Porträt von Ludwig van Beethoven von Julius Schmid, um 1901, das sich heute im Wien Museum befindet.

Ludwig van Beethoven und der Kampf um die Freiheit

Beethoven war auch ein politischer Mensch

Ein Beitrag von Alexander Blechinger

Die Freiheitsliebe Beethovens äußerte sich vor allem in drei Bereichen: neben der politischen und dem Hingezogensein zur Natur und ihrer Weite war es die Ablehnung von Konventionen und Manieren. Ungebändigt, wie Goethe es ausdrückt, war Beethoven, sonst wäre er nicht er selbst gewesen. Er war eben souverän – er schafft sich selbst das Gesetz und folgt ihm dann. Und das vor allem in der Musik, wo das Wahre, Gute und Schöne für ihn das lohnende Ziel ist.

Schon als Kind ist der kleine Ludwig bereit, selbständig zu handeln, die Musik, seine Lieblingsbeschäftigung, läßt ihn stundenlang improvisieren und bald Klaviervariationen schreiben. Daneben werden Späße gemacht – das lateinische spatium deutet ja darauf hin, daß die tiefere Bedeutung davon Freiraum ist –, Streiche ausgeheckt und Sänger, die sich allzuviel auf ihre Singfestigkeit einbilden, aufs Glatteis geführt: Derartiges erlaubte er sich beispielsweise als frischgebackener 14jähriger 2. Organist des Kurfürstlichen Hofes in Bonn als auch bei der Uraufführung seiner Oper „Fidelio“ 1805. Seine musikalische Begleitung war derart, daß diese ihre Töne nicht mehr finden konnten.
Er war immer zu Scherzen aufgelegt; auch noch 1826 schickte er einer Dame, die sich eine Locke von ihm erbeten hatte, Barthaare eines Ziegenbocks. Als der Scherz bekannt wurde, entschuldigte er sich und sandte ein Büschel seiner echten Haare.
Doch es gibt auch den politischen Menschen Beethoven, der in Neefes Lese- und Erholungsgesellschaft 1787 die Ideale der französischen Revolution kennenlernte.

Enttäuschung über Napoleon

Werke, die die freiheitliche Gesinnung Beethovens ausdrücken, sind unter anderem die 3. Symphonie, op. 55, Eroica, die Heroische, genannt, eigentlich Napoleon gewidmet, doch dann, als dieser sich zum Kaiser krönte, umgewidmet in „einem großen Mann“.
Hier nimmt Beethoven sich die Freiheit, seinen monumentalen Stil, den Stil der Massen des 3. Standes, des Bürgertums, zu beginnen.

Geschöpfe des Prometheus

Vorher hatte er schon die Ballettmusik „Die Geschöpfe des Prometheus“, der bekanntlich den Menschen das Feuer, eigentlich den Verstand, gegeben hat, op. 43, geschrieben, bekannt daraus ist die berühmte Ouvertüre.
Seine Oper „Fidelio“, op. 72 ist die deutsche Antwort auf die französische Befreiungsoper „Leonore oder die eheliche Liebe“ von Jean Nicolas Bouilly. Leonore, die Frau von Florestan befreit ihren Mann, einen „Gesinnungstäter“, der erzählt: „Wahrheit wagt ich kühn zu sagen, doch die Ketten sind mein Lohn“, verkleidet als „Fidelio“, aus den Klauen eines machtbesessenen unterdrückerischen Politikers Pizarro, dessen Name an „bizarr“ und an unsere Zeit erinnert. Die Schauspielmusik für Goethes Theaterstück Egmont, des Kämpfers für die Freiheit der Niederlande, op. 84, komponiert er ohne Honorar.
Wieder wird die Ouvertüre zum Repertoirestück für Orchester. Sogenannte französische Revolutionsmusik greift er in seiner 5., der Schicksalssinfonie, op. 67, und auch in seiner 9. Sinfonie, op. 125, auf.

Ode an die Freude – oder an die Freiheit?

In deren 4. Satz erklingen die ersten vier der insgesamt neun Strophen von Schillers „Ode an die Freude“ für Solisten und Chor, die ihn schon früh interessierte. Es soll ursprünglich „Freiheit schöner Götterfunken“ geheißen haben, doch der Zensor ließ das nicht zu, und so wurde daraus „Freude“, berichtet „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn 1796. Dadurch ergibt sich folgender sinnvoller Text der frühen Fassung: „Freiheit, schöner Götterfunken,/Tochter aus Elisium,/wir betreten feuertrunken/Himmlische, dein Heiligtum./Deine Zauber binden wieder,/was die Mode streng geteilt;/Bettler werden Fürstenbrüder,/wo dein sanfter Flügel weilt.“, was sehr in Beethovens Sinne war.
Später wurde außerdem die vorletzte Zeile durch „Alle Menschen werden Brüder“ ausgewechselt, was zu der irrigen Annahme führte, Beethoven und Schiller seien die idealen Schöpfer einer EU-Hymne. Zur Zeit Beethovens gab es in Österreich noch Leibeigene, die erst 1848 die Freiheit bekamen. So hat sich Beethoven zwar dem Zwang der Zensur gebeugt, aber den ursprünglichen Sinn Schillers, mit dem er auf einer Gesinnungsebene war, vertont. Wieso sollte er sonst den Chorteil der 4. Strophe „Froh, wie seine Sonnen fliegen,/durch des Himmels prächtgen Plan,/Laufet Brüder eure Bahn,/freudig wie ein Held zum siegen.“ mit französischer Revolutionsmusik begleitet haben?

„Der freie Mann“: Lied und Sehnsucht zugleich

Ein Lied ohne Opuszahl „Der freie Mann“ (Text: Conrad Gottlieb Pfeffel) besingt ebenfalls die von ihm bevorzugten Tugenden. Freiheit gibt uns die Möglichkeit, Dinge zu erträumen, zu planen, zu gestalten und zu tun, die nicht von außen befohlen worden sind:
Wer ist ein freier Mann?/Der, dem nur eigner Wille,/und keines Zwingherrn Grille/Gesetze geben kann;/Der ist ein freier Mann!
Wer ist ein freier Mann?/Der das Gesetz verehret,/nichts tut, was es verwehret,/Nichts will, als was er kann;/der ist ein freier Mann!
Wer ist ein freier Mann?/Der in sich selbst verschlossen,/der feilen Gunst der Großen/und Kleinen trotzen kann;/der ist ein freier Mann!
Wer ist ein freier Mann?/Der fest auf seinem Stande,/Auch selbst vom Vaterlande,/Den Undank dulden kann; der ist ein freier Mann!