Die Weihnachtsaktion von SFW und ÖLM zugunsten der letzten noch lebenden Wolfskindern löste bei den Empfängern große Freude aus.
Fotos: Der ECKART

Weihnachtspakete für die vergessenen „Wolfskinder“

***ECKART-Adventkalender***

Das Soziale Friedenswerk (SFW) wurde vor 70 Jahren von mehreren Landeshauptleuten, vor allem aber dem Salzburger Fürsterzbischof Andreas Rohracher, gegründet als „überparteilicher und bekenntnisübergreifender Verein zur Förderung der Jugend und zur Unterstützung sozial Schwacher“ – damals insbesondere für Kriegswaisen und Heimatvertriebene. In den vergangenen Jahrzehnten konnte so Tausenden von Kindern geholfen werden mit Sachspenden, Sommerlagern und anderen Veranstaltungen.

Ein Bericht von Christoph Bathelt

Das Schicksal einer Gruppe von Kindern war damals allerdings weitgehend unbekannt und ist erst vor einigen Jahren ins öffentliche Bewußtsein geraten: Die sogenannten „Wolfskinder“ aus dem nördlichen Ostpreußen; Kinder, die in den Monaten und Jahren nach Kriegsende entweder vorübergehend oder endgültig unter traumatischen Bedingungen ihre Heimat und Familien verloren hatten. Sie saßen nach der Aufteilung ihrer Heimat zwischen Polen und der UdSSR buchstäblich in einer Todesfalle. Rund die Hälfte von ihnen sollte die nächsten beiden Jahre nicht überleben – es war dies die höchste Nachkriegssterbequote in Europa!
Die meisten von ihnen verhungerten, da es nach dem Sommer 1945 den verbliebenen Deutschen im nördlichen Teil Ostpreußens unmöglich geworden war, eigene Landwirtschaft oder Viehhaltung zu betreiben, nur durch Betteln, Hilfsarbeiten oder andere Tätigkeiten blieb ihnen ein ähnliches Schicksal erspart.

Flucht nach Litauen

Einige von ihnen konnten ins benachbarte Litauen entkommen, das selbst unter der sowjetischen Okkupation litt. Dort wurden sie von hilfsbereiten Bauern aufgenommen und „vokietukai“ (kleine Deutsche) genannt – Schätzungen gehen von rund 5.000 Kindern und Jugendlichen im Jahr 1948 allein in Litauen aus. Sie bekamen litauische Namen, der Gebrauch der deutschen Sprache wurde von den sowjetischen Behörden verboten. Einige konnten in den folgenden Jahrzehnten in Waisenhäuser in der Bundesrepublik oder der DDR gebracht werden, einige wurden von litauischen oder russischen Familien adoptiert.

Bis heute leben viele in Armut

Viele von ihnen leben nach vor in prekären Verhältnissen und haben sich jetzt wenigstens in einigen Vereinen zusammengeschlossen, wo sie sich mit Schicksalsgenossen treffen können.
Sie leiden noch heute unter den Kriegsfolgen und erhalten meist nur eine geringe Rente. Nur diejenigen, die ihre Geburt in Ostpreußen nachweisen können, erhalten einen Zuschuß von rund 50 Euro.
Während die Republik Litauen – als Staat selbst ein Opfer des Zweiten Weltkriegs – diese Männer und Frauen als Betroffene von Krieg und Okkupation anerkennt, wurden sie in der Bundesrepublik lange ignoriert. So war das Bundesverwaltungsamt über lange Jahre der Ansicht, daß die betroffenen Personen beim Verlassen des Königsberger Gebietes freiwillig auf ihre Staatsangehörigkeit verzichtet hätten.
Erst 2017 war die Bundesregierung soweit, im Zuge der Entschädigungszahlungen für deutsche Zwangsarbeiter auch den „Wolfskindern“ eine bescheidene Wiedergutmachung zu leisten.

Bewegender Vortrag von Christopher Spatz

Ende letzten Jahres hielt der Bremer Historiker Dr. Christopher Spatz auf Einladung der Österreichischen Landsmannschaft einen bewegenden Vortrag in Wien über das Schicksal dieser Menschen, von denen er viele persönlich im Rahmen seiner Forschungsarbeit kennenlernen konnte.
Er brachte es zuwege, über fünfzig Zeitzeugengespräche zu führen und hat damit wahrscheinlich verhindert, daß das Schicksal dieser ungewöhnlichen Kriegsopfer in Vergessenheit gerät. „Der Hunger wuchs langsam und mit einiger zeitlicher Verzögerung“, erläuterte Spatz: „Die Menschen töteten Hunde und Katzen, derer sie habhaft wurden, sie bedienten sich an Viehkadavern, fingen in selbstgebauten Fallen Spatzen und Krähen, und sie räumten die Nester von Störchen und Schwalben leer.“
Spatz, der selbst ostpreußische Wurzeln hat, trug durch seine Arbeit dazu bei, daß die Wolfskinder überhaupt als Opfer anerkannt wurden. Die Schilderung dieser Gespräche machte viele der oben beschriebenen Fakten noch eindrucksvoller und bedrückender erlebbar.

Soziales Friedenswerk möchte Zeichen setzen

Aus diesem Grund möchte das Soziale Friedenswerk 75 Jahre nach Kriegsende ein Zeichen setzen und einem Teil dieser Menschen, die im Verein „Edelweiß-Wolfskinder“ in Vilnius organisiert sind, ein kleines Zeichen der Anerkennung und Wärme stiften und ihnen Geschenkkörbe mit Köstlichkeiten aus Österreich senden. Daher trat es an die Österreichische Landsmannschaft heran mit der Einladung, sich an dieser Spendenaktion zu beteiligen – eine Bitte, die die ÖLM gerne erfüllte.