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Der gesamtdeutsche Boxweltmeister – Henry Maskes Titelgewinn im März 1993

Von Christian Krüger

Anfang der 1990er Jahre erlebte der Boxsport in Deutschland einen Aufschwung. Verantwortlich dafür war Henry Maske, der am 20. März 1993 Weltmeister des Boxverbandes IBF im Halbschwergewicht wurde. Damit sollte eine Phase als Titelträger für den Mann aus Treuenbrietzen in Brandenburg beginnen, die erst in seinem geplant letzten Profikampf im November 1996 enden sollte.

Maske begann mit sieben Jahren mit dem Boxen. In der damaligen DDR durchlief er verschiedene Vereine. Bis zur Wiedervereinigung hatte der Rechtsausleger es als Amateurboxer bereits auf eine beeindruckende Kampfbilanz gebracht. So konnte er in 181 Duellen 163 Siege für sich verbuchen. Zudem gewann er 1986 bei der Amateur-WM in Reno (USA) die Silbermedaille. Zwei Jahre später wurde Maske Olympiasieger im Mittelgewicht. 1989 folgte schließlich noch der Weltmeistertitel im Halbschwergewicht.

Am 9. Mai 1990 bestritt der stets ruhig und introvertiert wirkende Maske seinen ersten Profikampf. Nach einer Reihe von Aufbaukämpfen folgte schließlich sein erfolgreicher Angriff auf den Weltmeisterthron. An jenem Märztag 1993 siegte er einstimmig nach Punkten über den US-Amerikaner Charles Williams, der den Titel zuvor fünf Jahre lang verteidigen konnte. In den folgenden drei Jahren trat Henry Maske zu zehn Titelverteidigungen an und besiegte dabei unter anderem drei bis dato ungeschlagene Herausforderer.

Kurz nach der Wiedervereinigung wurde der Brandenburger so zu einem Sportidol in Ost- und Westdeutschland. Der Boxsport, immer mit einem Schmuddelimage behaftet, wurde ein Publikumsmagnet. Der TV-Sender RTL, der die Kämpfe übertrug, konnte sich über Rekordeinschaltquoten freuen. Die als „Showevents“ inszenierten Kämpfe mit allerlei Begleitprogramm zogen bis zu 18 Millionen Zuschauer in ihren Bann. Das Musikstück „Conquest of Paradise“, zu dessen Klängen Maske den Ring betrat, zuvor unbekannt, erlangte durch den Sportler ungeahnte Popularität und brach bis dahin existierende Verkaufserfolge in Deutschland.

Seine zwei Auseinandersetzungen mit Graciano Rocchigiani waren von besonderem Interesse. Denn Rocchigiani war nicht nur als Landsmann Maskes, sondern auch aufgrund seines rüpelhaften Verhaltens ein schillernder Gegenpart zum zurückhaltenden Titelträger. Das erste Duell endete mit einem nicht unumstrittenen Punktesieg Maskes, der in den bundesdeutschen Medien viel diskutiert wurde. Im Rückkampf lies der „Gentleman“, wie Maske wegen seines höflichen Auftretens genannt wurde, keine Zweifel aufkommen und dominierte den Kampf.

Kritiker werfen Maske jedoch bis heute vor, er habe seine Titel nicht immer gegen die besten Kämpfer verteidigt. Das böse Wort vom „Fallobst“ machte die Runde. Was nichts anderes heißt, alsdaß man ihm leichte Gegner vorgesetzt habe.

Doch lag und liegt die teilweise geäußerte Geringschätzung gegenüber Maskes Erfolgen auch in dessen Boxstil begründet. Der Ostdeutsche praktizierte einen defensiven, sehr überlegten Stil. Er war ein Vertreter der sogenannten „Frankfurter Schule“, wie man die Kampfweise nennt, die sein Trainer Manfred Wolke aus Frankfurt/Oder entwickelt hatte. Wolke, Olympiasieger 1968, faßte seine Boxphilosophie in einem Satz zusammen: „Es gewinnt nicht derjenige, der die meisten Treffer landet, sondern derjenige, der die wenigsten Treffer abbekommt.“

Maske verinnerlichte diesen Ansatz und wurde ein zwar unspektakulärer, aber effektiver Konterboxer. Aufgrund dieses Stils blieb ihm auch der große Erfolg in den USA, wo die höchsten Kampfbörsen gezahlt wurden und werden, versagt. Für das US-amerikanische Publikum, welches das Spektakel liebt, war der Deutsche immer zu langweilig. Denn der „Gentleman“ Maske machte auch die psychologischen Spielchen und Pöbeleien vor dem Kampf, mit dem sich viele Boxer vorher gegenseitig überziehen, nicht mit. Sein Standardsatz auf verbale Angriffe der Kontrahenten war: „Ich gebe die Antwort im Ring.“

Doch am 23. November 1996 verlor Maske gegen seinen Herausforderer Virgil Hill (USA) den Titel. Es war ausgerechnet in seinem letzten Profikampf. Die Auseinandersetzung war von technischen Unsauberkeiten bestimmt. Da er bereits vor dem Duell sein Karriereende nach dem Schlußgong angekündigt hatte, witterte Maske Schiebung. Es war die erste und einzige Niederlage in seiner Profilaufbahn. Sie nagte so schwer an ihm, daß er zehn Jahre später sein Comeback erklärte, und eine Revanche gegen den ununterbrochen weiterboxenden Hill forderte. Hill nahm an.

Nachdem sich der inzwischen 42jährige Maske durch mehrere Kämpfe gegen aktive Profiboxer wieder auf Wettkampfniveau geboxt hatte, stieg am 31. März 2007 der Rückkampf. Für viele Beobachter überraschend setzte sich Maske durch. Nach dieser geglückten Revanche zog sich der ehemalige Weltmeister endgültig vom Boxsport zurück.

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