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Ein „Justizmord“ aus Aberglauben?

Von Christian Krüger

Es gehört zu den Klischeevorstellungen über das angeblich „finstere“ Mittelalter, daß hunderttausende Frauen und auch Männer als Hexen oder Hexer verbrannt worden seien. Dabei sind der Hexenwahn und die damit verbundene Hexenverfolgung Phänomene der Neuzeit. Nahezu die gesamte Epoche der Aufklärung hindurch, fast bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, war der Glaube an übersinnliche Kräfte so wirkmächtig, daß die Anklage für die Betroffenen tödliche Folgen haben konnte. Eine der letzten Frauen, die diesem Aberglauben zum Opfer fiel, war die Schweizerin Anna Göldi, die am 13. Juni 1782 in Glarus hingerichtet wurde.

Die 1734 geborene Göldi war als Dienstmagd bei der Familie des einflußreichen Ratsherrn, Richters und Regierungsrates Johann Jakob Tschud angestellt. Ihr wurde der Vorwurf gemacht, daß sie die Tochter Tschuds verzaubert habe. So sollte die Tochter wiederholt Nägel ausgespuckt haben, nachdem Göldi ihre Milch verzaubert habe. Die für heutige Zeiten so abstrus anmutenden Vorwürfe sorgten dafür, daß die Magd in die Mühlen der lokalen Justiz geriet.

Daraus gab es für die als Hexen beschuldigten Frauen keinen einfachen Ausweg mehr. Gestanden sie, Hexen zu sein, war der Tod auf dem Scheiterhaufen ihr sicheres Los. Bestritten sie die Vorwürfe, wartete die Folter auf sie. Dabei war die Folter keinesfalls ein Selbstzweck sadistischer Hexenjäger, wie es in der Fantasy- und Populärliteratur oft dargestellt wird. Vielmehr stellte die Folter seit dem Mittelalter einen Versuch dar, die Befragung der Delinquenten Regeln zu unterwerfen. So erfolgte zunächst die bloße Befragung der Beschuldigten. Bestritten sie die Vorwürfe, wurden ihnen die zugedachten Foltermethoden erklärt und die Instrumente gezeigt; anschließend wurden sie erneut befragt. Blieben sie bei ihrer vorherigen Aussage, so wurde in einem dritten Schritt die Befragung während der Folter wiederholt. Erst wenn sie auch unter der Folter standhaft die Anschuldigungen bestritten, winkte die erlösende Freilassung.

Diese Praxis der Befragung ersetzte im Lauf der Zeit die sogenannten „Gottesurteile“. Zuvor war es beispielsweise üblich gewesen, daß der Hexerei beschuldigte Personen gefesselt in ein Gewässer geworfen wurden. Schwammen sie auf dem Wasser, so galten ihre magischen Fähigkeiten als bewiesen. Gingen sie unter, war ihre Unschuld erwiesen – freilich kam es in diesem Fall auch zu vielen unbeabsichtigten Todesfällen.

Anna Göldi gestand unter der Folter, eine Hexe zu sein. Damit war ihr Schicksal besiegelt, und sie starb durch das Schwert. Die Tötung durch das Schwert war in diesem Fall ein Gnadenakt, der vor der Verbrennung des Körpers erfolgte. Auf letzteres wurde bei Hinrichtungen von Hexen nicht verzichtet, da nach damaligem Glaube nur die Flammen die notwendige reinigende Wirkung hätten. Eine Reinigung war in der Vorstellung der Zeitgenossen notwendig, hält man sich vor Augen, welche Verbrechen man im Zusammenhang mit der Hexerei annahm. Dazu gehörten die Fähigkeit, mittels eines Besens oder magischer Flugsalben zu fliegen, die Teilnahme am Hexensabbath, der Teufelspakt und die sexuelle Vereinigung mit jenem, nicht zuletzt Schadenszauber gegen andere Menschen.

Doch im ausgehenden 18. Jahrhundert erschien dies den mit dem Fall Göldi betrauten offiziellen Stellen schon weit hergeholt. Jedenfalls finden sich im Urteil und dessen Begründung die Worte „Hexe“ oder „Hexerei“ nicht. Offiziell wurde sie als Giftmörderin verurteilt. Das Urteil erregte im deutschsprachigen Raum heftigen Widerspruch. In Preußen war Hexerei zu diesem Zeitpunkt schon kein Straftatbestand mehr.

Die Forschung geht davon aus, daß die Hintergründe der letzten Hexenhinrichtung in Mitteleuropa deutlich profaner waren. Ein Verhältnis zwischen der Dienstmagd und dem Ratsherrn wird vermutet. Für Tschud barg sein Ehebruch das Problem, daß er im Fall des Bekanntwerdens nicht mehr seine politischen Ämter hätte ausüben können. In dieser Situation war die Beseitigung der Geliebten auf diese Art und Weise wohl die einfachste Lösung für ihn. Auch in manch anderem Fall waren persönliche Motive die Triebfeder hinter derartigen Beschuldigungen. So konnten Denunzianten bisweilen damit rechnen, bis zu einem Drittel des Vermögens einer hingerichteten Hexe zu erhalten.

Im Jahr 2008 führte die historische Aufarbeitung der Geschehnisse zu einer Rehabilitation der Hingerichteten. Der Fall wird mittlerweile auch offiziell als „Justizmord“ anerkannt. Zu dieser Einschätzung haben neben den abstrusen Vorwürfen auch die Verfahrensfehler beigetragen, die inzwischen untersucht wurden. So fanden die Hexenprozesse meist vor weltlichen Gerichten statt, die eigentlich nicht für derartige Fälle zuständig waren.

Die Leidensgeschichte der Anna Göldi wurde in einem Roman und einem Film verarbeitet. Vor dem Gerichtsgebäude in Glarus erinnert seit drei Jahren ein Mahnmal an sie.

 

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