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Marmorklippen in Oberschwaben – 17. Tagung der Jünger-Gesellschaft

Von Nils Wegner

Kurz nach Kriegsbeginn 1939 erschien das bekannteste Erzählwerk Ernst Jüngers, der Roman Auf den Marmor-Klippen. In späteren Ausgaben fiel nicht nur der Bindestrich im Titel weg: Das Buch diente auch als Vehikel zahlreicher Nachkriegskritiker des Schriftstellers, die Jünger einen »Wegbereiter und eiskalte[n] Genüßling des Barbarismus« nannten (Thomas Mann) oder ihm, wie Bertolt Brecht, das erzählerische Talent rundheraus absprachen: »[…] vielleicht sollte man ihn überhaupt nicht einen Schriftsteller nennen, sondern sagen: Er wurde beim Schreiben gesehen.«

Der Untersuchung des Gegenstands widmete sich die Jahrestagung der »Ernst und Friedrich Georg Jünger-Gesellschaft«, die vom 7. bis 9. April im oberschwäbischen Kloster Heiligkreuztal stattfand – unweit von Wilflingen, dem Wohnsitz des Schriftstellers von 1951 bis zu seinem Tode. Hatten sich frühere »Jünger-Symposien« mit konkreten Sachthemen beschäftigt, bildete das für Herbst 2017 geplante Erscheinen der kritischen Neuausgabe der Marmorklippen den Anlaß, nach Umbenennung des Vereins und der Einführung einer neuen Netzpräsenz (https://juenger-gesellschaft.com) erstmals ein einzelnes Werk in den Fokus zu nehmen.

Moderiert von den Vereinsvorständen Alexander Pschera und Thomas Bantle und besucht von rund 130 Teilnehmern aus der Wissenschaft ebenso wie aus der Region, nahm sich die Veranstaltung in der beeindruckenden Kulisse des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters sehr professionell und harmonisch aus. Zum Einstieg stellte der emeritierte Literaturprofessor Hans Dieter Schäfer Jüngers Werk mit dessen Melange von experimentierender Moderne und stilistischem Konservatismus in den Gesamtzusammenhang der literarischen Moderne im Nationalsozialismus, ehe ein offener Abend das Auditorium zum Kennenlernen zusammenführte.

Am Samstagmorgen beleuchtete Prof. Siegfried Lokatis von der Universität Leipzig das Verhältnis zwischen dem Autor Jünger und der Hanseatischen Verlagsanstalt (HAVA), die als Verlagshaus der Angestelltengewerkschaft »Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband« (DHV) in der späten Weimarer Republik zu einem Imperium der politischen Publizistik aufgestiegen war und unter maßgeblichem Einfluß des Publizisten Wilhelm Stapel Wissenschaft und Bürgertum im Sinne der jungkonservativen Strömung innerhalb der Konservativen Revolution beeinflußte. Vom Erscheinen des Jüngerschen Arbeiters bei der HAVA bis zur Zerschlagung des Verlags nach Kriegsende war Jünger neben Carl Schmitt einer der Hausautoren der Hanseaten; dort erschienen Das abenteuerliche Herz und eben auch die Marmorklippen, die sich durchaus als Prosafortsetzung des Herzens ansehen lassen könnten. Den originalen Buchvertrag über Auf den Marmor-Klippen hatte Lokatis denn auch aus dem Deutschen Literaturarchiv (DLA) in Marbach zum allgemeinen Bestaunen mitgebracht.

Im Anschluß legte Prof. Detlev Schöttker seine These zur Person des »Bruder Otho« vor. Demnach sei das Vorbild nicht etwa Friedrich Georg Jünger, sondern vielmehr Otto Storch, Urlaubsbekanntschaft des Autors von seiner Brasilienreise 1936 und mutmaßlicher Agent der Komintern. Demgegenüber zeichnete der Philosophieprofessor Michael Großheim Ernst Jüngers Verhältnis zum militärischen Widerstand in seiner Zeit als Pariser Besatzungsoffizier nach. Mit dem Vortrag des französischen Privatgelehrten François Poncet über »Gesteinsmetamorphosen bei Ernst Jünger« wurde es esoterisch: Demnach sei Jüngers Blick auf die Umwelt und ihren Zustand in geologische Metaphern gekleidet, die sich von den Stahlgewittern bis hin zu den titelgebenden Marmorklippen zögen. Ulrich Fröschle von der TU Dresden beleuchtete das wechselhafte Verhältnis der elitär-nationalistischen Brüder Jünger zur aufkommenden und wachsenden NS-Bewegung: Insbesondere Ernst habe stets Distanz halten, sich aber gleichzeitig alle Möglichkeiten offenhalten wollen. Am Samstagabend stellte Prof. Helmuth Kiesel die von ihm herausgegebene kritische Edition der Marmorklippen vor; im Anschluß las der Schauspieler am Wiener Burgtheater, Michael König, aus dem Roman.

Den Sonntag eröffnete Karin Tebbens mit einer Vorstellung der Freundschaft zwischen Ernst Jünger und dem Künstler Rudolf Schlichter, die sich in verschiedenen Porträts des Autors niedergeschlagen hat; danach widmete sich Matthias Schöning erzähltheoretischen Erwägungen über die Erzählperspektive in den Marmorklippen. Abgerundet wurde das Wochenende durch die gemeinsame Fahrt nach Wilflingen samt Besuch des Jüngerhauses und des gegenüberliegenden Stauffenbergschen Schlosses, wo die Teilnehmer auf Einladung des Schloßherrn beim Mokka das Gehörte Revue passieren lassen und sich für die Fahrt im nächsten Jahr verabreden konnten: Das 18. Jünger-Symposion wird abermals am Palmwochenende in Heiligkreuztal stattfinden und sich voraussichtlich dem Thema »Ernst Jünger und die Linke(n)« widmen. Sicherlich empfehlenswert!

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