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„Von nun an sei das Untertänigkeitsverhältnis aufgehoben …“

Im Gedenken des „Bauernbefreiers“ Hans Kudlich zu seinem 100. Todestag

Von Ernst Brandl

Um die „Befreiung“ der Bauern durch Hans Kudlich zu verstehen, muß man sich die soziale Lage der Landbevölkerung vor dem Revolutionsjahr 1848 vergegenwärtigen. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts lebte praktisch die gesamte Landbevölkerung in persönlicher Unfreiheit. Unfrei war das Landvolk wegen der bestehenden Untertänigkeit, die teilweise sogar noch „Leibeigenschaft“ war. In ganz Europa war die Situation praktisch gleich, sie unterschied sich im Prinzip nicht von der in Österreich.

Untertänigkeit bzw. Leibeigenschaft bedeutete, daß der „Untertan“ keine Persönlichkeitsrechte hatte; er konnte nur mit Genehmigung des Grundherrn einen Beruf erlernen, seinen Wohnort wechseln oder heiraten. Die Grundherren hatten die volle Gewalt über ihre Bauern, da eine gerichtliche Instanz praktisch nicht bestand. Der „Herr“ hatte außer der „Niederen Gerichtsbarkeit“ sogar das Recht, den in seinen Augen ungehorsamen Untertanen nach seinem eigenen Ermessen zu bestrafen. All das sollte Hans Kudlich in einem demokratisch-politischen Prozeß zu Fall bringen! Welch Heldentat zur Befreiung des Menschen!

Am 25. Oktober 1823 kam Hans Kudlich als jüngster Sohn und sechstes Kind eines relativ begüterten, doch robotpflichtigen Bauern in Lobenstein – heute Úvalno im Okres Bruntál / Tschechien – zur Welt. Der Vater, Johann Kudlich, war nicht nur fleißig und geschäftig. Er war auch von den Ideen der Aufklärung beseelt. Seine Absicht war es, seine Söhne aus der feudalen Wirtschaftsordnung von Robot und Zehent zu befreien. Ein Funken der Freiheitsidee, der im Sohn ein echtes Feuer entfachen sollte. Durch Vermittlung seines um 14 Jahre älteren Bruders Josef Hermann, der bereits vor ihm in Wien das Studium der Rechte absolviert hatte, kam er im Wiener Leseverein in Kontakt mit der liberalen Intelligenz. Dieser Kreis prägte und gestaltete wesentlich im Jahr 1848 die erste Phase der Revolution. Die Erfahrungen mit diesem einflußreichen Bürgerstand waren für Kudlichs geistige Wachstumsperiode ebenso wichtig wie die Begegnung mit liberalen Hochschullehrern und freiheitlich eingestellten Studienkollegen in der Akademischen Legion.

Als Sohn eines robotpflichtigen Bauern hatte er neben der Durchsetzung der demokratischen Freiheits- und Verfassungsrechte schon früh und sehr konkret die Abschaffung der bäuerlichen Erbuntertänigkeit einschließlich der Verpflichtung zum Robot im Auge. Am 13. März 1848 nahm Hans Kudlich in Wien an der berühmten Demonstration vor dem Niederösterreichischen Landhaus teil, in dessen Innenhof heute eine Gedenktafel an ihn erinnert. Es war der Beginn der Märzrevolution. Bei der Auflösung der Demonstration durch das Militär erhielt Kudlich einen Bajonettstich in die rechte Hand.

Er verließ Wien, um sich daheim gesundpflegen zu lassen und geriet dort in die aktive Politik, nämlich in die Vorbereitung der Wahl des Österreichischen Reichstages, und wurde im Juni aus seinem Wahlkreis (auch mit den Stimmen der Tschechen) in den Reichstag gewählt! Als jüngstes Mitglied (!) des österreichischen Reichstages stellte er sodann am 24. Juli 1848 den folgenschweren Antrag über die Aufhebung des bäuerlichen Untertänigkeitsverhältnisses samt allen daraus entsprungenen Pflichten wie Robot und Zehent.

Sein schriftlicher Antrag lautete: „Die hohe Reichsversammlung möge erklären:
Von nun an ist das Untertänigkeitsverhältnis samt allen daraus entsprungenen Rechten und Pflichten aufgehoben, vorbehaltlich der Bestimmungen, ob und wie eine Entschädigung zu leisten sei.

Ein Antrag, der nach ausgedehnten Parlamentsdebatten mit Zusatz- und Gegenanträgen und nach mehreren Kampfabstimmungen am 1. September 1848 im Reichstag als sogenanntes „Robot-Befreiungsgesetz“ beschlossen wurde. Am 7. September wurde es verkündet, am 9. September sanktionierte dann Kaiser Ferdinand I. dieses „Robot-Befreiungsgesetz“.

 

Auch wenn sich Kudlich in der Grundentlastungsfrage nicht in allen Punkten durchsetzen konnte, das Gesetz war ein entscheidender Erfolg. Es brachte tatsächlich die Befreiung der Bauern und machte aus herrschaftlichen Untertanen gleichberechtigte Staatsbürger. Das Gesetz war in einer Zeit des stark zunehmenden Nationalismus eine übernationale sozialpolitische Tat von enormer Tragweite. Es betraf 1848 im Kaisertum Österreich rund 11,7 Millionen „Landvolkangehörige“. Eine sozialpolitische Tat, die sogleich auch als echte Heldentat erkannt wurde: Um Hans Kudlich wegen seiner Gesetzesinitiative zu danken, huldigten ihm am 24. September 1848 über 30.000 Bauern aus der Donaumonarchie mit einem großartigen Fackelzug auf dem Mehlmarkt in Wien. So erhielt er den Ehrentitel „Bauernbefreier“

 

Schon einen Monat nach Verabschiedung des Robot-Befreiungsgesetzes brach der Wiener Oktoberaufstand aus. Er führte schließlich zum Zusammenbruch der Revolution, zur Verlegung des Reichstages nach Kremsier und am 7. März 1849 zu dessen Auflösung. Dort entging Kudlich durch Flucht aus Österreich nur knapp der Verhaftung. Zuerst floh er zu seinem Bruder Josef Hermann nach Frankfurt am Main, der dort Abgeordneter in der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche war. Schließlich flüchtete er weiter in die Schweiz, wo er in Zürich Medizin studierte und 1853 promovierte.

 

Auf Drängen des österreichischen Gesandten wurde Kudlich aus der Schweiz ausgewiesen, ging nach Amerika und ließ sich in Hoboken bei New York als Arzt nieder. 1854 wurde er wegen seiner Teilnahme an der Oktoberrevolution in Abwesenheit zum Tode verurteilt. In Amerika war er jedoch begeisterter Parteigänger Abraham Lincolns und setzte sich für die Abschaffung der Sklaverei ein. 1867 amnestiert kehrte er im April 1872 nach Österreich zurück, wo er in Linz stürmisch empfangen wurde. Wien verlieh ihm am 2. Mai die Ehrenbürgerschaft, die jedoch auf Anordnung Kaiser Franz Josephs zurückgenommen werden mußte. Enttäuscht kehrte Kudlich nach Amerika zurück, wo er bis zu seinem Tod, am 10. November 1917 in Hoboken bei New York lebte.

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