Foto: Flickr/ilaria/CC BY 2.0

Waltzing Matilda und Weinbau – Australiens deutsches Erbe

Vom zähen Ringen um den Erhalt von Australiens Deutschtum

„You’ll come a Waltzing Matilda with me.” So beginnt der Refrain des wohl berühmtesten aller „Buschlieder”, für die der Kontinent am Ende der Welt bekannt ist. Neben Känguruhs, Koalabären und allerlei giftigem Getier versteht sich…

Ein Beitrag von Jörg Sobolewski

Die zahlreichen Besucher aus der Bundesrepublik, aus Österreich oder der Schweiz kommen heute vor allem der spektakulären Natur wegen, so manche verlieben sich in Land und Leute und bleiben. 
Bis heute hält der Auswandererstrom nach „Down Under” an. In einigen Städten machen Neuankömmlinge bis zu einem Viertel der Bevölkerung aus. 
Dabei ist den wenigsten Deutschen bewußt, wie reich auch hier das deutsche Erbe ist. 
Zwei Weltkriege und die enorme Größe des Landes haben die Spuren verblassen lassen, aber wer nach ihnen sucht, wird reichlich fündig. Denn tatsächlich haben Deutsche diesen Kontinent mindestens so sehr geprägt wie die ebenfalls zahlreichen Italiener oder Holländer. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung haben deutsche Vorfahren.

Fünf Prozent der Australier sind deutscher Abstammung

Besonders in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zog es viele Deutsche nach Down Under. Es scheint die typisch deutsche Mischung aus Freiheitsliebe und Fleiß gewesen zu sein, die die Australier bis heute mit der deutschen Einwanderung verbinden. Selbst die inoffizielle Hymne des Kontinents wäre ohne die deutsche Sprache nicht denkbar. Denn tatsächlich bezieht sich der Titel „Waltzing Matilda” nicht auf einen wilden Tanz mit einer Matilda, sondern auf die deutsche „Walz” der Handwerksleute, die „Matilda” hingegen ist die australische Bezeichnung für das Bündel, das reisende Schafscherer mit sich tragen. Eine echte deutsch-australische Wortkreation, die noch heute in Australien gebräuchlich ist. Wer sich anschickt, den heimischen Herd zu verlassen, um das ganze Land zu bereisen, der geht „Waltzing Matilda”. 

Die Deutschen und der Weinbau 

Auch der Weinbau im Süden des riesigen „Commonwealth of Australia” wäre ohne den Deutschen Joseph Ernelt Seppelt nicht denkbar. Sein Weingut „Seppeltfield” war das erste im berühmten Coonawarra-District. Heute gehört es zu den besten Anbaugebieten Südaustraliens. 
Es sind viele Geschichten wie diese, die den Australiern heute durch den Kopf gehen, wenn sie an ihr deutsches Erbe denken. Selbst einer der weltweit größten Bergbaukonzerne – die BHP Group – wäre ohne den württembergischen Querkopf Charles Rasp nicht denkbar. Der verließ aus ungeklärten Gründen seine Heimat und sich unter falschem Namen nach Australien einschiffte.

Preußen, Schlesier & Schwaben

Zu Tausenden verließen Deutsche wie Rasp oder Seppelt Europa. Es zog sie ein Kontinent, der bis heute dünn besiedelt ist und damit Freiraum bietet für fast jeden. Preußische Altlutheraner, Schlesier und Württemberger. Gescheiterte Revolutionäre, Goldsucher und entlaufene Schiffsjungen. Einige gründeten blühende Siedlungen wie Klemzig oder Lobethal. Andere suchten und fanden eine zweite Chance im Goldrausch. 

Wie überall: Deutsche litten unter den Weltkriegen

Nicht immer stießen sie dabei auf Gegenliebe. Den Klemziger Siedlern wehte ein kalter Wind entgegen. Ihre englischen Nachbarn konnten mit den fremdsprachigen Neuaustraliern nichts anfangen und wünschten sie „zum Teufel”. Doch nach wenigen Jahren änderten sie ihre Meinung, und der zweite Gouverneur von Südaustralien wünschte sich sogar „weitere Tausende” ins Land. Hartnäckigkeit und deutsche Gastlichkeit hatten die Herzen und Köpfe der Südau-stralier gewonnen. 
Doch zwei Weltkriege zerstörten, was Generationen in harter Arbeit aufgebaut hatten. Die Deutschen galten nun als „Feind im eigenen Land”. Namen von Dörfern und Farmen wurden geändert, Vereine verboten und viele Deutsche interniert. 
Nach dem Krieg kam das deutsche Kulturleben langsam wieder in Fahrt, und der älteste, australische Männerchor – die „Adelaide Liedertafel” feierte 2008 in der Adelaide Townhall ihr 150. Jubiläum. 

Australiens Deutschtum verschwindet heute immer mehr

Und heute? „Unsere Kinder haben mit dem Deutschtum wenig am Hut. Für die Australier war es ein Volltreffer, die Deutschen ins Land zu holen.” Peter Ruys nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um seinen Chor geht: „Als ich der Liedertafel 1983 beitrat, haben wir auf drei Reisen nach Deutschland nur wenige Chöre gefunden, die uns das Wasser reichen konnten. Heute können wir das Ende der Fahnenstange klar erkennen.” 
In den letzten zehn Jahren ist in Australien ein regelrechtes Chöresterben vonstatten gegangen. Der Nachwuchs fehlt und wird auch nicht mehr nachkommen. Zu schwer ist die Sprache der Väter und zu groß die Identifikation mit der australischen Mehrheitsgesellschaft. 

Australiens europäische Identität steht auf dem Spiel

In einem Land, das in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts sich vor ganz neuen Identitätskonflikten sieht, das mit sich selbst darum ringt, wie europäisch es in Zukunft noch geprägt sein möchte – in einem solchen Land rückt die Vielfalt des alten Kontinents in den Hintergrund. Verständlich und traurig zugleich. 
Dennoch merkt man Peter den Stolz an, wenn er über sein Erbe spricht: „Obwohl ich ein australischer Staatsbürger bin, werde ich im Innern immer ein Deutscher sein. Das legt man nicht ab.” 

Stolz auf deutsche Zähigkeit

Stolz sind auch die Australier, die kein Deutsch mehr sprechen, aber in ihrem Namen das Erbe weiter tragen. 
„Mein Ururgroßvater kam als Goldsucher nach Down Under. Er litt sehr früh an Gicht – die Arbeit in den feuchten Schächten hat ihn kaputt gemacht. Aber bis heute zehren wir von seinem Wohlstand.” Andrea Hofmeisters Augen glitzern, wenn sie über ihre Familiengeschichte spricht. Identitätskonflikt? „Nicht die Spur”, meint sie, „ich bin Australierin, und in meinem Blut fließt das Beste des alten Kontinents.” Sie lacht, und ihr Mann wirft ein: „Wenn sie nicht so stur wäre, hätten wir hier schon längst die Farm dicht gemacht. Aber ihr Deutschen gebt ja einfach nicht auf, und jetzt geht es uns doch ganz gut.” Das Farmerpaar betreibt eine Baumwollfarm am Rande des Staates Neusüdwales. Das deutsche Erbe der Familie Hofmeister, es lebt weiter und läßt sich nicht unterkriegen. Ganz so wie der Swagman aus „Waltzing Matilda”: unbeugsam, frei und echt australisch.