Ein Blick auf die Altstadt von Marburg an der Drau, der größten Stadt der einstigen Untersteiermark. Im heutigen Maribor waren 1910 noch über 80 Prozent der Bewohner Deutsche.
Foto: Der ECKART

Slowenien nicht EU-konform

Die Anerkennung der deutschen Minderheit ist längst überfällig

Will man jüngsten Medienberichten in Slowenien Glauben schenken, soll zur Thematik der deutschen Volksgruppe schon bald ein Dialogforum eingerichtet werden. Diesem Gremium sollen slowenische Regierungsvertreter und Angehörige der Volksgruppe angehören. Es scheint also Bewegung in diese leidige Angelegenheit zu kommen…

Ein Beitrag von Dr. Peter Wassertheurer

Konstruktive, lösungsorientierte Dialoge sind sinnvoll. Die Voraussetzung dafür klingt einfach: Man muß sie ehrlich führen, und sie müssen auf ein gemeinsam definiertes Ziel ausgerichtet sein. Jeder Verständigungsprozeß impliziert zudem die Bereitschaft, seine Positionen kritisch zu überdenken und am Ende neu auszurichten, wenn sie sich als überholt und falsch erweisen. An dieser Stelle ist die slowenische Seite gefordert, ihren ideologischen Müll aus der kommunistischen Vergangenheit abzuladen. Österreichs Nachbarn würde etwas mehr Ehrlichkeit in der Vergangenheitsbewältigung gut zu Gesicht stehen.

Unabhängigkeit und EU-Beitritt

Slowenien erklärte 1991 seine Unabhängigkeit und wurde 2004 in die Gemeinschaft der Europäischen Union (EU) aufgenommen. Die Notwendigkeit der wirtschaftlichen und sozialen Anpassungen sowie die enormen Herausforderungen, denen sich Slowenien im internationalen Wettbewerb stellen mußte, ließen dem Kleinstaat wenig Zeit für eine Auseinandersetzung mit der eigenen kommunistischen Vergangenheit. Laibach verweigerte sich diesem Prozeß und schwindelte sich aus der jugoslawischen Geschichte. Alttradierte Feindbilder konnten so unverdaut im kollektiven Gedächtnis der Slowenen bestehen bleiben. Vor allem das ambivalente Verhalten der deutschen Volksgruppe gegenüber zeigt, wie schwer man immer noch am eigenen Erbe trägt. Obwohl die Deutschen seit der genozidalen Vertreibung von 1944/45 und danach auf eine Größe von nur mehr 1.800 Personen zusammengeschrumpft sind, zeichnet Laibach im Umgang mit ihnen weiterhin großgermanische und xenophobe Schreckensgespenster an die Wand. Diese Absurdität steigert sich sogar noch, wenn es um die Frage der Anerkennung als autochthone Volksgruppe geht.
Dann wird die antifaschistische Keule ausgepackt und die kleine Volksgruppe mit der ganzen Palette angeblicher und tatsächlicher NS-Greuel konfrontiert.
Solche latenten Beißreflexe gehen aber ins Leere, wenn sie sich auf die deutsche Volksgruppe beziehen.

Die AVNOJ-Bestimmungen

Als nämlich die Kommunisten unter Josip Broz Tito im November 1943 in Jajce in den AVNOJ-Bestimmungen die Befreiung der Völker Jugoslawiens von den Okkupanten als Kriegsziel definierten, war nur von der Bestrafung illoyaler Mitglieder der deutschen Minderheit die Rede. Diese umfaßte über 500.000 Personen und setzte sich aus Donauschwaben (Banat, Batschka, Slawonien und Syrmien), Deutsch-Untersteirern und Gottscheern zusammen. Ende November 1944 beschloß das AVNOJ-Präsidium dann die Enteignung des Feindvermögens. Ausgenommen davon waren abermals deutsche Antifaschisten. Es kam jedoch anders: Titos Gewaltexzesse beabsichtigten die Liquidierung der gesamten deutschen Volksgruppe. Enteignet und ihrer bürgerlichen Rechte beraubt wurde sie in Konzentrationslager gesteckt, die zum Teil reine Vernichtungslager waren.

1944/45-1950: Titos Völkermord an den Deutschen in Jugoslawien

Dort ließen die Südslawen Frauen mit ihren Kindern, Jugendliche und Greise erbarmungslos verhungern und ohne medizinische Versorgung im eigenen Dreck krepieren. Allein die Donauschwaben hatten am Ende dieses Völkermords über 170.000 Opfer zu beklagen. Ähnliche Dramen spielten sich auch auf slowenischem Boden ab. Es gab in Tüchern/Teharje und in Sterntal/Strnišče antideutsche KZs. 7.000 Deutsche erlagen dort den unmenschlichen Torturen. Gemordet wurde aber auch andernorts.
Noch heute werden in der Gottschee in Karsthöhlen oder in Bergwerksstollen die Überreste hunderter hingerichteter Deutscher entdeckt. Die Hingerichteten waren oft Zivilisten, nicht selten Angehörige der deutschen Volksgruppe. Im Mai 1945 sprach Tito in Laibach davon, daß jene Feinde, die bislang überlebt hatten, die herrlichen Berge und blühenden Felder Jugoslawiens nie mehr wiedersehen würden. Neben den Deutschen liquidierte Tito alle ideologischen Feinde, namentlich die serbischen Tschetniks, die kroatischen Ustascha und die slowenischen Domobrancen.
Am Ende überzog das Blut von zwei Millionen Opfern Jugoslawien. Titos Verbrechen wurden fortan tabuisiert. Auch im Westen erhob niemand Anklage gegen diesen Völkermord.
Wer heute über die AVNOJ-Bestimmungen spricht, darf die Ausnahmebestimmungen nicht vergessen. Loyale Personen deutscher Volkszugehörigkeit waren von den Terrormaßnahmen ausgenommen. Aus diesem „antifaschistischen Pool“ rekrutierte sich nach 1945 die deutsche Minderheit. Hinzu kamen Abkömmlinge aus Mischehen und eine unbekannte Zahl an Janitscharen.
Das waren verwaiste Kinder verstorbener Deutscher, die zur Umerziehung aus den Lagern in Pflegeheime kamen. Noch bis in die 1950er Jahre wurden Hunderte dieser Kinder vom Roten Kreuz in den Westen gebracht.

