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Eritis sicut Deus vel Allah

Von Jörg Mayer

Jahrhundertelang quälte die Menschen die tiefe Frage, wie sie sich vor Gott rechtfertigen könnten, welcher Werke es dazu bedürfe und wodurch der Gnadenschatz, über den die Kirche in apostolischer Sukzession zu verfügen behauptete, einem zukommen werde. Martin Luther beantwortete in seiner Rechtfertigungslehre die Frage losgelöst von den irdischen Verdiensten: Nur Gott sei es, der am Ende den Menschen rechtfertigen werde. Die „Gerechtigkeit Gottes“ (Römer 1,17) war kein Drohwort, sondern Verheißung der göttlichen Gnade, die der Mensch allein aus dem Glauben erlangen würde.

Die Moderne stellte diese Frage nach der Rechtfertigung freilich erst einmal auf den Kopf: Nicht der Mensch hatte sich noch zu rechtfertigen, sondern Gott. Die Theodizeefrage beschäftigte zwar schon manche Denker der Antike, Auftrieb erhielt sie aber schließlich mit der Aufklärung. Sie läßt sich in kurzen Worten formulieren: Wenn es Gott gibt – oder Allah, Cthulhu, das Fliegende Spaghettimonster – und dieser Gott gütig und allmächtig ist, warum gibt es dann Leiden und woher kommt es?

Nun kann man sich bei der Beantwortung dieser Frage damit helfen, einen Gegenspieler für Gott anzunehmen: ein zweites Prinzip, das den Menschen zum Bösen hinzieht. Aber mit einer Prämisse der Frage („…und allmächtig sei“) verträgt sich der Teufel eben gar nicht gut. Mehr als Lucifer hilft da schon Leibniz aus der Sackgasse. Für ihn war ein dreifaches Malum notwendigerweise in der Welt: Zum ersten nämlich müsse die Welt unvollkommen sein, sonst wäre sie mit Gott ident, sie ist aber ein Anderes. Zum zweiten müsse es das Leiden in ihr geben, um dem Menschen erkennbar zu machen, was ihm schade und was ihm nütze. Zum dritten aber sei der Mensch selbst unvollkommen und bringe durch seine Sünden das Böse in die Welt.

Aber die Sache hat einen Haken: Christen gehen davon aus, daß Gott den Menschen als Mann und Frau nach seinem Bilde erschaffen habe, und dabei sah er nicht nur, „daß es gut war“, sondern „daß es sehr gut war“. Wie kann es nun aber sein, daß ein „sehr gutes“ Geschöpf, das Gott nachempfunden ist, Böses in die Welt bringt? An dieser Stelle beginnt ein geistiges Wagnis für den Christen, denn in seinen Heiligen Schriften trägt sich etwas Bemerkenswertes zu. Er findet den Zweifel Hiobs und vieler anderer, aber eines findet er nicht: eine Antwort.

Was für ein Glück indes für das Christentum, aus einer Religion der Fragen wie dem Judentum hervorgegangen zu sein, ohne den Zustand einer Religion der Antworten erreicht zu haben. Denn für einen Muslim ist alles ja ganz klar: Allah ist vollkommen vernünftig, der Mensch ist dumm, also weiß nur Allah, was über die Zeit gut und böse ist, und alles Gute kommt von Allah, es erscheint nur dem unwissenden Menschen als das Böse. Für den Muslim läßt sich also Gott nicht im Vernünftigen erkennen wie für den Christen – der Christ kann das Vernünftige forschend erkennen, es ist nicht einfach Offenbarung –, sondern er erkennt in Allah das Vernünftige.

„Ihr werdet wie Gott sein, wissend um Gut und Böse!“, so hatte die Schlange gelockt (1. Mose 3, 15). Der Biß in den Apfel, den Eva reicht, ist Adams Eintritt in dieses Lebensalter des Forschens und Wissens. Natürlich war Gott darüber wütend: Es ist für sorgende Eltern nie leicht, ihre Kinder gehen zu lassen. Doch wendet er sich nicht von ihm ab: Er bietet Rat und eine schützende Hand. „Siehe ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse.“ (5. Mose 30, 15). Gott zwingt den Christen nicht, das Gute zu tun, er legt es ihm aber nahe. Adam darf Fehler machen, daraus lernen und sich so weiterentwickeln. An diesem Schritt ins Erwachsenenalter versagt der Islam kläglich.

Und darum gleicht der Gott des Christentums, den Silberzungen der zeitgeistigen Bischöfe zum Trotz, niemals dem Allah des Islam. Denn das irdische Leben ist für den Christen nicht nur wie für den Muslim ein Test – womit sich ja auch die Theodizee-Frage erübrigt. Zum Christsein gehört mehr als Buchstabengehorsam. Mag für den Muslim wohl alles Böse im Leben nur ein Teil der Prüfung sein, bis im Jenseits von Allah abgerechnet und alles Leiden köstlich vergolten wird. Das christliche Gericht ist das nicht.

Das ewige Gute der Welt besitzt seinen Wert erst, weil es seine Privation gibt: das Böse, das Unglück, das Risiko, das Scheitern. Damit ist die Freiheit bezahlt. Die Gerechtigkeit Gottes aber offenbart sich dem Christen nicht in der peinlichen Bilanzierung, sondern in seinem Gericht der Gnade: wenn uns das Böse nicht angerechnet wird. Gnade und Gewinnausschüttung sind nicht dasselbe, und die Idee, nur Allah plane weise voraus und der Mensch sei hinsichtlich des Guten und Bösen in einem ständigen Irrtum befangen, ist für den Christen zu primitiv. Er muß sich im Leben der moralischen Herausforderung stellen.

Daher wird das Christentum auch immer eine Religion der Fragen, also des (Selbst-)Zweifelns sein und der Islam eine Religion der Antworten, also des Gehorsams, bleiben. Beides mit den entsprechenden Konsequenzen für uns.

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