Freiheitsliebende, mutige Krieger: So lernte Herbert Fritz die Mudschaheddin in den 1980er-Jahren kennen.
Foto: Dr. Herbert Fritz

Afghanen: Ehrenmänner, die nicht nach Europa gehören

Herbert Fritz und seine Erfahrungen mit der afghanischen Mentalität

Der Publizist Dr. Herbert Fritz ist nicht nur ein ausgewiesener Kurdistan-Experte, sondern bereiste als Weltenbummler Länder, die zu jener Zeit schwer zugänglich und äußerst gefährlich waren: So wagte er sich 1987 und 1989 nach Afghanistan. Bei seiner ersten Reise mit Khazan Gul stand noch die sowjetische Armee im Land, bei der zweiten Reise waren die Sowjets bereits abgezogen, das kommunistische Regime aber noch nicht besiegt.

Ein Beitrag von Dr. Herbert FRITZ

Bei beiden Reisen konnte ich Prof. Sibghatullah Mojaddedi, Gründer der „Afghanischen Nationalen Befreiungsfront“ interviewen, bei der zweiten war ich mit Mudschaheddin von Prof. Mojaddedi unterwegs und konnte auch Prof. Burhānuddin Rabbāni, einen weiteren prominenten Parteichef der Siebener-Allianz interviewen. Prof. Sibghatullah Mojaddedi, Gründer der „Afghanischen Nationalen Befreiungsfront“, einer islamisch-traditionellen Partei, war ab 1989 Oberhaupt des „Vorläufigen Islamischen Staates Afghanistan“ und vom 28. April bis zum 28. Juni 1992 Präsident des neugeschaffenen „Islamischen Staates Afghanistan“ und ist am 11. Februar 2019 gestorben. Burhānuddin Rabbāni übernahm am 28. Juni 1992 von Sibghatullah Mojaddedi den Vorsitz im Islamischen Rat von Afghanistan, der von den Mudschaheddin geführten Übergangsregierung. Am 30. Dezember 1992 wurde er von einer Wahlversammlung für zwei Jahre zum Präsidenten gewählt. Tatsächlich blieb er bis zum 22. Dezember 2001, also auch in der Zeit, als die Taliban den größten Teil des Landes beherrschten, der international anerkannte Präsident Afghanistans. Zuletzt führte er den Vorsitz im „Hohen Friedensrat“, der im Auftrag der afghanischen Regierung mit den Taliban verhandeln sollte. Am 20. September 2011 fiel Rabbāni einem Selbstmordattentat der Taliban zum Opfer.

Als Gast bei afghanischen Freiheitskämpfern

Doch gehen wir zurück in jene Tage, als ich Afghanistan persönlich in Augenschein nahm: Im Juli 1987 hatte ich eine Gruppe afghanischer Freiheitskämpfer unter Führung Khazan Guls in das Gebiet des Tani Stammes begleitet. Obwohl unsere Gruppe bewaffnet war, beteiligte sie sich bei diesem Einsatz nicht an den Kämpfen. Khazan Gul sah sich vielmehr in der Rolle eines Entwicklungshelfers. Geboren 1943, studierte er von 1964 bis 1972 in der BRD Mathematik und Physik, erwarb das Lehramt und kehrte nach einem sechsmonatigen Praktikum 1973 mit klaren Vorstellungen und der festen Absicht, seinen Beitrag zur Entwicklung des Landes zu leisten, in seine Heimat zurück.

Afghanen werden in ihrer Heimat gebraucht!

„Afghanistan kann sich nur entwickeln“, lautet sein politisches Credo, „wenn es einfach beginnt und keine fertigen Waren kauft. Die Bedürfnisse der Bevölkerung sind aus eigener Produktion zu decken. Der Lebensstandard darf nicht durch Importe künstlich gehoben werden. Mit zunehmender Entwicklung der Produktivkräfte wird er automatisch steigen. Was nützt es uns, wenn Afghanen zwar in Europa studieren können, dann aber nicht zurückkehren? Wir brauchen afghanische Ärzte, Techniker, Ingenieure usw., nicht in der BRD, nicht in Österreich oder Frankreich, sondern bei uns in Afghanistan.“
Er widmete sich der Landwirtschaft, errichtete Bewässerungsanlagen und ließ terrassenförmige Felder anlegen und zum Schutz der Bevölkerung Höhlen bauen, förderte den Wiederaufbau zerstörter Häuser und versuchte, die Menschen im Lande zu halten, da er der Meinung war, daß Flüchtlinge in den Lagern zu Almosenempfängern würden, das Arbeiten verlernten, ihren Stolz verlören und weit mehr Kosten verursachen würden. Es war ihm gelungen, daß von 600 ausgebombten Familien 537 in ihrer Heimat geblieben waren. 200 Rupien (damals nicht ganz 160 ATS) monatlich genügten, um sie die ärgsten Schwierigkeiten überwinden zu lassen. Khazan Gul war auch in politisch interessierten Kreisen in Österreich kein Unbekannter. So waren sowohl in der „Kronen Zeitung“ als auch im „Kurier“ Interviews mit ihm bzw. Artikel von ihm erschienen. Nach dem Sturz der Taliban war Khazan Gul eineinhalb Jahre lang Erziehungsminister in der Provinz Khost In dieser Zeit hat er über fünfzig Schulen gegründet.

