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Rede von Rudi Pawelka sorgt für Empörung bei den Etablierten

 

Die Rede des Vorsitzenden der Landsmannschaft Schlesien, Rudi Pawelka, hat bei Politikern von Union und SPD für Empörung gesorgt. Von „antipolnischen Parolen” und „revanchistischem Gedankengut” war die Rede. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) und Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) hatten ihre Teilnahme deswegen kurzfristig abgesagt. Man kann Herrn Pawelka zu seinen klaren, charaktervollen und mutigen Worten nur gratulieren. Das respektlose Verhalten deutscher Politiker hingegen zeigt einmal mehr, dass die offizielle bundesdeutsche Versöhnungspolitik immer zu Lasten der Heimatvertriebenen betrieben wird. Leider besteht auch in anderen Ländern eine ganz ähnliche Situation. Auch in Österreich hat sich in der Thematik der Heimatvertriebenen seitens der Politik seit der Wende nichts getan. Es dominieren Sonntagsreden, großartige Ankündigungen, leere Versprechungen und die Überzeugung, nichts zugunsten der Heimatvertriebenen fordern zu dürfen, weil das der eigenen Karriere schaden könnte.

 Die Rede von Rudi Pawelka im Wortlaut

 

Es sind inzwischen 68 Jahre seit Beginn der Vertreibung vergangen. Mehr als 68 Jahre ist auch der Terror vorbei, den das NS-Regime über Deutschland und viele Länder in Europa gebracht hat. Während die Erinnerung daran allgegenwärtig ist, verblasst die Erinnerung an die Vertreibung. Wir fragen warum? Haben Millionen unschuldige Opfer eine würdige Erinnerung nicht verdient?

 

Sind sie kollektiv schuldig geworden? Wir wissen, Kollektivstrafen sind völkerrechtswidrig und entsprechen nicht unserem Wertesystem. Schuld ist immer individuell. Deshalb sollte kein Platz dafür sein, Unrecht an Deutschen als gerechte Strafe anzusehen. Die Zukunft kann nicht gestaltet werden, wenn ein wesentlicher Teil der deutschen Geschichte weitgehend im Dunkeln bleibt und nicht aufgearbeitet wird.

 

Landsmannschaft Schlesien stellt sich dem Versöhnungsprozess

 

Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet unsere Landsmannschaft mit polnischen Stellen zusammen. Gleich nach der Wende gab es mehr als ein Jahrzehnt Gespräche und Seminare mit Dozenten der Universität Breslau, in der Bundesrepublik und in Schlesien. Seit vielen Jahren werden Wochenseminare mit polnischen Studenten in Schlesien und in Deutschland veranstaltet, vereinzelt auch mit polnischen Journalisten.

 

Bei mehreren Besuchen in Warschau, gemeinsam mit Vorsitzenden anderer ostdeutscher Landsmannschaften, kam es im Sejm zu Diskussionen mit Spitzenpolitikern. Auch gesellschaftlich relevante Gruppen und die Spitzen der katholischen und evangelischen Kirche waren Gesprächspartner. Hierzu gehörte auch Kardinal Glemp. In der Europäischen Union der Flüchtlinge und Vertriebenen arbeitet die Landsmannschaft mit dem polnischen Vertriebenenverband zusammen.

 

Viele tausend Begegnungen unserer Gruppen in Schlesien schufen eine gute Grundlage für ein Miteinander. Dass auf unser Urteil in Polen auch Wert gelegt wird, zeigte die Sporthochschule Posen, die mir vor einem halben Jahr eine Forschungsarbeit über die „Geschichte des Turnens und Sports in Schlesien 1812-1989” zur Bewertung zusandte. Wir sehen in derartigen Arbeiten selbstverständlich gute Zeichen dafür, das Erbe Schlesiens gemeinsam zu erhalten.

