Foto: Jörg Sobolewski

Schnitzel und Palatschinken im Urwald: Tirol in den Anden

Exklusivreportage aus Pozuzo (Peru)

Zugegeben: wirklich leicht macht es der Ort Pozuzo, der ziemlich genau in der Mitte Perus liegt, dem Suchenden nicht. Wer auf den Spuren einer der ältesten Deutschen Kolonien Südamerikas reist, der muß sich auf alles einstellen, was die Anden einem entgegenwerfen können.

Eine Reportage von Jörg Sobolewski

Von der Hauptstadt Lima geht es mit einem typischen Überlandbus auf Höhen jenseits der viertausend Meter. Von dort dann in steilen Serpentinen an spektakulären Wasserfällen und schwindelerregenden Abhängen vorbei, gelegentlich von Steinschlägen oder Erdrutschen belästigt hinein in den typischen Wolkenregenwald der sich entlang der Ostseite der Anden über tausende Kilometer zieht. Feuchtwarm und voller atemberaubender Farben und Düfte, aber dafür leer an Menschen zieht diese fremde Welt am steinschlagzerschmetterten Fenster vorbei, bis der Bus mit viel Verspätung und in den letzten Abendstunden in Oxapampa einfährt, der großen Schwester von Pozuzo. Hier ist das deutsche Erbe bereits unverkennbar.

In der lokalen Kneipe parliert man hin und wieder in einem für deutsche Kolonien typischen Kauderwelsch aus Deutsch und Spanisch, und bereits hier gibt es Schnitzel und – natürlich – Bier nach deutschem Reinheitsgebot. Es ist nicht genau so wie zu Hause, aber es ist ähnlich, und wer sein Heimweh stillen möchte, kann sich mit einigen Litern trösten. Ein paar deutsche Fachwerkhäuschen zeigen den Ursprung der Kolonie an, und einige außerordentlich hübsche Peruanerinnen mit grünen und blauen Augen aber pechschwarzem Haar legen Zeugnis davon ab, daß sich hier vor allem katholische Tiroler Siedler gern mit den ebenfalls katholischen Mestizen zusammengetan haben.

Ins deutsche Herz der Kolonie

Wer aber den echten Ursprung, das wirkliche deutsche Herz dieser kleinen und abgelegenen Kolonie erkunden will, der muß eine weitere Reise auf sich nehmen. Mit einem lokal angeheuerten Fahrer geht die Fahrt an schmucken Höfen und einigen Indianersiedlungen vorbei.
Überall findet man nun bereits deutsche Schilder an den Bauernhöfen. Einige tragen neben wunderschönen Gärten auch klangvolle Namen wie „Waldfriede“, „Einsamkeit“ oder „Zuversicht“. Regelmäßiger Regen und ein stets warmes Klima garantieren einen kräftigen Wuchs und einige Ernten im Jahr.

Dann, recht plötzlich, nimmt die Straße ein paar steile Serpentinen in Angriff, und auf einmal tut sich vor dem Reisenden auf Volkstumsfahrt ein atemberaubender Anblick auf. Entlang einer steilen Schlucht schlängelt sich der Pfad, eine Straße kann man es kaum nennen, den Hang entlang. Munter plaudernd nimmt der ortskundige „conductor“ die Herausforderung in Angriff, und bald verschlägt es seinen Passagieren die Sprache. Stellenweise fehlt die Straße in Teilen, an anderen Orten ist sie unter einem frischen Erdrutsch verschwunden. Die Regenzeit hinterläßt ihre Spuren. Doch unbeirrt wühlt sich der treue Hilux durch Matsch und Geröll, und wo kein Platz für vier Räder ist, genügt ihm auch der Platz für drei.

Fachwerkhäuser im Urwald

Auf Sichtweite zieht ein Andenkondor seine Kreise, und Vögel in allen Farben fliegen zeternd auf. Affen spielen wie bei uns Eichhörnchen in den Bäumen. Es ist ein Paradies – wenn auch ein gefährliches… Gerade, als man sich an dem Schauspiel satt gesehen hat, öffnet sich das Panorama zu einem weiten Tal mit zwei schmucken Dörfern in der Mitte. Der Europäer traut seinen Augen nicht. Schindeldächer, fest gemauerte Fachwerkhäuser – viele mit einem blauen Schwimmbecken im Garten. Eine kleine Kirche im Zentrum und eine Hängebrücke für Fußgänger. Stolz weist der Fahrer mit der Rechten auf die Dörfer und nennt ihre Namen: „Pozuzo“ und sein Weiler „Preussen“. Dort findet sich auch ein kleines Flugfeld, daß die Erreichbarkeit dieses Juwels sicherstellt. In der Ferienzeit fliegt so mancher zu Geld gekommene „Limeno“ (Einwohner von Lima) mit seinem Privatflugzeug ein, um einige Tage echte Schnitzel zu essen und Bier der lokalen Brauerei „Pozuziner“ zu trinken.

Lange von der Außenwelt abgeschnitten

Im Dorf angekommen bietet sich dem staunenden Reisenden ein für Peru ungewohnter Anblick. Die Straßen sind wie frisch geputzt, die lokale Grund- und Realschule hervorragend hergerichtet und die Schulkinder in adrette Schuluniformen gekleidet. Die Mädel in dirndlartigen Kleidern und die Jungens in Kniebundhosen. Wer sich von diesem Kulturschock erstmal erholen muß, der setzt sich in einen der Biergärten und stärkt sich. Wer Glück hat, erwischt dabei einen der älteren Einwohner des Dorfes und erfährt abenteuerliche Geschichten aus den 1950er- und 1960er-Jahren, als noch nicht einmal eine Piste das Dorf mit der Außenwelt verband und das Dorf nur durch einen eintägigen Fußmarsch zu erreichen war. Eine Gegebenheit, die sich als Glücksfall herausstellen sollte. Denn so blieb das Land von der antideutschen Gesetzgebung rund um die Weltkriege verschont und konnte das bleiben, was es dem müden Reisenden heute noch ist: ein echtes deutsches Juwel im Urwald.