Arnold Böcklin schafft es mit „Die Toteninsel III“, eine versöhnliche Vorstellung vom Tod zu vermitteln.

De morte – über den Tod…

Gedanken über das Unaussprechliche

Media vita in morte sumus. Auf gut Deutsch: Mitten im Leben trifft uns der Tod. Sie und ich, wir kennen das aus dem Stück „Jedermann“ am Domplatz zu Salzburg. Allerheiligen, richtig: Allerseelen, ist die vielleicht beste Zeit, um ein Thema anzuschneiden, das den meisten Zeitgenossen Unbehagen bereitet. Die Rede ist, der Titel verrät es, vom Ende unserer irdischen Existenz.

Ein Beitrag von Erich Körner-Lakatos

Das große Tabu unserer Tage ist der Tod, der als finaler Repräsentant der Vergänglichkeit auftritt. Es gehört zum guten Ton, ihn auszuklammern. Von ihm spricht man so leise wie möglich, wenn überhaupt. Ein Mensch, dem bewußt ist, was er sich als gesellschaftliches Wesen schuldig ist, kurz: der weiß, was sich gehört, vermeidet tunlichst das Verbum „sterben“. Gängige Umschreibungen sind etwa: die Augen schließen, eingeschlafen, heimgehen, erlöst werden. Das Tabu des Sterbens bringt es mit sich, daß die alte christliche Vorstellung von unserer Erde als Durchgangsstation weithin obsolet geworden ist. Der Reisende durch das Jammertal, das Ende vor Augen, darf nur mehr seinen Pilgerstab in eine Ecke stellen und hat möglichst unauffällig zu verschwinden. In seinem Roman „Der veruntreute Himmel“ zeichnet Franz Werfel die rührende Gestalt einer alten Köchin, die ganz naiv den Mut aufbringt, einem Tabu gleichsam entgegenzuleben, indem sie ihr Herz und ihr Denken dem Dauerhaften, dem Glauben zuwendet. Ganz im Gegensatz zu ihren höchst betriebsamen Mitmenschen. Wer hätte die Rolle besser verkörpern können als die unvergessene Annie Rosar?


Brauchen wir die Verdrängung?

Der Sensenmann wird ausgespart. Dieses Tabu läßt klar erkennen, daß wir in einer Arbeitswelt leben, die dem Imperativ gehorcht, egal was da geschehe, der Betrieb müsse weitergehen, und zwar so schnell wie möglich, damit ja niemand über die Berechtigung des Todestabus in ein unzeitgemäßes Nachdenken gerät. Der reibungslose Ablauf des Geschäftslebens verlangt Arbeitsmenschen – fast ist man versucht zu sagen: Automaten auf zwei Beinen –, die von der fraglosen Wichtigkeit der von ihnen zu leistenden Handgriffe überzeugt sind. Dabei sind die Gottesäcker überfüllt mit Menschen, die sich für unverzichtbar gehalten haben. Getreu der Forderung des Todesengels der Französischen Revolution, Antoine de Saint-Just, jenes Revolutionärs und Anhängers Robespierres, der mit diesem gestürzt und am darauffolgenden Tag, dem 28. Juli 1794, mit ihm gemeinsam das Schafott bestiegen hat: Nicht die Gefängnisse haben überfüllt zu sein, sondern die Friedhöfe.


Müßiggang läßt leichter leben – und sterben?

Mit der Fixierung auf die Betriebsamkeit gerät eine andere Eigenschaft, um nicht zu sagen conditio humana, ins Visier: die Muße, die in unseren Breiten zum Tabu geworden ist. Der Zwillingsbruder der Muße ist der Müßiggang, dem a priori etwas Negatives anhaftet, er ist bekanntlich aller Laster Anfang. Heutzutage gerät zum Beispiel die schlichte Weisheit, man könne sich auch auf zwei Beinen fortbewegen, ins Vergessen. Das einfache Schreiten, der zweckfreie wie ziellose Spaziergang, der Gefühle und Gedanken in uns aufsteigen läßt, die man im Rahmen des rastlosen Alltags gleichsam unterdrückt, wird zum recht zweifelhaften Vergnügen. Seit der Antike gilt der Grundsatz des Alterns in Würde. So prägte beispielsweise Cicero den Begriff des „otium cum dignitate“, der mit wissenschaftlicher und philosophischer Betätigung verbrachten „würdevollen Muße“ in Zurückgezogenheit.


Jugendwahn vermiest das Altern

Doch was sehen wir jetzt? Der Philosoph Peter Kampits spricht es ungeniert aus: „Der Jugendwahn, der die Chancen einer verlängerten Lebenszeit in die falsche Richtung drängt, hat die Alten dazu verleitet, so zu tun, als ob sie jung wären. Dieser Infantilisierungsdruck, der die furchtbarsten Blüten treibt – die extrem gefärbten Haare alternder Amerikanerinnen, 90jährige Marathonläufer, die Idolisierung des Seniorensports sind nur einige Beispiele dafür, was Günther Nenning seinerzeit auf den Punkt gebracht hat: ‚Auf der Suche nach dem Sinn haben wir den Unsinn erfunden. Die Alten äffen die Jungen nach, die Alten hatschen dem Zeitgeist hinterdrein. Das Alter verliert die Würde und gewinnt an Lächerlichkeit. Sex, Sport und Spaß sind die Dreifaltigkeit der Moderne. Die Menschen werden immer älter und immer blöder …‘.“


Wer bewußter lebt, kann leichter sterben…

Noch gibt es im Süden Europas Landstriche, wo sich die lateinische Lebensart in Nischen erhalten hat, eine Form des Lebens, die überaus gemächlich und dem mediterranen Menschentyp entsprechend ist (dolce far niente). In unseren Breiten ist es hoch an der Zeit, die Muße kleinweis‘ wiederzubeleben. Zum Beispiel am Sonntag. Man durfte länger schlafen, frühstückte gemütlich, jeder durfte und sollte nach Herzenslust bummeln. Nach dem Sonntagsbraten („unter der Woche“ Fleisch zu essen, galt als unschicklich) machte es sich jedermann bequem, döste vor sich hin. Nach dem biblischen Gebot: Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebten ruhen. Jetzt deutet nicht mehr viel auf den Sonntag hin. Höchste Eisenbahn, daß wir uns den geheiligten siebten Tag der Woche zurückholen, bevor er uns für immer verlorengeht. Ein Leben ohne Sonntag, ohne Ruhetag, ist eigentlich kein Leben mehr. Sondern eine Art Dasein in Unrast mit Endlosschleife, ein Ringelspiel, das sich ständig im Kreis dreht, und wir atemlos mit ihm. Ein Ringelspiel, das nur einmal stehenbleibt – wenn es für alles zu spät ist. Tja, und damit wären wir wieder bei unserem eingangs erörterten Tabu, dem Sensenmann.