 

Versöhnung braucht ein tragfähiges Fundament

 

Erich Fried mahnte mit den Worten: „Tote Menschen sind tote Menschen, wer immer sie waren. Wer nicht nachfragt, wie Menschen starben, hilft sie töten.” In der Tat, wer verdrängt, macht die Toten ein zweites Mal zu Opfern, zu Opfern des Vergessens. Die Erinnerung sollte uns deshalb niemand nehmen. Wir haben uns ohnehin schon damit abgefunden, wenn Verbrechen der Sieger, gleich welchen Ausmaßes, nicht verfolgt werden, seien sie während des Krieges oder danach verübt worden, aber die Erinnerung muss uns bleiben. Es ist ungerecht, mit zweierlei Maß zu messen. Wir müssen uns alles sagen können, wie dies Jözef Lipski fordert. Er sieht dies als Grundvoraussetzung für einen Aufbruch in eine gemeinsame Zukunft. Versöhnung brauchte noch immer Wahrheit, das Eingeständnis von Unrecht, die Anerkennung des Rechts sowie Sühne und Vergebung.

 

Weltweit finden diese Grundsätze immer mehr Beachtung. Die Anerkennung des Rechts ist regelmäßig mit einer Entschuldigung verbunden. Der amerikanische Senat entschuldigte sich 2009 bei den Afro-Amerikanern für die Rassendiskriminierung und Sklaverei, eine Entschuldigung bei den Indianern folgte 2010. Kanada entschuldigte sich für die Vertreibung der Inuit, Australien bei den Aborigines für die an ihnen begangenen Menschenrechtsverletzungen, und der serbische Präsident entschuldigte sich vor einigen Wochen für das Massaker an 8.000 bosnischen Männern in Srebrenica.

 

Selbst der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu entschuldigte sich beim türkischen Ministerpräsidenten Erdogan am 22. März für die toten Türken bei der Erstürmung des Gaza-Hilfsschiffs „Mavi Marmara” 2010. Meist gingen mit den Entschuldigungen Entschädigungen einher. Deutschland hat sich vielfach für seine Verbrechen entschuldigt und umfangreiche Wiedergutmachung geleistet, dennoch stellte Bohumil Dolezal, der ehemalige Berater des tschechischen Präsidenten Vaclav Havel, noch vor einigen Jahren fest: „Manchmal   gewinnt   man den Eindruck, als hätten deutsche Entschädigungszahlungen und deutsche Entschuldigungen keine wirkliche Versöhnung zur Folge gehabt, sondern die Haltung eher verhärtet.” Geben und Nehmen muss das Prinzip sein, einseitige Bemühungen allein bringen nicht den Erfolg.

 

Blicken wir deshalb auf erfolgreiche Versöhnungsarbeit. Meist konnten Vertriebene in ihre Heimat zurückkehren oder es wurden ihnen Rechte eingeräumt, auch moralische Wiedergutmachung geleistet. So konnten Kosovo-Albaner, Bosnier, Südtiroler oder Polen wieder in ihre Heimat, ebenso viele innerhalb der Sowjetunion vertriebene oder teilvertriebene Völker. Abgesehen von dem besonderen Israelischen-arabischen Problem gibt es nur noch vier Staaten, die es rundweg ablehnen, vollzogene Vertreibungen als Unrecht anzuerkennen. Das sind Rußland gegenüber den Kareliern, Deutschen und Japanern, die Türkei gegenüber den Armeniern, Griechen und Kurden sowie Polen und Tschechien gegenüber den Deutschen.

 

Verletzungen wirken nach

 

Wie unbewältigte Verletzungen über viele Jahrzehnte, ja Jahrhunderte, fortwirken können, zeigt das polnisch-russische Verhältnis. So nahm der russische Präsident die Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns zum Anlass, auf den Tod vieler Russen in polnischer Kriegsgefangenschaft nach dem polnischen Überfall 1919 auf die Sowjetunion hinzuweisen. Er erinnerte auch an den Einmarsch der polnischen Armee 1938 in das tschechische Teschen. Beim Treffen des Oberhaupts der Orthodoxen Kirche Russlands, Patriarch Kiriil l, mit dem polnischen Primas, Erzbischof Jözef Michalski, im vergangenen Jahr, stand die Unterdrückung der orthodoxen Ostslawen in den 1919 von Polen annektierten Gebieten, im sogenannten Ostpolen, im Raum. Für die polnische Seite war dagegen die über Generationen dauernde russische Besatzung, einschließlich der Niederschlagung polnischer Aufstände, unvergessen.

