Loading the content... Loading depends on your connection speed!

Fischen vor Libyens Küste

Von Verena Rosenkranz

Fassadenklettern, Extremmountainbiking oder Tiefseetauchen war gestern. Die Lust auf riskante Leichtsinnigkeiten ist zwar geblieben, heute trifft sich der europäische Nachwuchs aber auf Schiffen im Mittelmeer. Nicht jedoch, um im internationalen Wettstreit ein Distanzrennen zu gewinnen, sondern um in Seenot geratene Zuwanderer zu retten. Oder eben genau das zu verhindern. Während die einen Europa vor der illegalen Masseneinwanderung bewahren wollen, betätigen sich andere lieber selbst als Schleppergehilfen.

Für Organisationen wie „Jugend rettet“ ist es eine Selbstverständlichkeit, ausreisewillige Afrikaner und Zuwanderer aus dem Nahen Osten auf der Strecke zwischen Afrika und Italien abzufangen. Während Länder wie Italien, Spanien und das nicht am Mittelmeer liegende Deutschland sich offiziell in der „Operation Sophia“ zusammengeschlossen haben und fünf Rettungsschiffe bereitstellen, sticht die Crew der Iuventuta ohne Auftrag in See. Durch Spenden etwa vom Navigationsunternehmen Garmin, dem „Netzwerk für politische Förderfonds“ oder dem seinerseits durch Jugendhilfe geförderten „Bundesverband Junger Medienmacher“ konnten die Vereinsmitglieder ein eigenes Schiff kaufen, umrüsten und so regelmäßig der libyschen Küstenwache zuvorkommen. Diese wäre nämlich rein rechtlich für die Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlingen entlang ihrer 1.700 Kilometer langen Küste verantwortlich, solange sie sich in deren Hoheitsgewässern befänden. „Die Zustände, die dort herrschen, wurden uns von Geflüchteten als menschenunwürdig und grausam beschrieben“, rechtfertigt die Organisation allerdings ihr Eingreifen im Mittelmeer. Weil „Jugend rettet“ die europäische Asylpolitik satt habe und eine Entkriminalisierung von flüchtenden Menschen fordere, seien sie selbst aktiv geworden, heißt es auf deren Internetseite. Über 6.500 Migranten brachte ihr Schiff „Iuventuta“ allein im Jahr 2016 sicher auf das europäische Festland. „Seit Anfang März 2017 sind wir wieder vor der libyschen Küste aktiv. Unsere Iuventuta ist somit konkretes Handlungsfeld und Symbol“, verlautbaren die Protagonisten kämpferisch. Der Vorwurf, mit der Schleppermafia zusammenzuarbeiten dürfte für den Verein kein neuer sein, wie man den Rechtfertigungen in sozialen Netzwerken entnehmen kann. „Abermals sehen wir uns mit dem Vorwurf konfrontiert, wir würden mit kriminellen Schlepperstrukturen kooperieren“, hieß es dort zu Ostern. „Unsere Crew hat in unermüdlichem Einsatz versucht, die Notsituation vor Ort zu entschärfen“, entgegneten die Beteiligten den „haltlosen Anschuldigungen“ und wiesen die Schuld am Ertrinken unzähliger Migranten der europäischen, angeblichen Abschottungspolitik zu.