Khazan Gul – der Unbeugsame

Zwischen 2004 und 2013 hatten ihn Monika Koch und Heiner Tettenborn, zwei junge Deutsche, mehrmals in Afghanistan besucht und waren von ihm und seinen Aktivitäten so begeistert, daß sie über ihn ein Buch, basierend auf seinen Erzählungen und den Gesprächen mit ihm geschrieben haben: „DER UNBEUGSAME. Das Leben des Khazan Gul Tani für Afghanistan“. Darin sind nicht nur sein Werdegang beschrieben, sondern vor allem seine Bemühungen, die Lebensverhältnisse in Afghanistan zu verbessern, wobei die Förderung der Landwirtschaft und die Gründung von Schulen im Mittelpunkt seiner Bestrebungen stehen.

Blutrache für jeden Afghanen Selbstverständlichkeit

Zwei Stellen daraus möchte ich hier zitieren, die mehr über Afghani-stan und die Afghanen aussagen, als so manches dicke Buch zu diesem Thema:
„Blutrache ist ein Element der Stammesgesetze, die in ganz Afghanistan gültig sind, vor allem aber bei den paschtunischen Stämmen. Wo die Regierung sehr schwach ist und die Verbrecher nicht bestrafen kann, machen die Leute selbst ihre Gesetze. Das ist sehr demokratisch. In einer Jirga wird entschieden, ob jemand verurteilt wird. Wenn die Jirga eine Verurteilung beschlossen hat, dann wird vom nächsten Verwandten Blutrache genommen. Wenn der Vater getötet worden ist, dann ist der Sohn dafür verantwortlich. Er muß den Mörder töten“. Auf die Frage: „Wenn ein Mann deiner Tochter nachpfeift, würdest du ihn umbringen?“ antwortet Khazan Gul: „Wenn er meine Tochter nur anschaut, werde ich ihn umbringen! Das ist meine Ehre! Ich muß meine Ehre verteidigen, sonst kann ich in Afghanistan nicht leben“ […] Es gibt nichts Wichtigeres als meine Ehre! […] Das Problem in Afghanistan ist, daß der Staat nicht für Sicherheit sorgt. Auf Polizei, Justiz und Gefängnisse, die in Deutschland viele davon abhalten, Verbrechen zu begehen, kann man sich hier nicht verlassen. Deshalb muß man als betroffene Familie auf jede Ehrverletzung reagieren, indem man alles dafür tut, die Ehre wiederherzustellen. Sonst gibt es keine glaubwürdige Abschreckung für die nächste, noch schlimmere Grenzüberschreitung. Wenn eine Familie die Ehre nicht verteidigt, also Verletzungen nicht mit aller Macht ahndet, werden die Leute sagen: Diese Familie hat keine Ehre, keine Abschreckung mehr, mit der kann man alles machen, und von da an wird es wirklich gefährlich.“ Wie kann von jungen Menschen, die in einem derartigen politischen und sozialen Umfeld aufgewachsen und davon geprägt sind, erwartet werden, daß sie sich wie Mitteleuropäer benehmen? Selbstverständlich halten sie Frauen, die auf sie zugehen, für Dirnen und sich selbst berechtigt, ja verpflichtet, Männer, die ihren Mädchen nachpfeifen oder sie auch nur anschauen, anzugreifen.


Einwanderungsbefürworter: Die wahren Schuldigen

Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, daß unsere Staaten konsequent Rechtsverletzungen ahnden müssen, aber die wahren Schuldigen sind jene Realitätsverweigerer und Humanitätsexhibitionisten, die sie ins Land geholt haben, anstatt weit effektivere Hilfe vor Ort zu leisten! Übrigens: Derzeit kommt der Großteil der Menschen, die nach Europa wollen, aus Afghanistan…