 

Auch die Massenmorde an der polnischen Bevölkerung, Katyn ist hierfür nur ein Symbol, bleiben präsent. Schließlich spielt auch die Million, die von den Sowjets nach Sibirien verschleppt wurden, sogar noch in der Tagespolitik eine Rolle. Man dient weder der Versöhnung noch den Opfern, wenn über Probleme hinweggegangen wird. Eine angestrebte Versöhnungserklärung zwischen den beiden Kirchenoberhäuptern, analog der Erklärung zwischen den deutschen und polnischen Bischöfen, kam deshalb beim Besuch von Kiriil l. in Warschau im letzten Jahr nicht zustande.

 

Positive Wende ist eingeleitet

 

Einige Vertreiberstaaten haben bemerkenswerte Initiativen im Rahmen der Versöhnung ergriffen. Die rumänische Regierung entschied kürzlich, Siebenbürger Sachsen zu entschädigen, die zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden. Ein Gesetz zur Rückerstattung bzw. Entschädigung für entzogenes Eigentum ist noch in der Beratung.

 

Die Regierung bedauerte den Verlust der Siebenbürger, die sie gern wieder im Land haben möchte. Der Vorsitzende der Landsmannschaft wurde mit dem höchsten Orden des Landes ausgezeichnet. Für ihn kann Rumänien aufgrund der versöhnlichen Gesten nicht mehr als Vertreiberstaat bezeichnet werden. Das gleiche muss für Serbien gelten. Ein Gesetz bestimmt, dass die 350.000 Donauschwaben, einschließlich ihrer Erben, seit dem 1. März 2012 Rückgabe oder Entschädigung für entzogenes Eigentum verlangen können.

 

Eine besondere Restitutionsagentur für die Bearbeitung wurde eingerichtet, die inzwischen die geringe Nachfrage beklagt. Der Parlamentarische Staatssekretär Hartmut Koschyk sagte, er wünsche sich, daß andere Länder in Ostmitteleuropa sich dies als Vorbild nehmen. Ähnlich äußerten sich weitere Abgeordnete der Union. Serbien lässt auch durch eine Kommission Massengräber untersuchen, in denen ermordete Deutsche liegen.

 

In einem mir im vergangenen Jahr zur Rezension zugesandten Buch berichtet der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, welche Gräuel Titopartisanen an der deutschen Minderheit verübt haben. Als alle Männer seines Dorfes im Alter von 16 bis 60 Jahren erschossen wurden, war auch sein 16-Jähriger Bruder dabei. Heute fährt Zollitsch immer wieder nach Serbien, um an den deutschen Massengräbern zu predigen.

 

Dabei findet er stets bewegende Worte, so in seinem Requiem am 17. Juni 2011 an einem Massengrab in Odzaci/Hodschag: „Unser Schmerz und unsere Trauer vereinen sich mit den Leiden Jesu und seinem Tod. Unser Leiden ist aufgenommen in seine Passion.” Worte, die Gehör finden sollten, auch in anderen Vertreiberstaaten, vor allem in Polen, wo es viele Massengräber gibt, die kein würdiges Gedenken erlauben. Bedrückend ist, daß die zahlreichen Morde an Deutschen nicht als Völkermord anerkannt werden, während diese Einstufung bei weit geringeren Opferzahlen in anderen Fallen erfolgt ist.

 

Auch Ungarn achtet die Menschenrechte der Deutschen. Einer symbolischen Entschädigung folgte eine offizielle Entschuldigung durch die Staatsführung. Nachdem schon ein Gedenkort eingeweiht worden war, beschloss das Parlament im Beisein von Parlamentspräsident Lammert, dem Parlamentarischen Staatssekretär Bergner und der BdV-Präsidentin Steinbach mit den Stimmen aller Parteien Anfang März, den 19. Januar zum Gedenktag für die vertriebenen Deutschen zu ernennen, weil am 19. Januar 1946 der erste Transport mit Deutschen Ungarn verließ.

