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Hansestädte, Historie und Kaiserbäder – Eine Reise an die deutsche Ostsee

Von Charles Bohatsch

  

  1. Juli von Prag nach Berlin

Die Tschechei ist zwar unser östlicher Nachbar, aber die Hauptstadt Prag liegt westlicher als Wien. Unser Bus nimmt daher auf der Fahrt zur Ostsee diese nordwestliche Route über Prag. Dort steht die Mittagspause an. Über die mit Engelsfiguren geschmückte Moldau-Brücke erreichen wir den Altstädter Ring, bewundern den Veitsdom mit seinen beiden ungleichen Türmen, die Adam und Eva genannt werden. Dann mischen wir uns unter die Menschenmenge vor dem Altstädter Rathaus, die dort gespannt auf das stündliche mechanische Spektakel der astronomischen Uhr aus dem 15. Jhdt. wartet. Jetzt schlägt sie 12mal, Christus und die zwölf Apostel marschieren über unseren Köpfen langsam vorbei. Ganz oben kräht ein Hahn, und der Sensenmann zeigt sich als schauriges Gerippe, läutet das Zügenglöckchen, kippt die Sanduhr.

Weil es in Prag ein Muß ist, gehen wir dann über die berühmte Karlsbrücke. Sie zählt zu den ältesten Steinbrücken Europas und beeindruckt durch die wunderbaren Steinskulpturen.

Da die Zeit knapp ist, laben wir uns bei einer kleinen Bude mit heißer Wurst und Pilsner Urquell, allerdings aus der Dose.

Unser Bus braust an Dresden, dem wiedererstandenen Elbflorenz vorbei,   wir erreichen schließlich Berlin, durchfahren den Bezirk Neukölln, der längst fest in türkischer Hand ist. Erkennbar am Straßenbild, Rudel von männlichen Jugendlichen, viele Frauen mit Kopftuch, einige verhüllt in einer schwarzen Burka, Klein-Istanbul mitten in der deutschen Metropole.

Wir nächtigen in einem riesigen Hotelkomplex, der noch an die DDR erinnert. Aber im ehemaligen Inter-Hotel erwartet uns zum Abendessen ein unglaublich reichhaltiges Schlemmerbuffet. Die Wende von 1989 hat eben viele gute Seiten.

  1. Juli Von Berlin zur Ostsee

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Rührei und Speck rollt unser Bus durch Neubrandenburg, und auf der Autobahn geht es weiter Richtung Norden. Wir queren die Region Uckermark, vorbei an Wäldern von Windrädern. Sie sollen den Ausstieg aus der Atomkraft kompensieren. Der Himmel ist grau und leichter Regen setzt ein.

Gegen Mittag erreichen wir Stralsund, die alte Hansestadt an der Ostsee und steigen im InterCity-Hotel am Tribseer Damm ab. Es liegt außerhalb der Altstadt, die eine Art Insel bildet. Im Norden und Westen liegt der Hafen am Strelasund, im Osten und Süden begrenzen der Frankenteich und der Knieperteich (mit Springbrunnen) das alten Zentrum, das lange von einer Stadtmauer umgeben war. Zwei Stadttore, das Kniepertor, ein quadratischer Backsteinbau, und das Kütertor mit einem spitzen Türmchen, stehen noch.

Stralsund lebte lange Zeit vom Handel und vom Schiffsbau. In der DDR-Zeit versuchte man mit der „Volkswerft“ an diese Tradition anzuknüpfen und baute Schiffe für die Sowjetunion, pro Woche eines. Die Werft war ein wichtiger Arbeitgeber. Heute ist sie stillgelegt.

Der leichte Regen ist unser Begleiter bei der Stadtbesichtigung. Unweit vom Hotel stoßen wir auf den Neuen Markt und flüchten vor der Nässe in die Marienkirche, ein gotischer Backsteinbau. Das Gotteshaus wird gerade renoviert und ist innen eingerüstet. Zufuß – die Straßenbahn wurde noch in der DDR-Zeit eingestellt – erreichen wir endlich das Herzstück der Stadt, den Alten Markt. Ein fast quadratischer Platz tut sich auf, umrahmt von einem Ensemble historischer Häuser mit ihren typischen Giebeln. Wir queren den Platz und finden Regenschutz in der am Rande liegenden Nikolai-Kirche mit ihren Doppeltürmen. Der eine besitzt eine elegante grüne Kuppel und Turmspitze. Er gleicht wie ein Ei dem an dem anderen dem braun schimmernden Turm der Marienkirche. Der zweite Turm von St. Nikolai mit seinem flachen Dach wirkt wie abgeschnitten. Es hat wohl das Geld zum Weiterbau gefehlt.

