Postkarte 406 des Deutschen Schulvereins

Mein Weihnachtswunsch

Von Fritz Stüber

Die Kerzen sind herabgetropft,
Die Zweige hängen leer,
Und ans vereiste Fenster klopft
Kein liebes Christkind mehr.

War alles nur ein Selbstbetrug,
Was Seligkeit gefühlt?
Wie hat des Fortschritts Motorpflug
Die Menschlichkeit zerwühlt.

Geschändet in der Schöpfung Schoß,
Die Nacht steht stumm und nackt.
Die Welt wird kalt und mitleidlos,
Daß uns das Schaudern packt;

Das Unschuldskleid der Allnatur
Mit gift’gem Schmutz bedeckt,
Und aller Dinge Richtmaß nur
Der schnöde Intellekt!

Die Kerzen sind herabgebrannt,
Es glimmt nur noch ein Rest.
Doch unverzagt und unverwandt
Bekennen wir zum Fest:

Wir glauben an die Wiederkehr
Des Lichts im Geistesheil.
Erleben wir’s auch selbst nicht mit mehr,
So sei’s der Enkel Teil.

Vor Feind und Finsternis gefeit,
Die Wende zu vollziehn.
Das ist in großer Gläubigkeit
Mein Weihnachtswunsch aus Wien.