Das Heerlager der Heiligen – Prophetie und Albtraum

Die Visionen des Jean Raspail (1925-2020)

Er ahnte es längst. Die Mischung aus europäischem Selbsthaß, einem Konglomerat aus Christentum und linken Ideen, aus rassistischen Selbstbezichtigungen und einem nie erlebten Werteverfall wird endgültig zur Abschaffung der vaterländischen Kultur führen. Jean Raspail, einer der ganz großen Schriftsteller, vielleicht der letzte wirklich grandiose Romancier, der noch wußte, was Ahnenstolz und Ehre ist, verstarb am 13. Juni 2020 in Paris.

Ein Beitrag von Magdalena S. Gmehling

Der Autor, Abenteurer und Forschungsreisende war glühender Monarchist und traditionsverbundener Katholik. Wie kein anderer ist er berufen, den ungeheuren Kampf irregeleiteter Humanität und verweichlichten Gutmenschentums mit dem sogenannten „Big Other“ darzustellen. Seine Distanz zum Geist der Zeit befähigt ihn zu einer hellsichtigen Vorhersage künftiger Probleme. Die satirische Dystopie „Das Heerlager der Heiligen“ (Le Camp des Saints) – eine fiktionale Form der Endzeitkonflikte – entstand bereits 1971-73. Der Autor schrieb das Buch, welches ein Welterfolg wurde, in Boulouris an der Mittelmeerküste in der monumentalen Villa „Le Castelet“. Sie war ihm samt großer Bibliothek zur Nutzung überlassen: „ …ich… sah im Umkreis von 180 Grad nichts als die weite See…es schien mir unausweichlich, daß eines Tages die zahllosen Enterbten des Südens gleich einer Flutwelle auf diesem üppigen Ufer landen würden, dieser offenen Grenze unseres glücklichen Landes.“

(Horror-)Szenarium einer gewaltfreien Invasion

In einem visionären Schreibrausch gestaltet Raspail nun das Szenarium einer gewaltfreien Invasion von 100 Schiffen der „Flotte der letzten Chance“. Es handelt sich um eine Million verelendeter Inder. Kurz zuvor hat der belgische Botschafter in diesem Land das Ende des Adoptionsprogrammes für bedürftige Kinder verkündet. Ausgelöst durch eine Hungersnot, sticht unter der Führung eines mißgebildeten Kindes der untersten Kaste die Armada des Elends in See, um das erhoffte Paradies im Westen zu besetzen.

Mitleid als Vernichtungswaffe

„Sie sind extrem mitleiderregend. Sie sind schwach. Sie sind unbewaffnet. Ihre Stärke liegt in ihrer Zahl. Sie sind der Grund unserer Gewissensbisse, sie appellieren an unser weichliches Gutmenschentum.“
Die große Kunst des Autors besteht darin, das Geschehen aus der Perspektive verschiedener Personen, Journalisten, Militärs, Politiker, Kirchenfunktionäre und einfacher Bürger zu schildern. Der Leser soll die dramatische Aktualität einer kollabierenden Gesellschaft gewissermaßen hautnah erleben. Die Handlung gliedert sich in drei Teile: die Irrfahrt der Flotte, die Ankunft in Europa und schließlich die Landung an der Côte d`Azur in Frankreich.

Kirchen und NGOs bereiten der Invasion den Boden

Während die Schiffe noch durch die Meere irren, entfalten nationale wie internationale Gremien fieberhafte Aktivitäten. Der menschlichen Fracht wird eine Landung versagt. Kirchen und alternative Gruppen stoßen eine Rettungsorgie an. Insgeheim hofft man, die Elendsgestalten mögen stranden oder an einem fernen Gestade anlegen. Australien, Ägypten und Südafrika verweigern die Einreise. Sämtliche Interventionen, humanitäre Hilfsangebote und die heuchlerische Einmischung der Kirchenfunktionäre scheitern. Die Barmherzigkeitsdebatte entartet zur Groteske. Schonungslos wird die globale Unfähigkeit offenbar. Angebotene Hilfsgüter versenken die Unterprivilegierten medienwirksam und demonstrativ im Meer. Unbeirrt steuert die menschliche Flutwelle auf Europa zu.

