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Rezension zu „Wir sind die neuen Juden“

Schon aufgrund des Werbeplakates mit den falschherum getragenen Bändern war das Theaterstück des Aktionskünstlers und bekennenden Kommunisten Hubert „Hubsi“ Kramar, welches er gemeinsam mit dem Schweizer Regisseur Frederic Sion gestaltete, unter Korporierten gespannt erwartet worden. Die zweite von insgesamt vier Vorstellungen fand nun in den ehemaligen Räumlichkeiten der Wiener Veterinärmedizin statt, die seit deren Auszug wohl auch nicht mehr saniert worden sind und nun Kramars 3raum-anatomietheater bilden.

Vielleicht 60 Besucher waren zur Aufführung in den früheren Seziersaal gekommen. Die Bühne war sehr schlicht gehalten. Die Akteure Lion und Kramer saßen einander seitlich zum Publikum gewandt an einem langen Holztisch gegenüber und schöpften aus ihren zusammengetragenen Unterlagen. Eine Videowand und ein Projektor, der gewaltige Probleme mit der Farbeinstellung aufwies, dienten als einzige Requisiten. Die Inszenierung begann als Lesung – wohl um ihr damit einen intellektuellen Anstrich zu geben – unter dem Motto „aus dem Zusammenhang gerissen“, wie auf einem am Boden festgeklebten Zettel groß zu lesen war. Zitate österreichischer Politiker von Dr. Karl Lueger bis zu HC Strache, die durchaus interessant zu hören waren, sollten die böse rechte, fremdenfeindliche und antisemitische Tradition des Landes aufzeigen. Diese wolle Kramar nach eigener Aussage nicht hinnehmen, obwohl „schweigen einfacher wäre“, weshalb er sich in mehr oder weniger künstlerischer Form mit diesem „Dreck“ beschäftigen müsse.

Wie der Kabarettist im Laufe des Stückes selbst zugeben mußte, hat er zuerst seine Projektidee an die Medien weitergeleitet und sich erst dann Gedanken über den Inhalt gemacht.
Enttäuschend knapp und gering waren daher die Anspielungen auf Korporationen gehalten. Lion stellte ein paar vermeintlich korporative Trinksprüche vor, welche als Beweis für die Frauenfeindlichkeit und Sauffreudigkeit der Männerbünde herhalten sollten. Im anschließenden „Bierduell“ mit seinem Kollegen bewies Hubert Kramar eindrucksvoll, daß er nichts an der Tasse kann.
Darauf folgte Propaganda gegen die FPÖ, welche beim Gros der Zuhörer eigentlich überflüssig, aber doch das eigentliche Ziel der Inszenierung war. Wahlplakate, Videoausschnitte und die umstrittene Ausgabe der Wiener Sagen als Wahlwerbecomic wurden eingeblendet, und man versuchte krampfhaft, sie mit Materialien aus der NS-Zeit in Verbindung zu bringen, wobei nur einzelne Wörter wie „Volk“ in den Beispielen übereinstimmten. Mit Zitaten aus Publikationen zum Sprachgebrauch im „Dritten Reich“ und dem Täter-Opfer-Umkehrungsphänomen bemühten sich Kramar und Leon, ihre Thesen wissenschaftlich zu untermauern. Schließlich wurde der erste Teil des legendären Interviews mit Moderator Armin Wolf und Parteivorsitzendem HC Strache zum angeblichen „Wir sind die neuen Juden“-Zitat vom 31. Januar 2012 eingespielt. Dem Lärmpegel nach zu urteilen, fanden einige Zuhörer die Schilderungen über die Ausschreitungen rund um den WKR-Ball und die Entdeckung eines Sprengsatzes besonders amüsant.

Im nächsten Teil setzte Kramar auf eine persönliche Atmosphäre mit seinem Publikum, das zu einem Großteil sichtlich aus Stammgästen bestand. Nur nicht ganz dazu passende Gäste schien er während des Stückes immer wieder finster zu mustern. Er sprach aus dem Stegreif und pries sich an als Kulturschaffender, der auch nicht Theatergänger mit seinen Werken anlocken wolle. Die Videos von Kramars Auftritt in Hitler-Verkleidung am Opernball 2000, wodurch er gegen die damalige schwarzblaue Regierung protestieren wollte, und von seiner Inszenierung mit dem Babypuppenkostüm zum Fritzl-Prozeß wurden eingespielt. Selbstironie bewies Kramar nur, als er einige Kommentare von Straches facebook-Seite über sein künstlerisches Vorhaben zitierte.

Was danach folgte, entfernte sich weit von der erwarteten Satire und war eher eine sehr langatmige Mischung aus linker Kollektivbetroffenheit und Gruppentherapie. Lion sprach über Arisierungen in Wien, und Kramar zitierte aus den Protokollen zum Verlauf der Reichsprogromnacht in Wien. Beide erzählten sie auch aus ihren eigenen Biographien, Lion über sein Leben als in Österreich aufgewachsener Jude und Kramar über seine Mutter, die als Hausangestellte einer jüdischen Familie die Progromnacht in Böhmen erlebte. Obgleich man sich eben noch über Straches als unzulässig angesehenen Vergleich empört hatte, sorgte die Einspielung vom zweiten Teil des ORF-Interviews wieder für gewaltige Belustigung.

Fast zum Ende der Inszenierung fällt kaum überraschend noch ein Theodor Adorno zugeschriebenes Zitat, welches man aus dem Zusammenhang gerissen und ohne Hintergrundwissen ambivalent verstehen könnte: „Ich habe keine Angst vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten“.
Zum eigentlichen Schluß läßt sich Kramar von seinem Freundeskreis im Publikum nochmals feiern, der sich anstrengt, besonders lautstark Beifall zu spenden. Wer nicht applaudiert, fällt auf, so wie zuvor schon durch die unterschiedlich einsetzenden Lachanfälle, doch klatschen kann man als Nichtmitglied des Kramar-Fanclubs lediglich aus Freundlichkeit.

Fazit: Das Stück kann zwar Vertreter verschiedener Ideologien zeitweise erheitern, zeitweise zum Nachdenken anregen, wer aber mit einer Mischung aus neuen Märchengeschichten und althergebrachten Klischees über studentische Verbindungen gerechnet hat, wurde enttäuscht. Nach einem nicht ganz unansprechenden Anfang und kurzweiligen Lichtblicken verkommt das Werk unterm Strich doch zu einer stumpfen Anti-FPÖ-Kampagne samt typischer Kramar-Selbstinszenierungsschau. Falls der Kabarettist hier Beiträge genauso fleißig liest wie die Kommentare auf der facebook-Seite von HC Strache oder zufällig darauf stößt, weil er aus einem Egotrip heraus seinen Namen ‚googelt‘, kann er ja eventuell sein Werk noch diesen Anregungen entsprechend umgestalten oder wird sogar zu neuem, dem Werbeplakat gerechter werdendem Schaffen inspiriert. C.L.

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