Der Backsteingotikbau ist die älteste Kirche der Stadt. Ihr Innenraum fasziniert durch seine bunte Pracht, die noch aus der Zeit vor der Reformation stammt. Die vielen Seitenaltäre aus der katholischen Ära mußten später weichen. Die leeren Nischen wurden mit Blendmauern verschlossen und als Grabstätten für wohlhabende Bürger verwendet.

Eine Blendfassade, gekrönt mit 4 Türmchen, besitzt auch das Rathaus. Es dominiert den Alten Markt mit seinem historischen Ambiente. Einige sind mehr als 700 Jahre alt, stammen noch aus der Hansezeit. Etwa 1000 historische Häuser wurden in Stralsund nach 1989 renoviert oder wiederaufgebaut. 500 davon stehen heute unter Denkmalschutz. In der Bombennacht vom 6. Okt. 1944 waren große Teile der Stadt bei einem feindlichen Luftangriff in Schutt und Asche gelegt worden. Außerhalb der Altstadt gibt es, z.B. in Bahnhofsnähe, immer noch brach liegende Areale, die noch nicht wieder aufgebaut wurden.

Eine besondere Attraktion der Hafenstadt bilden das deutsche Meeresmuseum im ehemaligen Katharinenkloster und mehr noch das Ozeaneum im Hafenbezirk. Von außen gleicht es einer gigantischen Blechbüchse, vom Architekten wie ein störender Fremdkörper in das noch mittelalterliche Ambiente gepfercht. Freilich der Besuch lohnt sich, wohl kein zweites Mal auf der Welt wird das Meeresleben so umfassend und eindrucksvoll dokumentiert. Riesige Aquarien, es sind etwa 40, in denen sich sogar Haie tummeln, lassen den Besucher die Unterwasserwelt live miterleben. Und präparierte Wale sind ebenso beeindruckende Schaustücke.Täglich bildet sich vor der Blechbüchse ein lange Schlange von Menschen, so groß ist der Besucherandrang.

Die dritte trockene Insel im Dauerregen ist die St. Jakobi Kirche, deren klobiger Turm vom Meer aus gut sichtbar ist. Er besitzt einen eigenartigen Abschluß. Vier kleine Ecktürmchen umgeben ein Oktogon, das die Spitze bildet. Im Kirchenschiff beeindruckt die prächtige Orgel, aber vieles scheint sanierungbedürftig, der Putz an den Seitenwänden bröckelt ab.

Im Westen der Altstadt marschieren wir am aufgelassenen Johanniskloster vorbei. Dort ist heute das Stadtarchiv untergebracht. Der Gebäudekomplex und die angrenzenden Fachwerkshäuser sind wohl erst kürzlich renoviert worden, bilden ein idyllisches mittelalterliches Ensemble.

Das Glas Bier beim Abendessen kommt aus der Störtebecker Brauerei in Stralsund. Der Name erinnert an den berüchtigten Seeräuber, der in der Ostsee sein Unwesen trieb. Und der Bismarck-Hering, der dazu gut schmeckt, ist die Kreation eines Stralsunder Fischhändlers.

   28. Juli Fahrt nach Rügen

Stralsund ist das Tor zur Insel Rügen. Seit der NS-Zeit ist sie durch die Rügendammbrücke mit dem Festland verbunden. Über sie rollen Autos und auch die Eisenbahn. Seit 2004 gibt es eine zweite Landverbindung, hauptsächlich für den Autoverkehr, die Rügenbrücke, ein beeindruckendes Bauwerk. Sie ist 4 km lang, schwebt an acht Stahlseilen hängend in 42 Meter Höhe über den 2 km breiten Strelasund. Rügen ist die größte deutsche Insel und heute eines der attraktivsten Urlaubsziele. Wir hatten die Insel schon in der DDR-Zeit, in den 70ger Jahren besucht und waren damals in der Seebad Sellin in einem eher kleinen Hotel untergebracht. Ein KdF-Bau („Kraft durch Freude“) aus dem Dritten Reich, für Sommerurlaube der Arbeiter. Der Name Rügen leitet sich vom Germanenstamm der Rugier ab, die zur Römerzeit hier siedelten.