Es gibt heute wieder deutsche Kulturvereine

Die Unabhängigkeit Sloweniens ermöglichte zumindest auf Ebene von Kulturvereinen eine Revitalisierung des Deutschtums. Inzwischen gibt es sechs solcher Vereine. Um ihre berechtigten Interessen besser vertreten zu können, wurde sogar ein Dachverband gegründet. Welche Forderungen erhebt dieser? An erster Stelle steht die Anerkennung als autochthone Volksgruppe in der slowenischen Verfassung nach dem Vorbild der ungarischen und der italienischen Minderheit. Diese sind ähnlich klein, weshalb das slowenische Argument nicht stimmt, die Deutschen aufgrund ihrer geringen Anzahl nicht anerkennen zu können. Auch die lächerliche Behauptung, die deutsche Minderheit verfüge über keinen einheitlichen Siedlungsraum, muß als Grund zurückgewiesen werden. Die Deutschen leben auch heute noch in ihren historischen Siedlungsgebieten. Was aber bringt die Anerkennung als autochthone Volksgruppe? Neben dem Recht auf ein autonomes Schulwesen und der Verwendung der deutschen Muttersprache in der Verwaltung ist es das Recht auf staatliche Fördermittel für eine eigene Medienlandschaft. Alle diese Privilegien genießt im Vergleich dazu die slowenische Minderheit in Kärnten. Die Slowenen sollten in Klagenfurt ein paar Nachhilfestunden im Fach Minderheitenpolitik nehmen.

Deutsche Sprache endlich anerkennen!

Der eingangs vorgestellte Dialog muss auf slowenischer Seite zwingend zu einer Neubeurteilung der deutschen Volksgruppe führen, denn jedes andere Ergebnis wäre eine Augenauswischerei und würde nur antideutsche Ressentiments kommunistischer Machart am Köcheln halten. Hier muß von außen ein deutlich spürbarer Druck erzeugt werden. Zuletzt empfahl der Europarat Slowenien, die deutsche Sprache im Sinne der Charta der Minderheiten- und Regionalsprache anzuerkennen.
Die Reaktionen waren durchaus positiv, allein die Tatsache, daß bereits 2007 erfolglos eine solche Empfehlung ausgesprochen worden war, relativiert das Ganze. Slowenien schert sich keinen Deut darum, weil keine Konsequenzen zu befürchten sind. Es kann aber nicht sein, daß die Folgen eines feigen Völkermords derart leichtfertig ignoriert werden. Slowenien muß sich genauso diesem dunklen Kapitel stellen und gleichzeitig zur Europäisierung seiner rückständigen Minderheitenpolitik gedrängt werden. Wien und Klagenfurt müssen endlich damit aufhören, sich mit Brotkrümeln zu begnügen, servieren wir Österreicher doch im Gegenzug den Kärntner Slowenen großzügig einen reich gedeckten Tisch. Bei der 100-Jahrfeier zur Kärntner Volksabstimmung hatte Landeshauptmann Peter Kaiser die Problematik der deutschen Volksgruppe im Beisein des slowenischen Staatspräsidenten angesprochen. Aber es war nur ein lapidarer Nebensatz, wirkungslos, vorsichtig formuliert und nichtssagend zugleich. Die Landsleute in Slowenien verdienen sich mehr Unterstützung und dürfen nicht länger mit diplomatischen Worthülsen abgespeist werden.

Österreich agiert grundfalsch

Österreich sollte endlich die Rute ins Fenster stellen und seine Förderpolitik vom Verhalten Sloweniens abhängig machen.
Alleine die Präpotenz, mit der Slowenien seit seiner Unabhängigkeit alle berechtigten Forderungen kaltschnäuzig abschmettert, verrät die tiefe Apathie, mit der man dem Deutschtum begegnet. Hier muß ein Umdenken einsetzen. Die Deutschen in Slowenien besitzen seit 1945 eine „antifaschistische Identität“. Es ist Zeit, den Deutschen diese Loyalität mit der Zuerkennung des autochthonen Volksgruppenstatuts’ abzugelten. Zudem steht es einem EU-Mitglied nicht gut zu Gesicht, das Existenzrecht einer Volksgruppe zu bestreiten, an deren Vernichtung man sich 1944/45 mitschuldig gemacht hatte.