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Zeigt her eure Glatzen

Von Verena Rosenkranz

Die Luft ist biergeschwängert, das vermehrt mit dem Y-Chromosom ausgestattete Publikum in der Wiener Stieglambulanz ebenso. Mitten drinnen eine blinde Verabredung zweier Studenten. Dreier eigentlich. Bester Freund und beste Freundin, gegenüber wie im Verhör ein Studienkollege des jungen Mannes.

Ein offenbar von Anfang an schlecht geplanter Kuppelversuch. Sichtliches Unwohlsein bei dem jungen Mann mit bereits schütterem Haar. Physikstudent. Er glaubt an die Theorie, daß bei hoher Gehirnaktivität eben die Haarpracht vermindert werde. Sein Gegenüber, ebenfalls Physikstudent, fährt sich betroffen durch die vollen Locken. Den beiden scheint das Gespräch zusehends unangenehm zu werden.

Die junge Dame, von der stümperhaften Datingaktion ihres in die Freundezone verbannten Begleiters genervt, steigt nun aber interessiert in das Gestammel mit ein. Viel weniger als Racheaktion, als aus purer Überzeugung, zwei nicht halb so fest im Leben stehende junge Männer vor sich zu haben wie sie von sich selbst behaupten. Der hagere Student berichtet über eine Haartransplantation eines Bekannten. Er will die Reaktionen ausloten. Sein Studienkollege scheint seine Sorge zumindest annähernd zu teilen, würde aber im Falle eines Haarausfalles wohl die übrigen Haare über die kahle Stelle kämmen, was auch am interessiert zuhörenden Nebentisch erheiterte Gesichter zur Folge hat. Mutig gibt nun auch der potentielle zukünftige Partner der jungen Frau zu, sich bei genügend finanziellen Mitteln einer solchen Transplantation zu unterziehen.

Das Gespräch stockt, die junge Dame nimmt einen selbstbewußten Zug aus ihrem Glas naturtrübes Bier. Und fragt die beiden Herren an ihrem Tisch, was denn dann eigentlich noch männlich an ihnen sei, wenn sie mit einer Glatze nicht leben könnten? Sie scheint der ungewollte Haarverlust viel weniger zu stören als die jungen Männer, die eigentlich nur Angst davor haben, in der Damenwelt keinen Fuß mehr fassen zu können.

Ein Mann in Anzug und Dreimillimeterfrisur am Nebentisch prostet der Studentin amüsiert zu. Sie tut es ihm gleich.

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