Zahl der Toten bereits im ersten Quartal auf Rekordhoch

Dieser Meinung ist auch das Parteiratsmitglied der Grünen, Erik Marquardt, der nur wenig später aufbrach, um beim großen Treffen im Mittelmeer dabei zu sein und eine ähnliche Organisation, „Sea Eye“, die in Regensburg sogar von der offiziellen Interessensgemeinschaft (IG) Metall gesponsert und beworben wird, zu unterstützen. Aufmerksamkeit heischend kündigte er auf seinem Twitterkanal während des Einsatzes auf hoher See an, ab sofort an diversen Seenotrettungen beteiligt zu sein. Der erwartete Applaus blieb jedoch zumindest in virtuellen Netzwerken aus. In der Realität hoffen Marquardt und seine Kollegen immerhin auf die Dankbarkeit der zuhauf geretteten Personen. Seit der großteils erfolgreich gelungenen Schließung der Balkanroute wagen vor allem Migranten aus Nordafrika gegen hohe Summen wieder die gefährliche Reise über das offene Meer. Nicht zuletzt in dem Wissen, einmal in europäische Hoheitsgewässer gelangt von der italienischen Küstenwache nicht wieder nach Libyen zurückgebracht zu werden. Während Tausende sicher in Italien ankommen, ist die Zahl derer, die auf der Reise gestorben sind, bereits auf einem Rekordhoch. Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) geht von mehr als 1.000 Toten allein im ersten Quartal 2017 aus. Eine Zahl, die auch in den Vorjahren während des Vergleichszeitraumes nicht erreicht wurde. Und das, obwohl sich so viele ehrenamtliche Helfer zwischen Italien und Libyen tummeln wie nie zuvor. Sogar das österreichische Bundesheer sollte auf See geschickt werden und die hochoffiziellen Schleppermissionen der „Operation Sophia“ begleiten. Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) plante eine Verstärkung der EU-Mission durch Einheiten des Jagdkommandos. Einem Ministerratsbeschluß zu Folge sollten die Auslandsmissionen bis weit in das Jahr 2017 verlängert werden. Bis zu 30 österreichische Elitesoldaten sollen auf Wunsch Doskozils bei der berüchtigten Operation zum Einsatz kommen. Diese EU-Mission war ursprünglich unter anderem zur Bekämpfung von Menschenschmuggel und -handel ins Leben gerufen worden. Zur vorrangigen Aufgabe dieser Mission ist es heute allerdings geworden, Bootsflüchtlinge aus dem Mittelmeer zu fischen und auf das europäische Festland zu verbringen. Ganz so wie ihre Kollegen, die das ohne offiziellen Auftrag und weniger gut ausgerüstet betreiben.

Daß es sich bei den waghalsigen Manövern der unprofessionellen Helfer aber nicht nur um Leichtsinnigkeit, sondern sogar lebensgefährliche Situationen handeln kann, erfuhr unlängst auch eine weitere selbsternannte Rettungsorganisation. Die Nichtregierungsorganisation „Sea Watch“, gespeist von Spenden der Erzdiözese München und Freising sowie der Willkommensinitiative Potsdam, wurde beim Versuch, ein Schiff der libyschen Küstenwache zu blockieren, fast gerammt. Nur knapp schrammten die beiden Schiffe aneinander vorbei und sorgten für internationalen Wirbel. Im Mittelpunkt des Streites standen 350 Migranten auf ihrem Weg nach Europa. Während die Küstenwache die Flüchtlinge in Asylzentren nach Afrika zurückbringen wollte, stellte sich der mit Sitz in Deutschland angemeldete Verein „Sea Watch“ dagegen und kämpfte regelrecht um die Aufnahme der Zuwanderer. Ein Sprecher der Küstenwache, Ajub Kassem, rechtfertigte die Rückholaktion seiner Marine mit geltendem Recht und bestätigte, daß die Organisation die Menschen auf ihrem Holzboot selbst aufnehmen wollte, weil es ihnen zufolge in Libyen nicht sicher sei. Ein Video der Aktion ist auch über den Twitterauftritt besagter Organisation zu finden und wird von empörten Zeilen begleitet: „Dieses EU-finanzierte Patrouillenboot der libyschen Marine hat fast unser ziviles Rettungsschiff gerammt“. Daß die Schlepper der großteils marokkanischen Migranten dabei sogar das Feuer auf die libysche Küstenwache eröffneten, wurde gänzlich verschwiegen. Um die offenbar nicht ganz unumstrittenen Praktiken von „Sea Watch“ nicht der Öffentlichkeit preisgeben zu müssen, wurde im Jahr 2015 sogar ein Reporterteam des rbb von einem Hilfsschiff der Organisation geschmissen, um einen Livebericht zu verhindern. Der Sender hätte der Crew zu Folge zu kritisch über das Wirken der Flüchtlingshelfer berichten wollen. Trotzdem keine Berührungsängste scheint die Evangelische Kirche Deutschlands zu haben, die die Arbeit der Helfer Anfang Mai großzügig unterstützte. Mit 100.000 Euro, die jedoch nicht auf der Seite der Organisation aufgelistet sind, griff sie dem Verein unter die Arme, um neben den zwei bestehenden Rettungsbooten auch noch ein Flugzeug anzumieten. Damit sollten potentielle Migranten entlang der afrikanischen Küste aufgespürt und sicher nach Malta oder Italien gebracht werden. Den 350 zu Wasser umkämpften Migranten kamen diese Pläne aber noch nicht zu Gute. Letztendlich wurden sie von der Küstenwache zu einem Marinestützpunkt nach Tripolis gebracht, und die „Wohltätigkeitsorganisation“ hatte das Nachsehen.

