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Georg Kramm im Gespräch mit Thomas Hüttner

Das „Sonntagsblatt“ ist die Mitgliederzeitung der Jakob Bleyer Gemeinschaft (Ungarn). DE bat den Schriftleiter Georg Kramm zum Gespräch.

DE: Herr Kramm, Sie sind Schriftleiter des Sonntagsblattes, des Mitteilungsblattes der Jakob Bleyer Gemeinschaft in Budapest. Womit beschäftigt sich das Sonntagsblatt?

GK: Das Sonntagsblatt als Sprachrohr des Landesvereins „Jakob Bleyer Gemeinschaft“ setzt sich zur Aufgabe, Vergangenheit und Gegenwart des Ungarländischen Deutschtums objektiv darzustellen und bekanntzumachen, um auch damit zur Pflege bzw. Wiedergewinnung der deutschen Muttersprache und Stärkung der nationalen Identität beizutragen und somit für eine Zukunft, für den Fortbestand der Volksgruppe einzutreten.

DE: Das Sonntagsblatt erscheint sechsmal jährlich mit je 32 Seiten. Wie finanzieren Sie die Zeitung, und ist die Finanzierung  gesichert?

GK: Ja, in unserem Plan stehen jedes Jahr sechs Nummern eingetragen, doch aus finanziellen Gründen können wir meistens diesen Plan nicht erfüllen, so wie auch im vergangenen Jahr, als wir gezwungen waren, eine sog. Doppelnummer herauszubringen. Unsere Zeitung wird nicht verkauft, weshalb sie auch keinen Preis hat. Wir verschicken das Blatt an uns bekannte Personen und Organisationen (auch Institutionen und Medien) mit dem Wunsch und der Hoffnung, von den Lesern eine Spende zu erhalten. Da das Sonntagsblatt voll und ganz ehrenamtlich gestaltet wird, haben wir also nur Druck- und Versandkosten (letztere sind sehr hoch) zu begleichen. Die Kosten decken wir größtenteils aus den Spenden, dazu kommen noch Bewerbungsgelder.

DE: Wird das Sonntagsblatt nur an Abonnenten versandt oder kann man es auch in Trafiken bzw Kiosken kaufen?

GK: Wie vorhin schon gesagt, das Sonntagsblatt wird nicht verkauft. Wir haben – gottseidank – einige hundert feste „Abonnenten“ im In- und Ausland, die, wie auch einige von den ca. 400 „Deutschen Selbstverwaltungen“ bereit sind, uns mit Spenden zu unterstützen.

DE: Wie ist es allgemein um das ungarländische Deutschtum bestellt?

GK: Das ist ein weites Thema, darüber könnte man stundenlang sprechen.Wenn ich die Lage unserer Volksgruppe in Ungarn kurz zusammenfassen sollte, dann würde ich das in folgenden Punkten tun:

1. Das zahlenmäßig relativ große ungarländische Deutschtum (schätzungsweise 200.000 – 250.000 Menschen) ist weitgehend assimiliert, die meisten sprechen nicht mehr oder auf einem bei weitem nicht muttersprachlichen Niveau die eigentliche deutsche Muttersprache, darunter wird auch der „schwäbische“ Dialekt verstanden.

2. Punkt 1 ist kein Zufall: Das Deutschtum in Ungarn hatte nach dem Zweiten Weltkrieg ein schweres Schicksal, wodurch die deutsche Muttersprache aus dem Elternhaus verdrängt wurde. Abhilfe hätte sein können und wäre auch heute noch ein deutschsprachiges Schulsystem. Das Ungarndeutschtum hat auch heute noch keine einzige und eigene deutschsprachige Schule (auch keinen Kindergarten). Die sogenannten „Nationalitätenschulen“ bieten eigentlich nur einen eher schlechten Sprachunterricht und überhaupt keine volkliche Erziehung.

Das Wiedergewinnen der deutschen Muttersprache ist also nur über Schulen möglich, eine deutsche Identität hauptsächlich über die Sprache vorstellbar. Eine ungarndeutsche (deutschfühlende) Intelligenz müsste herangebildet werden Die seit Jahrzehnten angestrebte und vom Staat zugesagte kulturelle Autonomie der Minderheit gibt es nicht.

3. Wie alle Nationalitäten in Ungarn hat auch das Deutschtum eine offizielle Vertretung: Das System der Deutschen Selbstverwaltungen. In den Gemeinden, wo Deutsche leben, gibt es gewählte sogenannte Deutsche Selbstverwaltungen od. Minderheitenselbstverwaltungen, die sich um die Anliegen der dortigen Deutschen kümmern sollten. Laut meiner eigenen Erfahrung können in vielen diesen Selbstverwaltungen die gewählten Minderheitenvertreter nicht deutsch. Was noch schlimmer ist, daß sie auch nicht bestrebt sind, sich die Sprache anzueignen, und wenn sie eventuell doch noch (schwach) deutsch  können, auch dann  überwiegend nur ungarisch reden. Sie bieten ein schlechtes Vorbild! Unter „deutsche Kulturgruppen“ sind hauptsächlich Gesangschöre, Tanzgruppen oder Musikkapellen zu verstehen, die die Traditionen auf der Bühne zur Schau tragen. Sie unterstehen allgemein den „deutschen Selbstverwaltungen“, sind von diesen (meistens auch finanziell) abhängig, haben als Umgangssprache das Ungarische, sie können nicht als Träger und Fortführer (ungarn)deutscher Kultur betrachtet werden.

4. Unsere Zukunft hängt davon ab, ob wir es im Schulwesen erreichen können, solche Nationalitätenschulen zu gründen, wo eine neue Nationalitätenintelligenz, die der Sprache mächtig ist und bereit ist, für den Erhalt der Sprache und Kultur einzutreten, ausgebildet werden kann.

Dazu aber ist der politische Wille im ungarischen Staat nötig, mit einem neuen Minderheitengesetz, welches eine kulturelle Autonomie ermöglicht. Um dies zu erreichen, ist die Stütze seitens der deutschen Mutterländer erforderlich. Als Beispiel möge dazu Ungarns Eintreten für die madjarischen Minderheiten im Ausland dienen.

DE: Herr Kramm, danke für das Gespräch.

 

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