 

Ungarn erkennt eigenes Unrecht an und beruft sich nicht, wie Polen und Tschechien, auf das Potsdamer Protokoll, obwohl es nicht, wie diese Staaten, bereits vor Potsdam mit der Vertreibung begann. Mit seiner Versöhnungspolitik beschämt Ungarn andere Vertreiberstaaten und auch Deutschland selbst. Es gibt auch einige versöhnliche Ansätze in Tschechien. Der Film „Töten auf Tschechisch” ist so ein Zeichen. Allerdings konnte Anfang des Jahres mit antideutschen Tönen noch der Präsidentenwahlkampf gewonnen werden.

 

Eine gewisse Zuwendung erfuhren die Sudetendeutschen am 12. März im bayerischen Landtag. Ministerpräsident Necas zitierte zwar lediglich aus der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 und ließ sogar eine für die Tschechen problematische Stelle weg. Neu aber waren gefällige Formulierungen. Er nannte die Sudetendeutschen „ehemalige Landsleute” und anerkannte deren Aufbauleistung in Böhmen. Dies ist jedoch noch kein Wendepunkt, kann aber der Beginn eines Weges für ein besseres Miteinander sein.

 

Erfreuliche Veröffentlichungen polnischer Wissenschaftler zur Zwangsarbeit von Deutschen (z. B. Witold Stankowski) oder die Vertreibung (z. B. Quellenedition von Wlodzimierz Borodziej) sind gute Zeichen. Noch immer steht aber der einstimmige Beschluss des Sejm von 2004 im Raum, der uns als Umsiedler qualifiziert und das ehemalige Ostdeutschland als „wiedergewonnene Gebiete” bezeichnet. Erstmalig ist auch Staatspräsident Komorowski am 90. Jahrestag der Kämpfe am oberschlesischen Annaberg vorsichtig von dem sonst üblichen reinen Heldengedenken abgewichen, indem er sagte: „Wir ehren das Heldentum der Aufständischen, ohne die Schlesien nicht Teil Polens geworden wäre, aber wir achten auch die Wahl derer, die auf der anderen Seite standen.”

 

Insbesondere für die Deutschen in Schlesien war dies nicht befriedigend, denn sie wissen noch von den Leiden der Oberschlesier, die im Mai 1921 durch den Einmarsch polnischer Armee-Einheiten, unterstützt von bewaffneten Insurgenten, ausgegangen sind, als sie Oberschlesien bis 80 km hinter der deutsch-polnischen Grenze besetzten, um das Ergebnis der Volksabstimmung zu missachten. Mit seiner Aussage hat Komorowski aber einen ersten versöhnlichen Schritt hin zur deutschen Minderheit gemacht.

 

Leider ist im Februar auch eine von Ministerpräsident Tusk eingebrachte Erklärung gescheitert, welche die Vertreibung von 140.000 Ukrainern aus dem südöstlichen Polen im März 1947 durch die polnische Regierung verurteilt. Die Menschen wurden in die verlorenen deutschen Ostgebiete verbracht, 4.000 von ihnen in das berüchtigte Lager Jaworzno. Polen tut sich also schwer mit der Verurteilung von Unrecht.

 

Wir vermerken positiv, daß Polen langsam beginnt, einige Verpflichtungen aus dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag von 1991 umzusetzen. Allerdings bedurfte es erst einer heftigen Rüge des Europarates Ende 2011 wegen Verletzung der europäischen Sprachencharta. Mit einigen zweisprachigen Ortsschildern ist es aber nicht getan. Es müssen vor allem deutsche Kindergärten und Schulen folgen, wie dies für die polnische Minderheit in Litauen selbstverständlich ist. Die Bundesregierung sollte hier ebenso tätig werden, wie Polens Regierung in Litauen.