Unser Bus durchquert die „weiße Stadt“ Putbus, sie war einst Fürstenresidenz und wurde im klassizistischen Stil angelegt. Dann erreichen wir die Kleinstadt Binz, schon zur Kaiserzeit einer der mondänsten Badeorte der Insel. Wir flanieren durch die Fußgeherzone mit den vielen Kaffeehäusern und Restaurants, eine klassizistische Prachtvilla reiht sich an die andere. Man spürt noch die Eleganz und Atmosphäre des ausklingenden 19. Jhdt.

Über die hölzerne Seebrücke (370 Meter lang) wandern wir weit ins Meer hinaus, blicken zurück auf den langgezogenen Badestrand und die Stadt. Dominiert wird dieses Ambiente am Strand vom schloßähnlichen Kurhaus mit seinen beiden wuchtigen Ecktürmen.

Die mehr als 3 Kilometer lange Strandpromenade, ist gespickt ist Marktständen. Einer reiht sich an den anderen. Überall drängt sich ein buntes Menschengewimmel, die einen in eleganten Sommerkleidern, die anderen nur in Bikini oder Badehose. Fast alle Stände bieten neben kitschigen Souvenirs die verschiedenartigsten Fischbrötchen an, – Hering gesalzen, sauer, geräuchert, mit Zwiebel, Ketchup, Senfsauce etc… Und der Sanddorngeist, der überall feil geboten wird, paßt ganz gut dazu. Dem Beerenstrauch scheint Boden und Klima an der Ostsee zu behagen. Er wächst hier besonders gut und wird auch zu Likör, Fruchtsaft, Marmelade und Kosmetika verarbeitet.

Auf der linken Seite der Seebrücke drängen sich am Strand wie Bienenwaben die blauweißen Strandkörbe. Sie schützen mehr vor der kühlen Brise, die vom Meer kommt, als vor der Sonne. Interessant an der Strandpromenade ist die bauliche Anordnung der prächtigen Villen. Alle wurden so plaziert, daß niemandem die Sicht aufs Meer verstellt wurde.

Über die langgezogene Bucht Prorer Wiek geht es weiter nach Sassnitz.

Die Stadt war ebenfalls schon am Beginn des 20. Jhdts ein mondäner Bade – und Kurort und ist heute als Hafenstadt von Bedeutung. Unser Bus stoppt am Hafen, von dem aus Fährschiffe das schwedische Trelleborg anlaufen, aber es gibt auch Schiffsverbindungen nach Dänemark, ins Baltikum und sogar nach St. Petersburg. Wir spazieren die Mole entlang, an deren Ende wie ein Denkmal auf einem Sockel der grün-weiß-grüne Leuchtturm steht. Am breit gezogenen Hafengelände erkennt man auch, daß die alte Bäderstadt längst auch ein dynamischer Industriestandort ist. Hier steht auch das Werk, das die hier abgebaute Kreide verarbeitet und in der Nachbarschaft werkt Europas modernstes Fischwerk, das pro Tag bis 700 Tonnen Heringe verarbeitet.

Wir heuern auf der „Nordwind“ an, einem Ausflugsschiff , das an der bizzaren Steilküste mit den berühmten Kreidefelsen entlang tuckert. Alle lehnen achtern an der Reeling und bestaunen die zerklüftete Uferlandschaft. Über einen krächzenden Lautsprecher erklärt uns der Kapitän die Sehenswürdigkeiten der Landschaft.

Unser Ziel ist der „Königsstuhl“, mit 119 Metern markanteste Erhebung der Steilküste, sie sticht auch durch ihr strahlendes Weiß heraus. Oben erkennt man das Geländer einer Aussichtsplattform. Bis vor kurzen konnte man sie über einen Hochwanderweg erreichen. Doch nach dem Abrutschen von Kreidefelsen ist sie gesperrt. Der kürzliche Geländeabbruch erklärt wohl auch das prächtige Weiß. Über der Steilküste liegt wie ein grüner Teppich der Buchenwald. An einigen Stellen drohen die Bäume ins Meer zu stürzen, an anderen wachsen sie fast bis zum Ufer herunter.

Die Kreide ist das weiße Gold Rügens. Sie wird auch industriell abgebaut ( jährlich etwa 150.000 Tonnen) und als Feinkreide sogar exportiert. Wie Heilschlamm angewendet, soll sie gut gegen Rheuma sein.

