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Vom Joanneum zum „Bruseum“

Das Universalmuseum Joanneum verabschiedet sich von seinem Gründungsauftrag

von Ernst Brandl

In das alte Gemäuer des Joanneums zieht die zeitgenössische 68er Kunst ein. Man darf wegsehen ...

200 Jahre nach der Stiftung des Landesmuseums Joanneum durch Erzherzog Johann bleiben von den bahnbrechenden Zielsetzungen des „steirischen Prinzen“ für seine umfangreiche Sammlung nur mehr Versatzstücke. Die identitäre Schau- und Schatzsammlung tritt in den Hintergrund, der Zeitgeist bricht sich ungeniert Bahn.

Das Universalmuseum Joanneum gilt als ältestes öffentlich zugängliches Museum Österreichs und ist mit seinen rund 4,5 Millionen Objekten, Artefakten und Sammlungsgegenständen, aufgeteilt auf 24 Abteilungen in mehreren Standorten, das größte „Universalmuseum“ Mitteleuropas. Als einst 1811 der Bruder des regierenden Kaisers Franz I., Erzherzog Johann Baptist von Österreich (1782 – 1859), den Auftrag gab, gemeinsam mit den Ständen der Steiermark in Graz das „Innerösterreichische Nationalmuseum“ zu stiften, war dieser Gründungsakt Teil des visionären Plans des steirischen Prinzen, seine Wahlheimat umfassend zu modernisieren. Die steirische Bildungs-, Kultur- und Wirtschaftslandschaft ist bis heute von diesem identitären Gründergeist maßgeblich geprägt und beeinflußt.

Ein Faktum, dem sich selbst die steirische Kulturpolitik rund 200 Jahre später nicht verschließen konnte, und so war der rund 40 Millionen Euro teure Um- und Ausbau der altehrwürdigen Gebäude inmitten der Grazer Altstadt letztlich auch kein großes Politikum. Beschlossen unter einem SP-Kulturlandesrat und ausgeführt – trotz Sparpakets – unter dem VP-Nachfolger; so werden die SP/VP-Reformgenossen anläßlich der Eröffnung des neu adaptierten Joanneum-Viertels im November dieses Projekt abfeiern. Freilich: der Teufel liegt im Detail.

Zu einer Neuaufstellung der joanneischen Schatz- und Schausammlungen wird es in den Räumlichkeiten, die mit Hilfe eines architektonisch durchaus spektakulär konzipierten Tiefenspeichers zu einem eigenen „Joanneumsviertel“ arrangiert wurden, definitiv nicht kommen. Gespart wird vor allem bei der Präsentation der Stiftungsgüter des Erzherzogs. Die Sammlungen für Geologie, Volkskunde, Archäologie und vor allem die Alte Galerie werden nicht mehr in diesem Umfang in der prominenten Innenstadtlage präsentiert werden können.

Gewinner dieser inhaltlichen Neupositionierung wird die Neue Galerie sein. Im neuen Joanneumsviertel werden nicht die „alten Schinken“ ausgestellt  (die Sammlung der „Alten Galerie“ enthält Meisterwerke europäischer Kunst vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts), sondern zeitgenössische „Kunst“. Ein „Austausch“ der zentralen Inhalte, der offenbar schon lang vorbereitet wurde.

Bekanntlich hatte das Land Steiermark bereits 2008 um 1,4 Millionen Euro den „Vorlaß“ des in Graz geborenen Wiener Aktionisten Günter Brus erworben. Jener Brus, der in den 1960er Jahren gemeinsam mit Otto Mühl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler die Öffentlichkeit mit seiner „Körperkunst“ schockte und der ob seiner Obsession für „Fäkalkunst“ wegen „Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit“ 1968 zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Brus flüchtete daraufhin nach Berlin, gründete dort mit Oswald Wiener die „Österreichische Exilregierung“ und deren „Amtsblatt“, „Die Schastrommel“. Erst 1976 wurde die Haftstrafe vom Bundespräsidenten in eine Geldstrafe umgewandelt. 1979 kehrte er nach Österreich zurück und ließ sich sodann in Graz nieder.

Günter Brus "Selbstbemalung I"

Kein Wunder, daß solch eine Künstler-Vita die dunkelrot eingefärbten SPÖ-Kulturpolitiker und –manager jubilieren läßt. Der Ankauf dieses „großen Werkkomplexes“ von Brus durch das Landesmuseum Joanneum erfolgte auf langjähriges Betreiben des sattsam bekannten „Kunstkenners“ und Chefkurators der Neuen Galerie, Peter Weibel. Politisch wurde dieser millionenschwere Ankauf vom damaligen Kulturreferenten des Landes Steiermark, dem SPÖ-Urgestein Kurt Flecker, durchgesetzt. Die „linken“ Seilschaften in der Kulturschickeria hatten wieder einmal bestens funktioniert. Damit erhält Brus nach Nitsch, Frohner und Rainer als nächster heimischer Künstler mit durchaus kontroversiellem Oevre ein eigenes Museum – das „Bruseum im Joanneum“.

Was die Eröffnungsfeierlichkeiten leicht trüben könnte? Dummerweise ist das Kulturbudget des Landes so klamm, daß das Universalmuseum Joanneum nun die Außenstelle in Flavia Solva schließen muß. Dort wird man die 1980 freigelegte Römersiedlung wieder zuschütten! Antike Ausgrabungen zuschütten, Alte Kunst „Wegsperren“: Die Kulturpolitik liegt in der Steiermark im Argen.

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Info:
Vom Joanneum zum „Bruseum“ ist Beitrag Nr. 780
Autor:
huettner am 21. Dezember 2011 um 07:39
Category:
Feuilleton
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