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Nichts geht mehr ohne Einhorn

Von Verena Rosenkranz

Einhörner wohin man auch sieht

Es ist auf Schokoladenverpackungen, auf Bierdosen, auf dem Toilettenpapier und sogar als virtuelles Profil in sozialen Netzwerken zu finden. Längst tummelt sich das Einhorn nicht mehr nur in Kinderfantasien und Walt Disney-Filmen als zauberhaftes Fabelwesen. Plakativ ruft es zum Kauf von verschiedenen Produkten auf oder mahnt sogar gegen „Hatespeech“ im Internet. Allerdings ist die Zielgruppe keineswegs eine Meute von Kinderzimmerprinzessinnen, sondern es sind erwachsene Bürger jeglichen Geschlechts. Die Hersteller versuchen zumindest, diese Gruppe zu erreichen, und sie erreichen dabei vor allem metrosexuelle Menschen auf ihrem Weg zur Bewältigung schwerer Kindheiten oder ins Erwachsenwerden.

Nicht bloß vorurteilsbehaftete Theorie, wie auch die Juniorprofessorin für Literatur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit an der Universität Kiel, Julia Weitbrecht, der Schleswig-Holsteiner Zeitung bestätigte. „Auch in der Queer-Szene sind sie ein wichtiges Symbol. Einhörner stehen jenseits der Grenzen, und sie bieten die Möglichkeit, sich außerhalb zu erfinden“, versucht sie die Faszination in einem Interview zu beschreiben.

Ein glänzend weißes Fell, eine pinke Mähne, auch der Regenbogen kann nicht weit sein. Ebenso wie eine kreischende Schar von Grundschulmädchen. Oder eben Erwachsene, die von sich selbst zumindest behaupten, mitten im Leben zu stehen. Sie standen förmlich Schlange im Webshop um die mit Lebensmittelfarbe colorierte Himbeerschokolade von Ritter Sport zu erwerben. Binnen 24 Stunden war der normalerweise für ein bis zwei Euro erhältliche Stimmungsaufheller ausverkauft, und die begehrten Tafeln wurden auf Ebay um mehr als 20 Euro feilgeboten. Völlig nebensächlich, wie das Produkt schmeckt, es ist pink, ein Einhorn auf der Verpackung – sie alle wollen es haben, ein Stück eßbare Hoffnung. Denn genau das verkörpert das Pferd mit den Horn bereits seit Jahrhunderten. Seit dem Mittelalter taucht es auch in Erzählungen auf, zierte Wandteppiche, wurde von Minnensängern gefeiert und von Glücksrittern gejagt. Und bis heute sind Einhörner fester Bestandteil von Gutenachtgeschichten. Oder eben auch Begleiter auf der Flucht vor der Realität.

Während die süße Verführung zumeist Mädchen und Frauen anspricht, hat sich Wiens größte Brauerei noch einen Schritt weiter gewagt: In einer Sonderedition bot Ottakringer eine Zeit lang Dosenbier samt Einhorndruck darauf an. Um die Zahl der weiblichen Konsumenten zu steigern oder einfach nur den allgemeinen Hype um das Fabelwesen mitzumachen? Hipster, Überlebenskünstler und solche, die sich selbst dafür hielten, trugen den Gerstensaft jedenfalls ohne Scham durch die Donaumetropole. Vorbei an Opernhaus, Burgtheater und Hofburg, wo ihre Geschlechtsgenossen einst wahrlich Großartiges schufen und wahrscheinlich nicht einmal Sigmund Freud an Einhörner dachte.

Heute ist das glitzernde Traumtier allerdings allgegenwärtig. Neben Schokolade und Dosenbier hat es nämlich auch das Internet erobert. Nicht immer mit voller Zustimmung, wie zum Beispiel das extra von der Bundesregierung erfundene Doppeleinhorn gegen „Haßsprache und Hetze im Internet“. Nach Eigenaussage soll das kräftig durch Steuergelder finanzierte Moralapostelchen eine Kampagne gegen Haßkommentare sein. Der Schuß ging allerdings nach hinten los und brachte seinen Erfindern, dem MedienNetzwerk SaarLorLux, anstatt Goldstaub nur Häme und ausgerechnet etliche boßhafte Wortmeldungen ein. Das Ministerium hat die Wirkung seines infantilen Erziehungsprojektes nämlich gänzlich unterschätzt – genauso wie eine angenehme Eigenschaft des Internets: Im anonymen Raum fällt es wesentlich leichter, künstlich inszenierte Aufregungen schamlos zu entzaubern. Denn das weltweite Netz ist immer noch eine Struktur für die breite Bevölkerung. Jeder kann mitmachen – und fast jeder, außer linksgesteuerten Meinungsmachern, hat dazu eine unliebsamere Meinung als das Doppeleinhorn.

Eine viel harmlosere Bedeutung hat das Tierchen indes im digitalen Gesprächsraum. Ein eigenes Emoji, also emotionales Bildchen, kann anstatt lachenden, traurigen oder verrückten Gesichtsausdrücken ausgewählt werden. Und damit ist es nicht allein. Seine Artgenossen tummeln sich auch auf Klopapier, auf Speiseeis, tarnen sich als Faschingskostüme oder Gummiboote zum Baden. Ein Getränkehersteller hat sein undefinierbares Getränk erst kürzlich ironischerweise „Einhornkotze“ getauft und löste damit wohl eher unabsichtlich einen enormen Hype auf seinen Smoothie aus. Ein ostdeutscher Fleischbetrieb zog nach und wagte mit einer Einhornbratwurst eine noch unvorstellbarere Kreation. Zumindest der Spiegel-Ableger Bento titelte daraufhin „Deal with it: Der Einhorn-Hype ist zu Ende“. Welch aufregende Zeiten…

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