Mit dem Bus geht es weiter zum Flecken Putgarten. Hier beginnt das Naturschutzgebiet, Autos sind daraus verbannt. Wir steigen um in die Kap Arkona-Bahn. Ihr Zugfahrzeug hat einen umweltfreundlichen Wasserstoffmotor. Er verbrennt das Gas mit Sauerstoff zu Wasser. Aus dem Auspuff strömt grauer Wasserdampf. Die Bahn bringt uns zu den beiden Leuchttürmen an der Nordspitze von Rügen. Der größere, ein schlanker Rundbau, ist im Betrieb und dient auch – steigt man 164 Stufen hoch – als Aussichtswarte. Der kleinere, viereckige ist ein Bauwerk von Schinkels, hat heute eine andere kuriose Funktion, er beherbergt ein Standesamt. Zu den beiden gesellt sich noch ein dritter Turm, eine Wetterstation.   Erkennbar durch die Schalen eines Windmessers, die sich oben an seiner Spitze drehen. Von der Aussichtsplattform aus erkennt man auch die Umrisse des den nahen Verteidigungswalls der slawischen Ranen. Er schützte einst ihre Tempelburg, ein religiöses Zentrum. Von ihr ist nichts geblieben.

Von Kap Arkona aus erwandern wir dem Hochufer entlang das kleine Fischerdorf Vitt. Es ist völlig aus der Zeit gefallen. Vitt ist der einzige Ort der Insel, der seit dem 13. Jahrhundert seinen Charakter nicht verändert hat. In dem verschlafenen in eine Mulde geduckte Dörfchen gibt es keinen Badebetrieb und gerade mal eine Kneipe und eine Kapelle. Und den intensiven Geruch nach Fisch, der über dem Dörfchen liegt, verdankt Vitt seiner Fischräucherei. Von den vielleicht 20 Fischerhäusern sind die meisten Schilfdächern gedeckt und alle weiß getüncht. Ein Ort wie aus dem Märchenbuch. Entlang der Straße, vor den Häusern blühen prächtig sonder Zahl rote und gelbe Stockrosen. Von Vitt aus erhascht man einen malerischen Blick auf die Kreideküste und auch auf die Leuchttürme.

Mit der Kap Arkona Bahn geht es wieder zurück nach Sassnitz, wo der Bus auf uns wartet. Bei der Rückfahrt kämpft er sich immerwieder durch dichte Staubwolken, die den Himmel verdüstern. Rechts und links der Straße sind Mähdrescher im Einsatz, ernten die weiten Getreidefelder ab. Rügen galt einmal als Kornkammer Deutschlands.

Am Abend lese ich in der „Ostsee Zeitung“ vom 28. Juli 2016: Das Land Mecklenburg Vorpommern hat das KdF-Hotel in der Bucht von Prora an Private verkauft. Es logieren dort – zumindest im Sommer – in den verschiedenen Segmenten des Bauwerks jetzt die Reichen und Schönen. Der Plan eines Architekten, dort auch einen Wolkenkratzer hinzuklotzen, erregt den heftigsten Unmut der Insulaner. In der NS-Zeit hatte die Organisation „Kraft durch Freude“ in der breiten Bucht von Prora eine gewaltige Ferienanlage für Arbeiter errichtet. Der Gebäudekomplex ist 4,5 Kilometer lang und 5 Stockwerke hoch. In der DDR-Zeit blieb er ungenutzt und drohte zu einer Ruine zu verkommen.

  29. Juli Ausflug auf die Insel Hiddensee

Wieder geht es nach Rügen. Diesmal in den westlichen Teil zum Küstenort

Schaprode. Von hier aus gibt es einen Fährbetrieb nach Kloster auf der Insel   Hiddensee. Als mit Verspätung endlich ein Fährschiff anlegt, wird es von den Leuten gestürmt. Es gibt eine heillose Verwirrung. Viele sind im wahrsten Wortsinn „am falschen Dampfer“. Denn erst das zweite, das Minuten später anlegt, bringt uns (in etwa 80 Minuten) nach Kloster. Wie ein mit dem Lineal gezogener endlos langer Strich liegt das Eiland in der Ferne. Dort gab es einst ein Zisterzienserkloster, die Kirche mit Friedhof rundherum steht noch. Dort ist das Grab des Dichters Gerhard Hauptmann, der auf der Insel wohnte. Sein komfortables Wohnhaus kann man besichtigen, dort auch Lesungen hören. Uns genügt die Außenansicht. Die alte Klosterkirche ziert ein Tonnengewölbe aus Holz. Es ist mit einem blauen Himmel bemalt, den Rosen schmücken. So wirkt der Raum heiter, stimmt fröhlich, – ein rein weltliches Motiv, in einer Kirche ganz ungewöhnlich. Doch der Rosenhimmel stammt aus dem 20. Jhdt.