 

Gedenken stört Versöhnung nicht

 

Der Eiertanz um einen Vertriebenengedenktag mutet sehr merkwürdig an. Obwohl Bundesrat und Bundestag schon vor Jahren einen solchen Gedenktag empfohlen hatten, lag das Thema bei der Bundesregierung lange auf Eis. Wir fragten uns, wer blockiert hier? War es wieder Rücksichtnahme auf Polen und Tschechien? Inzwischen beschloss der Bundestag am 13. Juni auf Antrag der Koalition, den bereits bestehenden „Weltflüchtlingstag” am 20. Juni um ein Vertreibungsgedenken zu erweitern. Wie immer dies dann gehandhabt wird, bleibt abzuwarten.

 

Jedenfalls gibt es keinen eigenständigen Gedenktag für die Opfer der größten Vertreibung in Europa. Bundespräsident Gauck sagte am 24. März bei einem Gedenken in Italien: „Versöhnung ist ein Geschenk und meine auf keinen Fall vergessen.” Wer denkt, Erinnerung störe die Versöhnung oder würde deutsche Verbrechen relativieren, zeigt eine doppelte Moral und verletzt die Würde der Opfer. Es dient einer gemeinsamen partnerschaftlichen Zukunft auf keinen Fall, wenn die Erinnerung an Unrecht unterdrückt wird. Für Erzbischof Zollitsch bedeutet Erinnerung auch immer den Blick nach vorn zu richten, denn nur so kann sich die Welt zum Guten verändern.

 

Kein Umschreiben der Geschichte 

 

Geschichte wird häufig durch Staaten aus nationaler Sicht geschrieben, damit das eigene Land in günstigem Licht erscheint. In Deutschland ist dies allerdings anders. Es beginnt in den Schulen und setzt sich in den Medien fort. Im Deutschlandradio (Sendung Kakadu) erklärte man den Kindern die Vertreibung und die Annexion Ostdeutschlands mit folgenden Worten: „Die Länder, die Hitler mit seiner Armee überfallen und eingenommen hatte, wollten natürlich nicht länger zu Deutschland gehören. Truman, Churchill und Stalin beschließen: Wir nehmen einfach die Grenzen, die Deutschland hatte, bevor Hitler an die Macht kam. Millionen Deutsche mussten nun zurück ins viel kleiner gewordene Deutschland – sie wurden aus den anderen Ländern vertrieben.”

 

Aktuell hat der SWR auf seiner Internetseite, einem Bildungsportal (www.planet-schule.de), einen Beitrag für Schüler über Breslau eingestellt, in dem es u. a. heißt: „In der Nacht vom 15. auf den 16. Februar 1945 schloss die Rote Armee das von Deutschen besetzte Breslau ein.” Breslau war von Deutschen bewohnt und nicht besetzt, genauso wie Warschau von Polen bewohnt und nicht besetzt war, als die Wehrmacht die Stadt am 22. September 1939 einschloss. Auf diese Weise wird Unbildung und keine Bildung betrieben.

 

Im ZDF-Dreiteilei “Unsere Mütter, Unsere Väter” teilte man den Zuschauern mit, Gleiwitz und Ratibor hätten schon während des Krieges Gliwice und Raciborz geheißen und in Polen gelegen. Der Sender rechtfertigte sich mit der Erklärung, die alten Namen gäbe es nicht mehr und deshalb habe man zur Orientierung der Zuschauer nicht die alten Namen genommen. Eine windige Erklärung. Wer kennt denn die polnischen Namen?

 

Die Deutsche Post brachte 2012 eine Briefmarke zum Moskauer Park heraus, einem in Schlesien gelegenen Weltkulturerbe. In einer ergänzenden Erklärung heißt es hierzu dann aber: „Der Park wurde an beiden Ufern entlang der Neiße entlang der deutsch-polnischen Grenze 1815 bis 18-44 von Prinz Hermann von Pückler-Moskau (…) als harmonisches Gesamtkunstwerk angelegt.” Die Entschuldigung der Post, es sei zu einer etwas unscharfen Formulierung gekommen, die aus einer Darstellung der deutschen UNESCO-Kommission entnommen sei, zeigt, wieweit Geschichtsfälschungen schon überall eingedrungen sind. Die Neiße war bis nach dem Zweiten Weltkrieg nie die Grenze zwischen Deutschland und Polen.

