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“Die Frauen haben den Ausschlag in der Abstimmung gegeben…”

Walter Tributsch im Gespräch über die neue Eckartschrift

Die Kärntner gelten in Österreich als besonders heimattreu: Die Erinnerung und das Gedenken an Abwehrkampf und Volksabstimmung waren gewissermaßen sacrosankt – doch ist das auch heute noch so? Wir haben darüber mit dem aus Kärnten stammenden Publizisten Walter Tributsch gesprochen, der in der ECKARTSCHRIFT 240 wichtige Aspekte der Kärntner Geschichte und Gegenwart behandelt.

Der ECKART: Herr Mag. Tributsch, Kärnten feiert dieses Jahr 100 Jahre Volksabstimmung. Welchen Stellenwert hat dieses historische Ereignis heute eigentlich noch?

Walter Tributsch: Es ist mit Sicherheit auch heute noch der wichtigste Tag in Kärnten, und es sollte auch der wichtigste für die Kärntner sein. Immerhin wurde vor einhundert Jahren darüber abgestimmt, ob Kärnten ungeteilt bei Österreich bleiben würde. Und damals haben unter schwierigsten Umständen die Einwohner des Südkärntner Raumes eindeutig für den Verbleib bei Österreich gestimmt.

Wenn Sie einen persönlichen Vergleich ziehen zwischen den 10. Oktoberfeiern, die Sie als Kind und Jugendlicher in Kärnten erlebt haben und jenen der letzten zehn oder zwanzig Jahre: Ist das Heimatbewußtsein der Kärntner die tragende Säule geblieben, oder hat der Zeitgeist auch hier Spuren hinterlassen?

Auch hier muß ich leider Gottes Ihre Frage mit dem zweiten Teil Ihrer Andeutung beantworten. Leider ist nicht nur der klassische Fall für ein stärker gelebtes Heimatbewußtsein dem unseligen vorherrschenden Zeitgeist anheimgefallen. Ja, viel mehr noch, die regierenden Sozialisten, mit ihrem Landeshauptmann Peter Kaiser an der Spitze tun nahezu alles, um aus dem Kärntner Landesfeiertag ein beliebiges Etwas zu schaffen, für das sich kaum jemand in Kärnten zuständig fühlt und das auch heuer weitgehend ausfällt. Aus dem Tag mit gelebtem Nationalbewußtsein, wie ich ihn noch in jungen Jahren in der Schule und auch außerhalb erleben durfte, ist das geworden, was der Fritz Schretter mit seinem Abwehrkämpferbund als nicht viel mehr als ein „Multikulti-Ereignis“ bezeichnet.

Sowohl der Kärntner Abwehrkampf als auch die Volksabstimmung waren entscheidend von heimattreuen Freiwilligen getragen. Heimattreue Verbände – allen voran der Kärntner Abwehrkämpferbund – hatten auch nach dem Zweiten Weltkrieg über lange Zeit großen politischen Einfluß. Welche Rolle spielen diese Traditionsverbände im gegenwärtigen Kärnten?

Die Traditionsverbände in Kärnten sind vielfältig und vielzählig. Neben dem von Ihnen angesprochenen Abwehrkämpferbund gibt es da natürlich auch noch den Kärntner Heimatdienst mit Dr. Josef Feldner an der Spitze, die Kärntner Landsmannschaft, die immerhin für den braunen Kärntneranzug und für die legendäre vierte Strophe des Kärntner Heimatliedes der Agnes Millonig gesorgt hat. Nicht vergessen werden dürfen aber auch die zahlreichen Trachtenvereine, von denen es aus jedem Tal zumindest einen auch heute noch gibt. Den Kärntner Heimatdienst möchte ich insofern hervorheben, als auch dieser heuer seinen 100. Geburtstag gefeiert hat und immerhin auf einen äußerst verdienstvollen Mann wie Hans Steinacher zurückblickt. Ohne ihn und ohne den seinerzeitigen Landesverweser Arthur Lemisch hätte es weder den bewaffneten Widerstand gegen die freche Annexion Südkärntens durch die SHS-Slowenen gegeben noch die schließlich alles entscheidende Volksabstimmung.

Sie betonen in Ihrer kürzlich erschienenen ECKARTSCHRIFT über Kärnten die Rolle der Frauen in den Jahren des Abwehrkampfes und der Volksabstimmung; weshalb diese ungewöhnliche Gewichtung?