Statt mit einer Pferdekutsche machen wir uns zufuß auf den weiten Weg nach Vitte. Da Hiddensee Naturschutzgebiet und autofrei ist, kommen uns auf dem staubigen Weg ständig ganze Gruppen von Radfahrern entgegen. Sie sind wie eine Landplage und stören das friedliche Betrachten der kargen Boddenlandschaft, in der vor allem Sanddornsträucher prächtig gedeihen. Deren Beeren haben längst begonnen sich rot zu färben. Das flache Schwemmland ähnelt einer typischen Heidelandschaft und bildet mit dem flachen Küstengewässer ein Paradies für Vögel, die in Schwärmen dem Uferstreifen entlangziehen.

Vitte ist der größte Ort auf der Insel und besitzt sogar ein Rathaus. Einst war Vitte Fischverkaufsstelle. Die Fischer legten hier an, um ihren Fang an Mann zu bringen. In Vitte steht auch das „Hexenhaus“. Die ehemalige Fischerkate ist mit 300 Jahren das älteste Haus auf Hiddensee. Bestaunen kann man auch die blaue Scheune, ein reetgedecktes Hallenhaus mit einer tiefblau gefärbelten Fassade. Und eine Attraktion ist auch die intakte Windmühle. Leider haben sich ihre Flügel nicht gedreht.

Die Rückfahrt nach Stralsund von Vitte aus verbringen wir am Oberdeck der Fähre. Und die Abendsonne beschert uns ein zauberhaftes Bild der alten Hansehafenstadt. Das sanfte Licht spiegelt sich im Meer und und läßt immerwieder da und dort die Wellen golden aufblitzen, und es schafft ein fast märchenhaftes Panorama aus den alten Getreidespeichern am Hafen, Resten der alten Stadtmauer, den spitzen Türmen von Stralsunds Kirchen und mit der kolossalen Blechdose, dem Ozeaneum. Und im Hafengewässer schaukeln sanft hunderte Jachten und Fischerboote.

  30. Juli Rostock und Warnemünde

Nach dem Frühstück geht die Fahrt im Bus westwärts nach Rostock. Die alte Hansestadt ist das Zentrum von Mecklenburg. Sie umschließt die Mündung der Warnow, die sich zu einem See, den Breitling, weitet, bevor sie sich ins Meer ergießt. Der Breitling wurde noch zu DDR-Zeiten zu einem modernen Überseehafen ausgebaut.

Seit dem Mittelalter ist der Neue Markt das Herzstück der Stadt. Dort bewundern wir bei unserem Rundgang das gotische Rathaus, dem Jahrhunderte später eine barocke Fassade mit sieben spitzen Türmchen vorgesetzt wurde. Fast verdeckt durch prächtige mittelalterliche Bürgerhäuser steht etwas abseits die Marienkirche, ein gotischer Backsteinbau. Ihre besondere Attraktion ist aber die dreiteilige 11 Meter hohe astronomische Uhr aus dem 14. Jhdt. Diese ist ein technisches und zugleich kalendarisches Wunderwerk und funktioniert bis heute. Bis 2017 zeigt sie im Jahreskreis alle astronomisch wichtigen Daten an. Auch ein Computer könnte nicht besser programmiert sein. Aber was geschieht nach 2017?

Als wir die Kirche verlassen, entdecke ich, nahe dem Ausgang einige Grabplatten. In einen Stein ist eine alte, wahrscheinlich plattdeutsche Form des eigenen Namens „Bohets“ eingemeißelt.

