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Non mortem timemus, sed cogationem mortis

Von Jörg Rüdiger Mayer

Am 16. Juli 2017 starb George A. Romero, der Erfinder des modernen Zombiefilms. Nahaufnahmen blutender Wunden, austretende Organe, Kannibalismus – das war Romeros Stil. Doch anders als seine vielen Nachahmer wollte er damit nicht „unterhalten“ oder ein primitives Interesse an Blut und Grusel ansprechen. Ihm ging es um die Psychologie der apokalyptischen Situation: um Alltagsmenschen, die sich „verwandelt“ hatten und nun nicht mehr Teil der Gesellschaft waren, sondern diese von innen heraus zerstörten und ihre Mitmenschen anfielen. Bevor der Drehbuchautor und Regisseur ganz vergessen sein wird, seien hier seine wenigen Meisterwerke gewürdigt.

Schon in seinem ersten Film Night of the Living Dead von 1968 stellte Romero das Scheitern einer Gruppe an sich selbst dar: Der Schwarz-Weiß-Streifen zeigt den Afroamerikaner Ben verzweifelt ein fremdes Haus verteidigend, während sich in dessen Keller tatenlos die Bewohner versteckt halten. Anstatt zu helfen, hoffen sie auf das Eintreffen von Bürgerwehren. Die egoistische Untätigkeit führt zum Kampf untereinander, während mehr und mehr Untote in das Haus eindringen. Am nächsten Morgen sind die Bürgerwehren da und erschießen versehentlich den letzten Überlebenden Ben.

Waren es in Romeros Erstlingswerk die Irrationalität und Schwäche des Rests der Gruppe, die alle Bemühungen vereiteln, so zerbrechen in Dawn of the Dead von 1978 die vier Protagonisten an der puren Sinnlosigkeit des Lebens in der Vereinzelung einer Gegenwart, in der sich die Strukturen der Gesellschaft aufgelöst haben. Auf ihrer Flucht gelangen die Protagonisten zu einem Einkaufszentrum, das sie von den bevölkernden Zombies säubern und sichern. Dort führen sie ein Leben in Saus und Braus, richten sich häuslich ein, genießen den Luxus, den die Geschäfte zu bieten haben, während sich eine immer größere Zahl von Untoten vor den Eingangstüren versammelt. Mit der Zeit werden die Berichte in Radio und Fernsehen immer seltener, die Protagonisten verfolgen so den Untergang der Welt, in der sie gelebt haben. Als am Ende die Empfänger stumm bleiben, markiert dies das Ende der Zivilisation.

Doch nach einer Weile beginnt sich das Leben im Gebäude zu verändern: Die Luxusgüter befriedigen nicht mehr, die Eingeschlossenen verfallen in Depression. Als schließlich Plünderer in das Einkaufszentrum eindringen, wollen sie sich versteckt halten, beim Anblick des Verlusts ihrer materiellen Güter aber beginnen sie einen sinnlosen Kampf. Die Marodeure ziehen ab, doch Scharen von Untoten strömen durch die aufgebrochenen Tore. Die Protagonisten resignieren, mit dem letzten Lebenswillen fliehen sie doch noch einmal. Das Einkaufszentrum aber ist wieder ganz von Zombies bevölkert – nicht anders als in der wirklichen Welt.

Romeros dritter Streich, Day of the Dead von 1985, zeigt schließlich das Scheitern des militärisch-wissenschaftlichen Komplexes. Jeder Tag ist zur Fortschreibung einer Extremsituation geworden, an der die gezeigten Menschen, die in einem weitläufigen Armeebunker Zuflucht gefunden haben, einer nach dem anderen psychisch zerbrechen. Der Mediziner Dr. Logan versucht derweil die Untoten zu zähmen und offenbart an ihnen die Natur des Menschen: Freundlichkeit muß belohnt werden, sonst habe sie ja keinen Sinn. Er füttert einen seiner gefügigsten Zombies mit Menschenfleisch, um ihn für verhaltenstherapeutische Fortschritte zu belohnen. Die Appelle der Hauptfigur Sarah dagegen, die Gruppe müsse doch zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen, verhallen den ganzen Film hindurch ohne jede Resonanz. Der gebissene Miguel öffnet am Ende aus purem Nihilismus den Bunkereingang. Dr. Logans klügster Zombie befreit sich aus eigenem Geschick.

Wünscht man den Protagonisten zu überleben? Ihre Motivationen sind nachvollziehbar, ihr Eigennutz indes führt jeden einzelnen ins Verderben. Der Verlust der Gruppenmotivation markiert den zivilisatorischen Verfall, während die untoten „Schüler“ Zivilisation lernen. So nähern sich beide in ihrem Verhalten einander an. Im selben Maß, wie letztere durch Konditionierung gezähmt, zivilisiert, befriedet werden, verlieren erstere mehr und mehr dieses Attribut. Freundlichkeit hat auch für Menschen keinen Sinn mehr, wenn sie nicht belohnt wird. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Zombies sind nur Material für Experimente und Menschen nur Futter.

Romero geht es weder um den Heldenkampf weniger gegen viele, noch um Horror. Seine Filme gruseln, weil sie den schmalen Grat offenbaren, der den zivilisierten Menschen von der Barbarei des „Untoten“ trennt. Die Gesellschaft zerbricht nicht an der äußeren Bedrohung, sie fällt um nach der Art von Dominosteinen: Der Egoismus der Figuren zerschneidet die Gemeinschaft, zerstört die persönlichen Beziehungen. Die Menschen stumpfen ab, werden teilnahmslos und folgen ihren bloßen Bedürfnissen. Auf diese Weise haben sie keine Chance zu überleben.

„Nicht den Tod fürchten wir, sondern die Vorstellung des Todes“, sagt Seneca. Requiescat in pace, George A. Romero!

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