Postkarte 861 des Deutschen Schulvereins

Weihnachtsbrief: Ernst Moritz Arndt an Charlotte von Kathen

***ECKART-Adventkalender***

Greifswald, den 21. Dezember 1810

Es ist lange, verehrungswürdige Frau, als ich Ihre letzten freundlichen Worte erhielt, und in Leid und Freud, wie des Menschenleben steht, ist seitdem mancher Tag vergangen. Ich selbst habe ein stilles und heiteres Leben gelebt, aber außer mir – was auch in mir ist-sind auch trübe Stunden und Geschichten gewesen bei Freunden, die ich lieb habe… Einen Landsmann haben wir neulich verloren, einen frommen himmlischen Jüngling, dem das Schicksal nur gegönnt hat anzudeuten, was er in gediegener Mannesfülle hätte sein können: Ich spreche von dem wackeren Maler Runge, der vor einigen Wochen in Hamburg gestorben.

Die Zeit, scheint es, will das Beste schnell ausstoßen. Da habe ich denn wenigstens Hoffnung, noch lange zu leben und noch vieles mitzuerleben; denn in mir fließt auch ein großes Teil der Säfte der irdischen Geister, doch gottlob noch nicht in dem unseligen Gleichgewicht der jetzigen Zeit, wo alle ruhig und eben zu sein scheinen, aber im Grunde die Lebenswaage stillsteht: sie soll wohl fliegen (nicht schwanken) zwischen Himmel und Erde auf und ab, nur gleichstehen in Momenten, daß das hohe Angesicht der Dinge zuweilen heiter vor uns aufgeht…

Nun kommen die fröhlichen Weihnachtstage (ich sollte recht froh sein, denn meine Eltern haben an einem Weihnachtstage sich einst meiner Geburt gefreut), und um mich liegen Säbel, Bogen, Schrittschuhe, Messer und mancherlei wildes und zahmes Viech, was der heilige Christ alles meinem Buben bringen soll; ich kann nichts Schöneres tun, als Ihnen und den Ihrigen eine lustige, fröhliche Zeit, und uns allen ein Jahr zu wünschen, wo den Guten auch irdisch ein Glanz von Heil und Freiheit aufgeht.

Gott segne Sie, Tausend Grüße an alle von Bruder Fritz bis auf Großmutter.