Schnurgerade weg vom Neuen Markt führt die Kröpeliner Straße, schon seit Jahren Fußgeherzone. Heute ist sie durch das regnerische windige Wetter nicht besonders frequentiert. Sie bietet einen freien Blick auf das schlanke Kröpeliner Tor, dem man als Abschluß ein Spitze, wie ein viel zu kleines Hütchen verpaßt hat. Schon mehr an ein Stadttor erinnert das eher bullige Steintor. Und einen Rest der Stadtmauer, die hier vorbei geführt hat, kann man noch am Hafengelände, bei der Petrikirche finden. Aus keinem anderen deutschen Hafen wie aus Rostock fahren übrigens so viele Kreuzfahrtschiffe ab. Bestaunen kann man auch den prächtigen Wasserturm. Es ist ein Rundbau, der eine steinerne Krone mit acht Türmchen trägt. Auch an der alten Universität mit ihrer bunt gefärbelten Fassade schlendern wir vorbei. Es gibt sie schon seit dem 15. Jahrhundert.

Rostock war in der NS-Zeit ein Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie und wurde daher von den Allierten stark bombardiert und schwer zerstört. Dort befanden sich die Heinkel-Flugzeugwerke, die Bomber fertigten und die auch ( vor der Me 262) den ersten Düsenjäger entwickelten. Die He 178 hatte schon 1939 ihren Jungfernflug.

Weiter geht die Fahrt nach Warnemünde, seit über 500 Jahren ein Vorort von Rostock. Hier mündet die Warnow in die Ostsee. Das einstige Fischerdorf erkennt man noch an den schmalen Gassen im Ortskern. Warnemünde hat sich zu einem repräsentativen Kur- und Heilbad gemausert. Neben dem modernen Kurhaus ist der „Teepott“ eine besondere architektonische Attraktion, die als Restaurant genutzt wird. Das Bauwerk erinnert optisch, an zwei geöffnete Muschelschalen,   ganz ähnlich dem Operngebäude im australischen Sidney. Es bildet einen besonderen Kontrast zum Leuchtturm am Hafen , der noch in Betrieb ist.

Wir marschieren auch hier über die mehrere Kilometer lange Seepromenade. Will man direkt ans Meer, versinkt man bei jedem Schritt knöcheltief im feinen Sand. Warnemünde hat den breitesten und schönsten Sandstrand aller Ostseebäder. Wir genießen zu Mittag die Ostseeidylle mit Bier und Ostseehering von einem Strandlokal aus, das eigentlich schon im 150 Meter breiten Sandstrand steht.

Bei der Rückfahrt steuern wir die Halbinsel an, die den Saaler Boden umschließt. Dieser – fast ein Binnensee – ist ein Paradies für die deutschen Segler. In urgrauer Zeit sind die Inseln Fischland, Darß und Zingst zu dieser Halbinsel zusammengewachsen. Wälder wechseln mit Wiesen und Schilfbuchten. Die Halbinsel ist zugleich auch großer Lande- und Rastplatz für Kraniche, die in riesigen Schwärmen über den Küstenstreifen ziehen, Sie hat nur eine schmale Verbindung mit dem Festland und öffnet sich dann zu einer breiten waldreichen Landschaft, das fast unbewohnte Darß. Am Übergang von schmalen Hals von Fischland liegt der alte Fischerort Wustrow. Im alten überschaubaren Ortskern wechseln prächtige Kapitänshäuser mit den einfachen Fischerkaten, an denen die bunten holzgeschnitzten Türen auffallen. Die dunkelgrauen Schilfdächer sind tief heruntergezogen und über die geschwungenen Dachdauben kann sogar ein wenig Sonnenlicht einfallen. Die schmalen Straßen sind mit noch mit Natursteinen gepflastert.

Der Darßer Wald gleicht einem Urwald. Der Boden ist zugewachsen mit Farnkraut, von den Bäumen hängen wie Lianen Efeuranken. Auf der Weiterfahrt nach Zingst sieht man immerwieder die „Windflüchter“ zum Boden geduckte Bäume, die sich so gegen die scharfe Brise von der See schützen.

Das Seebad Zingst ist das touristische Zentrum der Halbinsel. Über die lange Seebrücke kann man 270 Meter weit ins Meer hinauslaufen. Zingst hat die perfekte Infrastruktur einer Kleinstadt und hat auch die Verwaltung der Halbinsel im Griff. Bei der Rückfahrt hält der Bus für eine Kaffeejause Ahrenshoop. Der Ort liegt an der Schnittstelle von Fischland und Darß. Im 19. Jhdt. siedelten sich dort Künstler an. Inzwischen wurde aus der Künstlerkolonie ein komfortables Seebad mit einer repräsentativen Kunstkate, in der vornehmlich Maler seit Jahrzehnten ihre Werke präsentieren. Sie ist größer und geräumiger als die Fischerhäuser, aber ebenfalls mit Schilfrohr gedeckt und in einem intensiven Blau gefärbelt, daß sogar dem strahlenden Blau des wolkenlosen Himmels Konkurrenz macht.