 

Vertriebenenstiftung offenbart deutliche Mängel

 

Ein wichtiges Ziel ist es, noch folgenden Generationen und der Welt ein realistisches und unverfälschtes Bild der Vertreibung zu hinterlassen. Die vorgelegte Konzeption der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung” kann dies in der vorgelegten Form aber nicht leisten. Es wird behauptet, die drei Staatsmänner der Potsdamer Konferenz hätten am 2. August 1945 eine Rechtsgrundlage für die Vertreibung geschaffen.

 

Deshalb wird der Exodus der Deutschen von diesem Zeitpunkt an auch nicht mehr Vertreibung, sondern Zwangsaussiedlung oder Zwangsausweisung genannt. Tote in polnischen und tschechischen Zwangsarbeiterlagern, man muss allein dort aufgrund verschiedener Erhebungen von ca. 100.000 Toten ausgehen, werden nicht genannt. Die Opfer waren vor allem Frauen und Kinder, denen man in Würde gedenken sollte. Es ist sehr verdienstvoll, daß polnische Historiker auch hierüber Forschungen angestellt haben.

 

In Umlauf gebracht wird plötzlich die Zahl von 600.000 Vertreibungstoten, die bisher genannte Zahl der Bundesregierung lag deutlich über 2 Mio., polnische Opfer der Sowjets werden dagegen auf das deutsche Konto verbucht. Wenn die Vertreibung der Deutschen eine Kriegsfolge gewesen sein soll, wie es heißt, fragt sich, warum dann auch viele andere Völker in Europa vertrieben wurden, die nichts mit Deutschland zu tun hatten. War es wirklich so, daß nach einem Krieg immer Vertreibungen die Folge waren?

 

Vieles ist in der Konzeption grob vereinfacht, so die räumliche Reichweite der Beschlüsse von Potsdam. Es ist einfach nicht richtig, daß Stettin und das westliche Hinterland davon erfasst sind. Die Zahl der Deutschen in dem Zwischenkriegspolen ist mit 1,3 Millionen angegeben. Es waren aber 1 Million mehr. Zur polnischen Minderheitenpolitik, vor allem zur Kündigung des Minderheitenvertrages 1934 beim Völkerbund, erfährt man wenig. Da immer wieder Verbrechen des NS-Regimes eingestreut werden, verfestigt sich der Eindruck der Schadensbegrenzung hinsichtlich der Vertreibung.

 

Kein falsches Gedenken

 

Es war ein absoluter moralischer Tiefpunkt der deutschen Außenpolitik, als Außenminister Westerwelle in Königsberg einen Kranz für die gefallenen Rotarmisten niederlegte und nicht für die von ihnen ermordeten oder zu hunderttausenden vergewaltigten Frauen. Auch über die ermordeten Kinder wurde hinweggegangen. Weiß er nicht, daß die beiden russischen Schriftsteller Aleksandr Solzenicyn und Lew Kopelew die Brutalitäten der Roten Armee nicht mehr ertragen konnten und dagegen protestierten? Beide handelten sich dafür Inhaftierung in einem Gulag ein.

 

Der leichtfertige Umgang mit dem Wort Befreiung ist ebenso skandalös, wenn nicht im selben Atemzug die Toten nach Kriegsende erwähnt werden. Wir denken an 1,3 Mio. Kriegsgefangene, hunderttausende zivile Zwangsarbeiter, aber auch an weit über 2 Mio. Tote bei Flucht und Vertreibung, davon gut eine Million, die erst zu Tode kamen, nachdem die Waffen schwiegen. Dazu begann für 17 Millionen in der ehemaligen DDR nach dem 8. Mai 1945 ein neue Unfreiheit und für 15 Millionen Vertriebene die Entrechtung. Alle befreit?