Großes Hallo auf deutsch im Mittelmeer

Anders im Fall der allein über das Osterwochenende 8.300 geretteten Migranten, die in italienischen Erstversorgungslagern untergebracht wurden. Neben dem Schleppergeschäft eines der lukrativsten Zweige für die süditalienische Mafia, wie durch zahlreiche Verhaftungen bekannt wurde. 32 Millionen Euro sollte ein Mafiaclan im kalabrischen Crotone aus EU-Mitteln in die eigene Tasche gesteckt haben, wie die Tagesschau berichtete. Weil in großem Stil mehr Mahlzeiten als geliefert von einem bereits kontrollierten Cateringbetrieb in Rechnung gestellt wurden, profitierten mindestens 68 Mafiaangehörige. Von dem Geld seien Immobilien, Luxusautos und ironischerweise Yachten gekauft worden. Allerdings nicht nur die Seenotrettung. Jene Schiffe und deren dahinterstehende Hilfsorganisationen seien ein Netzwerk aus Schlepperbanden, wagte in diesem Zuge der italienische Staatsanwalt Carmelo Zuccaro zu behaupten. Schlepperbanden rund um das Mittelmeer würden Nichtregierungsorganisationen finanzieren, damit deren Kunden überhaupt in Europa ankämen, berichtete etwa der Nachrichtensender Rai 3 von den Vermutungen des Juristen. „Die Angelegenheit könnte sogar noch beunruhigender sein“, sagte er im Hinblick auf eine mögliche Absicht der Hilfsorganisationen und Schlepperbanden, so „die italienische Wirtschaft zu destabilisieren, um daraus Vorteile zu erzielen“. Weil es ausreichend Hinweise für direkte Kontakte zwischen den Organisationen und Schleppern gebe, ließ er ein Ermittlungsverfahren einleiten. Zuvor waren Beweise aufgetaucht, denen zufolge NGOs durch Lichtsignale mit Schlepperbooten kommunizierten, um diese in ihre Richtung zu lotsen. Betroffen hiervon könnten vor allem Vereine wie „Sea Eye“ oder „Moas“ sein. Letztere wird zumindest offiziell von der Caritas Deutschland finanziert.

Zu dem großen Hallo im Mittelmeer hat sich seit einigen Wochen aber spontan eine weitere Jugendorganisation gesellt. Sie fischt allerdings nicht nach Zuwanderern, sondern um internationale Aufmerksamkeit im Kampf gegen den Schleppertourismus und illegale Zuwanderung. Aktivisten der Identitären Bewegung versuchen seit Mitte Mai, die Schiffe der angeblichen Hilfsorganisationen am Auslaufen zu hindern. So auch am 12. Mai, als ein Schiff der Organisation „SOS Mediterrane“ gegen 22 Uhr auslaufen wollte und von Leuchtfeuern und dem Tranparent „No Way“ der Aktivisten begleitet wurde. Obwohl sie mit dem gecharterten Motorboot kaum eine Chance gegen den Meeresriesen hatten, ging es den Beteiligten der Kampagne „Defend Europe“ vielmehr um den Symbolcharakter. „Derzeit schleppen ‚humanitäre‘ NGOs hunderttausende illegale Migranten nach Europa und gefährden damit die Sicherheit und Zukunft unseres Kontinents. Gleichzeitig sind sie damit für das Massensterben von Afrikanern im Mittelmeer verantwortlich. Wir schauen nicht länger weg“, begründen die Identitären ihre Blockadeaktion. Mit üppigen Geldspenden wie ihre gleichaltrigen Seenotretter können sie bislang allerdings nicht rechnen. Ganz im Gegenteil, reagierte die Küstenwache hier erstaunlich schnell, drängte das Boot ab und nahm die weniger leichtsinnigen als idealistischen Beteiligten in Gewahrsam.

Leave a Comment