Ein Wegweiser führt uns zur Schifferkirche. Außen wie innen hat sie die Anmutung eines aufgestellten Schiffrumpfes. Drinnen ist der schlichte Holzbau unglaublich hell. Die holzverkleidete Absis ziert eine überdimensionales Kreuz und davor steht ein karger Altartisch natürlich aus Holz. Von der Kirche aus sieht man hin zu einer alten Windmühle. Schade, daß sich auch ihre Flügel nicht drehen. Sie wurde längst umfunktioniert zu einer extravaganten Touristenherberge.

An der mit Geröll übersäten Steilküste von Ahrenshoop nisten hunderte Uferschwalben, ihr melodisches Gezwitscher ist weithin hörbar, wenn sie in Schwärmen dem Strand entlang fliegen. Aber in Ahrenshoop dehnt sich auch ein herrlicher Sandstrand, bestückt mit den unvermeidlichen Strandkörben, die mehr vor dem külen Seewind als vor der Sonne schützen. Das neue fünfstöckige Kurhaus wirkt protzig und paßt nicht in den idyllischen Ort. Dafür nennt es sich durch seine Doppelfunktion zugleich auch Grandhotel.

   31. Juli Insel Usedom

Wir packen die Koffer, der Bus bringt uns von Stralsund über Greifswald auf die Insel Usedom, heute die vielleicht beliebteste Ferieninsel Deutschlands. Sie dockt fast ans Festland an, sodaß man kaum wahrnimmt daß der Bus schon auf der Insel rollt. Wir besichtigen die Kaiserbäder Bansin und Ahlbeck. Beide Orte besitzen noch das Flair des späten 19. Jhdts.

Über die berühmte Seebrücke von Ahlbeck, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammt, kann man weit ins Meer hinauswandern. Rund 280 Meter ist der Steg lang. Beim Blick zurück sticht der schlanke Kirchturm wie eine Nadel aus dem Weichbild der Stadt heraus und dort dreht sich auch ein Riesenrad. Auf dem Platz vor dem Steg steht – ein Kuriosum – eine Jugendstil-Uhr. Auf der Straße, die parallel zum Strand verläuft, reiht sich Prachtvilla an Prachtvilla. Eine protziger als die andere, alle erbaut in der klassizistischen Bäderarchitektur, die eine strenge Schönheit ausstrahlt.

Zwölf Kilometer der Küste bieten hier herrlichen Sandstrand. Er reicht im Osten bis Swinemünde. Es ist nur zwei Kilometer von Ahlbeck entfernt. Und überrascht nehmen wir wahr, daß wir nicht mehr mitten in Deutschland sind, sondern ganz nahe an der polnischen Grenze. Swinemünde und der östliche Teil der Insel gehören seit 1945 zu Polen, ebenso das nahe Stettin. Swinemünde war ein wichtiger Stützpunkt der deutschen Kriegmarine und wurde noch im März 1945 schwer bombardiert. Tausende Menschen, viele Flüchtlinge aus denOstgebieten, kamen damals ums Leben. Und hier ging wohl auch die Bernsteinstraße vorbei. Denn am Strand kann man hier Bersteinstücke finden.

Über Heringsdorf gelangen wir ins Kaiserbad Bansin. Mit den vielen klassizistischen Villen, ist es Ahlbeck ziemlich ähnlich. In der DDR-Epoche wurde der Badeort für Betriebsferienlager genutzt. Nach der Wende drohte er zu verfallen wurde aber dann doch in den 90ger Jahre revitalisiert. Bansin hat mit dem „Asgard“ – so hieß der Götterhimmel der Germanen -, ein Holzbau aus dem 19. Jhdt. das älteste Kaffeehaus auf Usedom. Und die unvermeidlichen Strandkörbe zu beiden Seiten der Seebrücke päsentieren sich in strahlendem Weiß.

Am nördlichsten Zipfel von Usedom liegt Peenemünde. Dort wurden in der NS-Zeit unter der Leitung Wernher von Brauns in der Heeresversuchsanstalt der Wehrmacht Hitlers Vergeltungswaffen V 1 und V 2 produziert und auf englische Städte abgefeuert. Das war der Beginn der Raketentechnologie und die Voraussetzung für die Raumfahrt. Die V 1 findet sich wieder in den heutigen Marschflugkörpern, die auch entlang des Geländes fliegen können. Die V 2 ist die Mutter der amerikanischen Jupiter-Raketen, die den Mondflug ermöglichten.