Es mag von meiner Seite her tatsächlich absonderlich erscheinen, daß in dieser ECKARTSCHRIFT tatsächlich ein ganzes Kapitel den Frauen gewidmet ist – ist es aber keineswegs. Ich schließe damit eine Lücke in der einschlägigen Literatur, die bisher kaum behandelt wurde. Immerhin haben die Frauen den Ausschlag in der Abstimmung gegeben. Sie waren deutlich in der Überzahl, schließlich sind auch viele Kärntner Männer im Feld des Ersten Weltkriegs geblieben. Darüber hinaus hatten die Frauen auch erstmals in einer großen, entscheidenden Wahl das Stimmrecht. Und was wir keinesfalls vergessen dürfen lag ihr äußerst wertvoller Beitrag in der Vorbereitung der Wahl. Das Genie des Schriftstellers Joseph Friedrich Perkonig, der für die Werbung auf Kärntner Seite zuständig war, hätte niemals ausgereicht, wären unsere Frauen mit ihrer Schmuggeltätigkeit durch die streng bewachten slowenischen Demarkationslinien nicht so konsequent und letzten Endes so erfolgreich gewesen.

Bundespräsident Van der Bellen verkündete im Juli, daß der 100. Jahrestag der Volksabstimmung gemeinsam mit Sloweniens Präsidenten Borut Pahor gefeiert werde. Werden die diesjährigen Feierlichkeiten zum 10. Oktober mit jenen früherer Jahrzehnte vergleichbar sein – oder hat sich hier schon längst ein Traditionsbruch vollzogen?

Wie bereits gesagt, leben wir derzeit mit dem Traditionsbruch. Schuld daran sind aber nicht nur Peter Kaiser und die Kärntner Sozialisten, sondern die meisten politischen Parteien in ganz Österreich. Denken wir nur an die NEOS, die ohne jegliches Prinzip über die Runden kommen wollen. Lediglich der Gedanke an die Aufgabe nationaler Werte in Europa und die Hinwendung zu einem alles bestimmenden Bundesstaat EU mit seinem Zentrum in Brüssel scheint so etwas Ähnliches wie ein ideologisches Programm zu sein. Ähnliches triff t mittlerweile auf die ÖVP zu, die über die EU alles zu vergessen scheint, was sie einst charakterisiert und auch stark gemacht hat. Sie war ja auch jene österreichische Partei, die damals, noch mit dem mittlerweile verurteilten Ernst Strasser an der EU Spitze, ihren Parteitag in Brüssel abgehalten hat. Von den Grünen und damit auch von unserem jetzigen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen brauchen wir gar nicht zu reden. Wenn jemand Aussagen publiziert und duldet wie „Wer Heimat im Herzen hat, hat auch Scheiße im Hirn“, braucht eigentlich nicht mehr kommentiert zu werden. An UHBP ist aber schon die Unverfrorenheit hervorzuheben, mit der er sich im Wahlkampf heimatliche Werthaltungen umhängen ließ, als Atheist nach Maria Taferl pilgerte und schließlich die Führung des Bundesheeres übernahm. Eine Einrichtung immerhin, für deren Abschaffung er lauthals plädiert hatte, als er noch Chef der Grünen in Österreich war. Meldungen von ihm wie jene zum Kärntner Landesfeiertag sind daher bei weitem noch nicht die Spitze seiner Denkungsweise.

Um den, wie Sie es nennen, „Jahrhundertstreit“ über die Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln ist es zuletzt recht ruhig geworden. Die Lösung des Memorandums von 2011, auf Minderheitenfeststellungen zu verzichten, wurde nicht von allen Kärntnern als befriedigend angesehen. Wurde hier tatsächlich ein Kompromiß gefunden, oder trügt der Schein?

Natürlich kann man die schließliche Einigung auf eine bestimmte Anzahl an zweisprachigen Ortstafeln, die unter maßgeblicher Mitwirkung von Josef Feldner erfolgt ist, durchaus hinterfragen. Sie haben schon recht, daß die geforderte Minderheitenfeststellung nicht erfolgt ist. wir dürfen allerdings auch nicht vergessen, daß wir den Zweiten Weltkrieg verloren haben und daß es einen Staatsvertrag gibt, an den sich allerdings heute nicht mehr viele Politiker zu halten gedenken. Denken wir nur an die immerwährende Neutralität und die geübte Rolle in der EU und mit unserem Bundesheer. Die Frage war damals nur, ob mit der Ausverhandlung einer gemeinsamen Regelung nach dem Chaos, das der Sozialist Hans Sima im Wesentlichen angerichtet hatte, eine Befriedung und Ruhe mit der slowenisch-sprachigen Minderheit in Kärnten einkehren würde. Jüngsten „Aktionen“ der Slowenen zufolge ist das allerdings leider weniger der Fall.