Briefstück mit zwei Werten zu 2 Kreuzer.

Österreichs erste Briefmarken

Vor 170 Jahren brachte die k.k. Post erstmals Briefmarken heraus

Wenn man hört, daß in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts ein gewisser Laurenz Koschier, 1804 in der Krain geboren, aufklebbare Wertzettel in Form von Briefmarken erfunden haben soll, dann steckt in diesem Satz ein klein wenig Wahrheit…

Ein Beitrag von Georg Ladurner

Der altösterreichische Regierungsbeamte hatte das große Pech, nicht auf die geringste Anerkennung  der Gegenliebe für seine wohl bahnbrechende Idee zu stoßen. So geriet er mit seiner außerordentlichen Erfindung lange in Vergessenheit. Die k.k. österreichische Post in der Metternich-Epoche verpaßte die Gelegenheit, als  Postwertzeichen-Pionierland in die Geschichte einzugehen. Die ersten Marken wurden im Mai 1840 in England ausgegeben. Die berühmte „Penny Black“ ist heute noch ein vielgeliebtes Sammelobjekt; Generalpostmeister Sir Rowland Hill war ihr Pate.

Vor Österreich druckten 15 andere Länder Briefmarken

Heute kann man es sich kaum vorstellen. Nach der Ausgabe der britischen Postwertzeichen folgten andere Postverwaltungen dem englischen Beispiel mit großem Zögern. Österreich entschloß sich erst in den Jahren 1849/50 dazu. Zu jener Zeit gab es lediglich 15 Länder, in denen es Marken gab. Als Grund des Zögerns können wohl unabwendbare Portoreformen angegeben werden. Die alltäglichen Posttarife wurden noch an den Kutschenbetrieb angepaßt und ließen sich keinesfalls mehr rechtfertigen, zumal Brief-, Paket- und allgemeine Postsendungen mit dem Zug viel schneller befördert werden konnten. Selbst wenn sich die Finanzbehörde nicht damit anfreunden  wollte, kam die Post nicht um eine einschneidende Regulierung des Portos herum.

Baron Bruck kann Kaiser Franz Joseph I. überzeugen

Österreich wollte die Bewährungsprobe bestehen. Der damalige k.k. Handelsminister Baron Bruck unterbreitete Kaiser Franz Joseph I. einen Vorschlag über die Portoreform vom September 1849. Kurze Zeit später stimmte der junge Monarch zu. Nun galt es, das Markenprojekt zu verwirklichen. Der kaiserliche Rat Dr. Herz hatte sich schon in München, London und Brüssel 1849 umgesehen und einige Gedanken gemacht. Im Februar des Folgejahres durfte er die Weisung des Handelsministers zur Kenntnis nehmen, nach der die Post-Franco-Stempel nach den vorgelegten  Mustern, von Hand herzustellen waren. Im Verordnungsblatt für Post, Eisenbahnbetrieb und Telegraphen vom März 1850 konnte man die neuen Bestimmungen über die Briefportotaxen und die Einhebung durch Briefmarken lesen.

Erste Briefmarken am Schalter

Es wurden nur fünf Werte der ersten Ausgaben und ihre Farben bekanntgegeben. Die Gestaltung der Wappenausgabe vom 1. Juni 1850 ist durchwegs einheitlich; sie zeigen den Doppeladler des Staatswappens in einem dekorierten Schild, die Kaiserkrone, über Palmblättern links einen Lorbeer- und rechts einen Eichenzweig. Oben erkennt man die Inschrift K.K. POST-STEMPEL und in der unteren Leiste die Wert- und die Währungsangabe. Für das Lokalporto mußten Marken zu zwei Kreuzern verwendet werden.