 

Aktuelle Probleme belasten Vertriebene

 

Obgleich die Kanzlerin als Oppositionsführerin 2002 noch einen Antrag auf Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter mit unterschrieben hatte, blockiert sie jetzt. In der letzten Zeit wurden dafür weitere drei Gruppen vorgezogen. Die deutschen Zwangsarbeiter, unter ihnen auch viele tausend Kinder, werden weiter missachtet.

 

Ihr besonders schweres Schicksal, schließlich fanden Hunderttausende den Tod, scheint wegen des fehlenden öffentlichen Drucks keine Anerkennung zu finden. Viele Vertriebene beklagen in Briefen, daß man ihre Geburtsorte in Ausweispapieren seit einiger Zeit auf Polnisch schreibt. Das gleiche gilt für die Angabe des Geburtslandes, dass plötzlich Polen gewesen sein soll, obwohl die Geburt in den Grenzen vom 31.12.1937 erfolgte.

 

Die neue Handhabung der Behörden beruht auf einer Empfehlung von Ex-Innenminister Schäuble vom März 2009 und Ex-Innenminister de Maiziere von Dezember 2009, letzterer änderte sogar die Verwaltungsvorschrift zum Passgesetz. Danach werden jetzt bei Geburten nach dem 02.08.1945 als Geburtsland Polen und nach dem 08.05.1945 der Geburtsort auf Polnisch eingetragen. Nachdem über viele Jahre deutsche Namen verwendet wurden, fragt man sich, warum die Änderung nötig wurde.

 

Aus dem Vertragsrecht ergibt sich das nicht, denn auch der Völkerrechtler Prof. Jochen Frowein, einst Berater der von der SPD geführten Bundesregierungen, schrieb in einem Leserbrief am 20. Juni 2009 in der FAZ, daß die abgeschlossenen Verträge mit Polen von 1970 und 1990 eine Rückwirkung nicht zuließen, also die ehemals deutschen Gebiete nicht rückwirkend Polen waren. Die Regelungen berühren die Vertriebenen emotional sehr stark, so daß viele Auseinandersetzungen mit Ämtern suchen, bis hin zu Verwaltungsgerichtsprozessen. Es ist leider nicht erkennbar, das Innenminister Friedrich die Vorschriften aufheben will.

 

Die Zukunft gestalten

 

Am 70. Jahrestag des Kriegsbeginns hieß es in der Erklärung der deutschen und polnischen Bischöfe: „Im Klima des Verzeihens und der Versöhnung, im Klima von Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit kann sich eine Kultur des Friedens entwickeln, die dem Gemeinwohl dient.” Die Landsmannschaft stellt sich diesem Prozess und hofft, daß alle Seiten diese Ziele anstreben. Wir wissen, welche Verletzungen auch auf der anderen Seite vorliegen. „Geteilte Erinnerung”, das Buch einer deutschen Schriftstellerin mit Erlebnisberichten von je neun Polen und Deutschen gibt hervorragend Einblicke über das, was durch Krieg und Vertreibung noch nachwirkt.

 

Ich danke allen Landsleuten, die wertvolle Aufbauarbeit in Schlesien leisten. Sie sind die eigentlichen Brückenbauer zu Polen und bilden ein wesentliches Bindeglied zu unseren Landsleuten in der Heimat. Wir sind auf einem guten Weg! Weiter zu danken ist allen Politikern, die uns bei unserer Arbeit unterstützen.

 

Wir verfechten keine geteilte Moral wie viele unserer Gegner, sondern wir versuchen, Probleme zu verstehen und dauerhaft zu lösen. Mit Freude sehen wir, wie insbesondere auch in den USA das Thema Vertreibung zunehmend entdeckt wird. Die Historiker Demshuk und Douglas leisten hierzu wichtige Arbeit und so sind wir voller Zuversicht, dass sich Wahrheit und gegenseitiges Verständnis dauerhaft durchsetzen werden und die Vertreibung nicht weiter das bestgehütete Geheimnis bleibt.

 

Schlesien Glückauf!

 

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Info:
Rede von Rudi Pawelka sorgt für Empörung bei den Etablierten ist Beitrag Nr. 1205
Autor:
huettner am 25. Juni 2013 um 05:19
Category:
Volkstum
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