„So blühe denn, Wälsungenblut!“

Vor 150 Jahren wurde Richard Wagners „Walküre“ uraufgeführt

Wagners Bühnenfestspiel für einen Vorabend und drei Tage „Der Ring des Nibelungen“ ist in jeder Hinsicht das gewaltigste Werk der musikdramatischen Literatur. Mit vier Abenden und einer Gesamtspielzeit von mindestens sechzehn Stunden ist es das größte, längste und für viele Opernliebhaber schönste Werk seiner Art. Die Geschichte seiner Entstehung ist gleichfalls einzigartig in der Geschichte der Oper.

Ein Beitrag von Hermann T. Attinghaus

Von „Siegfrieds Tod“ der späteren „Götterdämmerung“, von Wagner 1848 in Dresden beendet, bis zur ersten zyklischen Aufführung in Bayreuth vergingen 28 Jahre, in denen er auch noch „Tristan und Isolde“ und „Die Meistersinger von Nürnberg“ schrieb. Als Wagner sich mit dem Nibelungenmythos befaßte, war er königlich sächsischer Hofkapellmeister in Dresden und hatte schon drei Opern in der sächsischen Hauptstadt uraufgeführt: „Rienzi, der letzte der Tribunen“ (1842), hatte Wagner seinen ersten großen Triumph beschert. Im Jänner 1843 folgte „Der fliegende Holländer“ – mit wesentlich geringerem Erfolg, weil das Werk zu neuartig war. „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“ wurde im Oktober 1845 aufgeführt.

Mythologische Studien

Im Zuge seiner mythologischen Studien im Zusammenhang mit dem „Lohengrin“ war er auf Kaiser Friedrich Barbarossa und Siegfried gestoßen. Die Gestalt des Drachentöters, wie sie im Nibelungenlied erscheint, inspirierte ihn zunächst noch nicht sehr. Erst als er den siegreichen Helden „von aller späteren Umkleidung befreit, in ihrer reinsten menschlichen Erscheinung“ vor sich sah, erkannte er auch „die Möglichkeit, ihn zum Helden eines Dramas zu machen“. Nachdem er zuerst den Nibelungenmythos in Prosa skizziert hatte, verfaßte er im November 1848 den Text zu einer großen Heldenoper, die er „Siegfrieds Tod“ (später „Götterdämmerung“) nannte. Bald erkannte er, daß das Werk ohne die Vorgeschichte nicht verstanden werden würde.

„Ring“-Dichtung entstand von hinten nach vorn

Daher schrieb er den „jungen Siegfried“ später „Siegfried“ genannt, dann erst „Die Walküre“ und zum Schluß „Das Rheingold“. Mit anderen Worten die „Ring“-Dichtung entstand von hinten nach vorn. Die Komposition erfolgte dann sozusagen in der richtigen Richtung. Allerdings entstanden zwischen dem zweiten und dritten Aufzug von „Siegfried“ der „Tristan“ und „Die Meistersinger von Nürnberg“.

Mathilde Wesendonck: Wagners unerfüllte Leidenschaft

Dazu kam Wagners unglückliche Leidenschaft für die verheiratete Mathilde Wesendonck, ohne die es mit größter Wahrscheinlichkeit auch keinen „Tristan“ gegeben hätte. „Die Walküre“ ist gleichfalls zu einem wesentlichen Teil Mathilde Wesendonck zu danken. Am Ende des dritten Aufzugs finden sich drei Buchstaben in der Partitur: GsM, was „Gesegnet sei Mathilde“ bedeutet. Am Ende des dritten Aufzugs muß sich Göttervater Wotan von seiner Lieblingstochter Brünnhilde trennen, weil ihm diese ungehorsam war und gegen seinen Willen Siegmund zum Sieg verhelfen wollte, was Wotan unter keinen Umständen dulden kann. In diesem hochemotionalen Schlußgesang klingt sicherlich auch Wagners Abschiedsschmerz von der unerreichbaren Geliebten mit. Unmittelbar nach der Vollendung der „Rheingold“-Partitur am 28. Mai 1853 begann Wagner mit der Vertonung der „Walküre“. Ende 1854 war auch die „Walküre“ fertiggestellt.
Allerdings nahm die Fertigstellung der Partitur wegen einiger Konzerte in London beinahe ein ganzes Jahr in Anspruch, aber am 23. März 1856 war es endlich so weit: Die Partitur der „Walküre“ war vollendet. Bis zur ersten Aufführung dauerte es freilich weitere vierzehn Jahre.

Uraufführung wider Willen

Wagner wollte eigentlich das Riesenwerk erst ganz vollenden, ehe eine Aufführung stattfinden sollte, aber er mußte sich wohl oder übel dem Wunsch seines königlichen Gönners und Freundes Ludwig II. von Bayern beugen, der nicht bis zur Vollendung des ganzen Werkes warten wollte und darauf bestand, zuerst „Das Rheingold“ am 22. September 1869 und am 26. Juni 1870 „Die Walküre“ in der Münchener Hofoper aufzuführen. Beiden Aufführungen war Wagner ferngeblieben. Die Uraufführung der „Walküre“ war außergewöhnlich erfolgreich gewesen, sodaß im Juli 1870 beide Werke je dreimal aufgeführt wurden. Im Publikum saßen Wagners französische Freunde, sein Schwiegervater Franz Liszt und Johannes Brahms.

Erst 1876 konnte der ganze Ring aufgeführt werden

Den „Siegfried“ beendete Wagner im Februar 1871, die „Götterdämmerung“ erst im November 1874. Im August 1876 war es dann endlich soweit, im Rahmen der ersten Festspiele in Bayreuth wurde der „Ring des Nibelungen“ zum ersten Mal vollständig aufgeführt.