Wir fahren zurück aufs Festland und steuern Berlin an. Mit dem Bus gibt es kleine Stadtrundfahrt und wir können sogar aussteigen. Für uns ist es eigentlich nur eine kleine Auffrischung der Eindrücke aus dem Vorjahr, als wir die alte Reichshauptstadt ausgiebig visitierten. Wir gehen über den Pariser Platz und blicken hinüber zum weltberühmten Hotel Adlon, gehen dann durch das Brandenburger Tor mit seiner einzigartigen Quadriga. Und weit im Hintergrund ragt ein anderes Wahrzeichen in den Himmel, der Berliner Fernsehturm. Und es geht sich auch noch zeitlich aus, beim imposanten Reichstagsgebäude vorbei zu flanieren. „Dem deutschen Volke“ steht über dem von 6 Säulen getragenen Eingangskapitel. Aber das wird es durch die massive Zuwanderung bald nicht mehr geben. Nicht erspart bleibt der Blick auf das erbärmliche neue Regierungsgebäude an der Spree. Die Berliner nennen es „Waschmaschine“, auf mich wirkt es wie ein Protzpalast der Mafiosi in Süditalien.Der Bus bringt uns diesmal in ein anderes Hotel, näher beim Zentrum, wo wir übernachten.

   1. August

Nach einem ausgiebigen Frühstück, wieder Speck mit Ei, startet die Rückfahrt nach Wien. Doch es gibt noch einen Stopp in Dresden für eine Stadtbesichtigung. Mein Wunsch, die wieder aufgebaute Frauenkirche zu besichtigen, scheitert. Es beginnt gerade eine evangelische Vesper und zwei sture Türsteher verwehren uns und anderen Kirchenbesuchern den Zutritt. So erhasche gerade nur einen einzigen Blick in den strahlenden Innenraum, als ein Teilnehmer an der Feier eingelassen wird. Beim letzten Besuch in Dresden waren gerade für den Wiederaufbau des ausgebrannten Gotteshauses aus dem Schutt die Steine sortiert und nummeriert worden.

An der Ecke zur Frauenkirche finden wir in einem Gastgarten Platz und lassen bei einem Radeberger Bier das wunderbare Ambiente rundum auf uns wirken. Und der Blick wandert immerwieder zur original wieder erbauten Kuppel der Frauenkirche, die ein paar Tage nach der Bombardierung Dresdens (am 12. Februar 1945) eingestürzt war.

Es bleibt gerade noch Zeit für einen Abstecher zur Brühlschen Terrasse, über deren Stufen ich schon 1944 als Kind gehüpft bin, als wir den an der Ostfront verwundeten Vater in einem Lazarett der Wehrmacht besuchten. Von der Terrasse aus gibt es einen freien Blick auf die Elbe, auf der immer noch die Raddampfer den Fluß hinauf und hinunter unterwegs sind. Und man sieht wunderbar hinüber zur Augustusbrücke und zur Semperoper.

Und wie in meiner Kindheit müssen wir auch die großartige Schloß- und Gartenanlage Zwinger besuchen. 1944 besichtigte ich mit meiner Mutter dort die Rüstkammer und der Führer erzählte uns, daß König August der Starke einen Silbertaler mit seinen Händen brechen konnte. So blieb mir das damals noch unversehrte Dresden durch seine unglaubliche Pracht als Märchenstadt in Erinnerung. Wir betreten das Stein gewordene Märchen durch das Kronentor, schlendern an der barocken Brunnenanlage, dem zauberhaften Nymphenbad vorbei, – und man kann sich an den wunderbaren Figuren und Wasserspielen nicht satt sehen. Wir queren den Schloßplatz mit seinen vier geometrisch angeordneten Becken, in jedem plätschert ein Springbrunnen, und erreichen schließlich die Semperoper, die erst viel später gebaut wurde aber das Zwinger-Ensemble wunderbar abschließt.

Dann heißt es doch wieder in den Bus steigen, Abschied nehmen vom wunderschönen Elbflorenz , Rückfahrt zum Ausgangspunkt der Reise, nach Wien.

 

 

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