„Briefe von ein bis zwei Loth“

Je nach Entfernung und Loth (in Österreich zumeist 17,5 Gramm) kamen andere Gebührensätze zum Einsatz. Der erste Portosatz bis einschließlich zehn Meilen (gerundet 75,86 km) wurde mit drei Kreuzern festgelegt, bis 20 Meilen waren Marken zu sechs Kreuzern, und über 20 Meilen waren Marken zu neun Kreuzern zu verwenden. Für Briefe von ein bis zwei Loth mußte man das doppelte und für zwei bis drei Loth das dreifache Porto zahlen. Drucksachen konnten preiswerter aufgegeben werden und für Einschreibebriefe wurde ein Zuschlag gerechnet.

Nur die Währung ist in Lombardo-Venetien anders

Die Marke zu einem Kreuzer ist gelb, jene zu zwei Kreuzern schwarz, jene zu drei Kreuzern hellrot, die zu sechs Kreuzern rotbraun und die zu neun Kreuzern blau. Eigentlich besteht die Serie aus sechs Werten, wobei die Bestände der Postwertzeichen zu zwölf Kreuzern anstelle des Wertes zu neun Kreuzern kurz vor dem Ersttag, dem 1. Juni 1850, nahezu komplett vernichtet wurden. Wer so eine Briefmarke in seiner Sammlung hat, besitzt eine echte Rarität, die man nur ganz selten findet.  Wenn man die Währung 1 Gulden Conventionsmünze = 60 Kreuzer als Gradmesser nimmt, muß man wissen, daß diese in Lombardo-Venetien nicht gültig war. Deswegen gibt es auch eine bildgleiche italienische Markenserie. Allerdings muß man bedenken, daß diese dann italienische Nominalwerte hat. 1 Lira sind 100 Centesimi; die Nennwerte der aus fünf Briefmarken bestehenden Wappenausgabe betragen 5, 10, 15, 30 und 45 Centes(imi).

Bögen noch ohne Perforierung

Außerdem besteht ein Bogen aus 60 Einzelmarken, die alle mit einer Schere mangels einer Perforierung herausgeschnitten werden mußten. Ein Bogen besteht aus 8 x 8 Markenfeldern, wobei vier kein Wertzeichen beinhalten. Philatelisten sind besonders stolz, wenn sie eine Briefmarke mit einem Andreaskreuz (jeder Bogen hat vier solche Aufdrucke) haben. Diese sind auch wertvoller. Wer 1850 einen Brief aufgab, mußte die Briefmarke vorne auf dem Kuvert oben in die Mitte kleben. Die bei Einschreibebriefen fällige Zusatzgebühr war auf der Siegelseite des Briefes in Marken auszuweisen. Die Wappenausgabe wurde anfangs 1850 auf handgeschöpftem, rauh und uneben erscheinenden Papier mit Bogenwasserzeichen und 1854 auch auf maschinell hergestelltem, glatten Papier ohne Wasserzeichen gedruckt. Sie war ungezähnt, Zähnungsversuche wurden dessen ungeachtet bereits unternommen. Überdies gibt es viele Nachdrucke, die das Herz weniger betuchter Briefmarkensammler erfreuen und sich trotzdem als gute Lückenfüller eignen.

Das Wort „Briefmarke“ eroberte rasch den Alltag

In der Einführungsverordnung sprach man offiziell von Briefmarken. In Zürich sprach man von Frankaturzeichen, in Basel von Frankozettelchen und in Bayern von der Frankomarke. Bereits der angeführte Laurenz Koschier probierte verschiedene Formulierungen. Und siehe da: Das Wort Briefmarke bürgerte sich immer schneller im deutschen Sprachraum ein. Und die Sammlergemeinde wuchs und wuchs. Noch heute ist die Wappenausgabe ein schöner Einstieg für die Ländersammlung „Österreich“. Nicht wenige haben sich spezialisiert, da es wohl von allen Typen der Erstausgabe Druck-, Farben und Papierunterschiede gibt. Darüber hinaus sind Briefe aus jener frühen Zeit der Postwertzeichen nicht nur in musealen Sammlungen ein besonderer Hingucker, sondern gewissermaßen eine kleine Zeitkapsel, die uns doch irgendwie berührt – heute, 170 Jahre dannach…