesteh‘n, noch weiter zu,
Doch drängt die Arbeit an der Farbenlehre,
Im Grab ist später reichlich Zeit zur Ruh‘.
Reich mir das Hemd, mein Friedrich, ich hab‘ Eile,
Es drängt zu der Tragödie letztem Teile.

Es drängt zum Schlußgesang, zum Chor der Geister.
Wir wollen festlich diesen Tag begeh‘n
Und ungebeugt, wie unser Wilhelm Meister,
Die Prüfung uns‘rer Wanderschaft besteh‘n.
Reich mir zum Halstuch auch noch die Agraffe,
Daß ich mit Glanz geschmückt das Meine schaffe.

Nur einen Schritt zuvor noch in den Garten,
Der uns erheitert wie des Herzogs Huld.
Ottilie wartet schon? Die Enkel warten?
Der Mensch bezähme seine Ungeduld!
Man soll den Tee bereiten! Sag‘ es ihnen.
Wir wollen tapfer sein und weiterdienen.

Dr. Fritz Stüber