Postkarte 1721 des Deutschen Schulvereins

„Es liegt doch an uns, wie wir diese Zeit erleben…“

***ECKART-Adventkalender***

Unter den zahlreichen Büchern von Konrad Windisch sind die Weihnachtsgeschichten mit die bekanntesten. Auch in Rundfunk und Fernsehen sind sie jedes Jahres zu hören, bei vielen Veranstaltungen werden sie gelesen. Es sind einfache, aber zu Herzen gehende Geschichten, die von der schönsten und stillsten Zeit im Jahr erzählen, vom Gestern und Heute. Von der Zeit heute, die schrill und laut geworden ist. Der ECKART hat mit dem Autor über Weihnachten gesprochen…

Konrad Windisch hat berührende Weihnachtsgeschichten geschrieben

Der ECKART: Herr Windisch, eine Ihrer bekanntesten Weihnachtsgeschichten trägt den Titel „Als man sich noch über Weihnachten freuen konnte“ und stammt aus dem Jahr 1980. Darin kritisieren Sie die Aushöhlung und Verflachung des Weihnachtsfestes durch Kommerzialisierung und Wohlstandsverwahrlosung. Rückblickend betrachtet: Waren die 1970er-Jahre im Vergleich mit den 2010er-Jahren nicht doch eher harmlos?
Konrad Windisch: Sicher waren es die Weihnachten der Kindheit, auf die man sich auch in der Erinnerung am meisten freuen konnte. Und sicher freuen sich auch heute die Kinder genauso. Wenn die Eltern Zeit für sie haben, falls sie überhaupt noch Eltern haben und nicht nur „vermögenswerteschaffende Sorgepflichtige“. Ich persönlich finde, man konnte sich früher mehr auf Weihnachten freuen. Einfach, weil man mehr Zeit dazu hatte. Und weil an die Stelle der Freude auf das Fest das Geschäft und die Erwartung auf Geschenke getreten sind, die allzu oft auf Raten gekauft werden.

Weihnachtsmärkte heißen heutzutage oftmals schon Wintermärkte, aber auch auf alteingesessenen Weihnachtsmärkten findet man wenig, was noch mit Weihnachen zu tun hat. Statt Weihnachtsliedern ertönt in der Vorweihnachtszeit ein gräßliches „Christmas“-Gedudel. In den letzten Jahren hat sich ein regelrechter Kulturkampf um Weihnachten entwickelt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklungen?
Aus Weihnachtsmärkten werden Wintermärkte – aber vor allem: es werden Märkte, aus der Vorweihnachtszeit werden „Christmas-Times“, und die meisten Artikel stammen aus China. Und was ist noch still in dieser Zeit? Aber trotzdem: Es liegt doch an uns, wie wir diese Zeit empfinden und erleben. Im heurigen Jahr wurden die ersten Weihnachtsbäume zu Allerheiligen aufgestellt. Niemand zwingt uns hinzulaufen und den ersten Glühwein zu trinken.

Können Sie sich persönlich – als ein Angehöriger des Jahrganges 1932 – noch auf Weihnachten 2019 freuen?
Persönlich werden es für mich traurige Weihnachten sein, ein geliebter Mensch ist fortgegangen. Aber geblieben ist die Erinnerung an zarte und wunderbare, zauberhafte, ja kostbare, wenn auch arme Weihnachten.

Wenn Sie junge Eltern heute fragen würden, wie sie Weihnachten für ihre Kinder gestalten sollen, um ihnen den Sinn des Festes zu vermitteln – was würden Sie antworten?
Schenken Sie Ihren Kindern Zeit, das wertvollste Geschenk, welches Sie Ihren Kindern, ihren Lieben schenken können. Erzählen Sie ihnen zum Beispiel ein Märchen – klingt einfach, nicht? Besuchen Sie mit ihnen nicht unbedingt einen Markt, sondern eher einen Wald, auch wenn er nicht verschneit ist. Und erzählen Sie ihnen von den Weihnachten Ihrer Kindheit. Sie werden erstaunt sein, wie erstaunt die Kinder zuhören. Und es kostet gar nicht viel!

Weihnachten ist seinem Sinngehalt nach das Fest der Wiederkehr des Lichtes: Das meiste des mannigfaltigen Brauchtums, das es umkränzt, ist Bewußtsein aber auch Hoffnung auf Erfüllung dieser kosmischen Gesetzmäßigkeit. Haben Sie als Dichter, der auf ein politisch bewegtes Leben zurückblicken kann, in dieser Dekadenzzeit noch Hoffnung für die deutsche Kultur und den Fortbestand der Völker Europas?
Ja, ich habe Hoffnung! Ja, ich glaube daran! So sicher, wie an die Wiederkehr des Lichts. Jede Tiefe hat ihren tiefsten Punkt. Nicht heute und nicht auf einmal. Es wird der Ekel sein, der die Wende bringt. Und die Schönheit wird den Schund besiegen. Nicht bei allen, aber bei jenen, auf die es ankommt. Und einen kleinen Beitrag kann jeder von uns leisten. Jeder.

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Konrad Windisch
wurde am 21. August 1932 in Wien geboren. Seit 1963 ist er Hauptschriftleiter der monatlich erscheinenden „Kommentare zum Zeitgeschehen“. In seinem umfangreichen schriftstellerischen und publizistischen Schaffen nehmen seine Weihnachtsgeschichten eine herausragende Stellung ein. Bislang sind neun Weihnachtsbändchen aus Windischs Feder erschienen:

Als man sich auf Weihnachten noch freuen konnte

Der Mensch Stolzner

Ein Brief zu Weihnachten

Es gibt nichts Wirklicheres als Träume

Jetzt, um diese Zeit

Teiche sind wie wimpernlose Augen

Verschwundene Weihnacht

Vier Zeiten hat der lebendige Wald

Zeitig beginnen die Märchen