Politiker sind nicht fähig, Armeninvasion zu stoppen

Nicht nur Politiker, sondern auch internationale Gremien werden nun aktiv. Eine vor Afrika gelegene Insel fungiert eiligst als Hilfsstützpunkt. Vatikan, Weltkirchenrat, Malteser und Rotes Kreuz sind präsent. Eine britische Popband steht bereit. Man fliegt Flugzeuge voll Kinderspielzeug ein. Die Helfer der Welt konkurrieren untereinander. Bald müssen sie verdutzt feststellen, daß ihre Hektik auf eiserne Ablehnung stößt. Es kommt zu einer Art Machtprobe, da die unheimliche Flotte die kleinen Helferboote brüskiert. Inzwischen versammeln sich in den Metropolen Europas die „Underdogs“ und verfolgen gespannt die weitere Entwicklung. Das sowjetische Militär beobachtet eine Zusammenrottung von Chinesen jenseits des Amur-Grenzflusses. Die Politik gerät in Panik.

Europas Gesellschaften haben vorzeitig kapituliert

Noch bevor während der Ostertage die Elendsflotte an der südfranzösischen Côte d´Azur strandet, hat sich die marode Gesellschaft dort selbst zersetzt. Die Bevölkerung flieht. Das restliche Europa und somit das christliche Abendland kapituliert. Raspail zeigt, daß sich die aus der französischen Revolution hervorgegangene Gesellschaft samt ihrer kapitalistischen Prinzipien selbst richtet. Der emeritierte Literaturprofessor Calguès erwartet in seinem vornehmen alten Haus an der Küste die Zombie-Horden bei Kaviar und Sekt. Mit einem Teleskop und schußbereitem Gewehr verfolgt er die Landung. Clement Dio, Journalist und Herausgeber einer Wochenzeitung, propagiert mit seiner eurasischen Freundin Iris Na-Chan Solidarität.
Die Frau wird von farbigen Gesinnungsgenossen vergewaltigt und bestialisch ermordet. Flugzeuge des Vatikans und des Ökumenischen Rates stürzen ab.

Linke Agitatoren haben den Staat von innen her zersetzt

Der Präsident im Elysee-Palast, die Stabschefs, Polizeiführer und regionalen Präfekten müssen erleben, daß die Truppen, verführt von linken Agitatoren, desertieren. Eine chaotische Massenflucht setzt ein. Schließlich übernehmen die Einwanderer vom Ganges den Süden Frankreichs. Alle verbliebenen weißen Frauen werden in Bordelle gesteckt, welche die männlichen Einwanderer kostenlos besuchen können. Das Buch endet mit dem Gerücht, daß auch in Indonesien und Südamerika wilde Horden aufgebrochen seien, um nach Europa zu reisen.

„kontinuierliche Überflutung“ wird 2050 am Ziel sein

In seinem Vorwort zur französischen Neuauflage des „Heerlagers“ schreibt Raspail: „Die Erzählung hält sich an den klassischen Rahmen der Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Sie ist ein allegorischer Text. Was sich im Roman innerhalb von 24 Stunden abspielt, entspricht in der Wirklichkeit einer kontinuierlichen Überflutung, die sich über Jahrzehnte hinweg erstreckt und deren Ausmaß uns erst in den Jahren 2045-2050 in voller Blüte vor Augen stehen wird, wenn sich die finale demographische Wende abzeichnen wird …“.
Wen wundert es, daß dieses Werk, als Kultbuch der neuen Rechten, gewaltiges Aufsehen erregte?
Der Triumph des Bösen eskaliert weil die Guten versagen. Die „Lust, die eigene Kultur auszulöschen“ (Matussek) zeichnet sich als Menetekel ab.