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Distanzierung von der Distanzierung

Von Georg Immanuel Nagel

Die sogenannte Distanzierung gehört heutzutage zum guten Ton und zum häufig zelebrierten Pflichtritual der seit dem Jahr 1968 rasant expandierenden und mittlerweile staatlich verordneten Zivilreligion. Auch wenn die Nazi-Keule in manchen Kreisen begrüßenswerterweise schon recht schwach geworden ist, vermag sie immer noch den einen oder anderen vernichtend zu treffen. Ein solcher fühlt sich dann üblicherweise dazu bemüßigt, sich artig in ein Büßerhemd zu kleiden und den obligatorischen Gang nach Canossa anzutreten.

Manch von der politischen Korrektheit beseelter Zeitgenosse, der sich als Fackelträger des neuen Zeitgeistes begreift, möchte ein nobles Beispiel geben und schreitet von sich aus selbstgefällig als hehres Vorbild voran und sucht, auch ohne äußere Veranlassung, eilfertig eine Weihestätte des Schuldkultes auf, um sich vor einem Altar der Selbstverleugnung niederzuwerfen und sich demütig von allem und jedem zu distanzieren.

Gegenwärtig ist diese Praxis derart ausgeartet, daß man schon von einer wahren Distanzierungswut innerhalb des rechten Lagers sprechen kann. Gleichsam einem Schuft, der einen Freund dem Löwen vorwirft, in der Hoffnung selbst von diesem nicht gefressen zu werden, schwärzt man sich gegenseitig an und distanziert sich fleißig, so viel man nur kann und arbeitet somit pflichteifrig dem politischen Gegner in die Tasche.

So distanziert sich beispielsweise bei den Studentenverbindungen der katholische Cartellverband (CV) von allen schlagenden Verbindungen, unter diesen legt manch Corpsstudent besonderen Wert darauf, kein Burschenschafter zu sein, und hier distanziert sich wiederum die Neue Deutsche Burschenschaft (NeueDB) von der alten Deutschen Burschenschaft (DB). Am Ende distanziert sich dann Herr Bauer wegen irgend einer Aussage von Herrn Müller. Offenbar ist man sich dabei nicht klar, welche in der Regel primär negativen Folgen ein solches Gebaren für die eigenen Interessen hat.

Der Fehler hierbei ist, daß man, anstatt die Anschuldigungen seiner selbst zu entkräften, versucht, mit der fahlen Hoffnung dann selbst fein heraus zu sein, diese auf andere zu fokussieren. Die Bemühung, den Schwarzen Peter dem Nächsten zuzuschieben, ist nicht nur Ausdruck einer wenig edlen Gesinnung, sondern auch für einen selbst kontraproduktiv. Denn die Kritik am eigenen ist deshalb noch lange nicht vom Tisch, statt dessen gibt man aber zu, daß an den Anschuldigungen etwas Wahres dran sei, nur eben bei den anderen. Man verfährt also nach dem Florianiprinzip: Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!

Hinzu kommt, daß man den politischen Gegner in seinem angemaßten Selbstverständnis, in sämtlichen politischen Fragen die Deutungshoheit inne zu haben und sich als unfehlbare Urteilsinstanz der res publica aufzuspielen, welcher es obliegt, über alle den Stab zu brechen, anerkennt. Statt dessen wäre es am besten, rückhaltlos zu den eigenen Überzeugungen zu stehen.

Der gute Glaube, man könne durch ein solches Verhalten, durch möglichst viel Kooperation, durch den sogenannten Dialog, bei der Gegenseite Verständnis und Anerkennung finden und vor allem erreichen, daß man dann endlich in Ruhe gelassen werde, stellt sich üblicherweise als bittere Täuschung und naive Wunschvorstellung heraus. Es gibt nämlich gar keinen Dialog, sondern nur eine einseitige, andauernde Anfeindung welche monoton mit den – selben bis zum Erbrechen, aufgesagten Textbausteinen und Lügen arbeitet. Jedes Entgegenkommen ist hier Zusammenarbeit mit dem Feind.

Am verheerendsten ist jedoch die erzeugte Entzweiung des rechten Lagers. Ziel der metapolitischen Arbeit muß es sein, die linken Dogmen, welche den Diskurs dominieren, zu überwinden und denselben an sich zu reißen. Dabei darf man sich nicht in die spitzfindige Dialektik, das adornosierende Geschwurbel der Gegenseite verstricken lassen. Wer die Kampfbegriffe des Gegners übernimmt und seine Sprachdiktate akzeptiert, hat damit von vorne herein verloren. Solange die Konservativen immerzu ein Rückzugsgefecht austragen, werden sie auch immer weiter Raum verlieren. Zeit darauf zu verschwenden, die ewigen moralinsauren Nazisprüche der Gegenseite zu entkräften ist verlorene Liebesmüh.

Man muß lernen zu begreifen, daß wir alle in einem Boot sitzen. Auch bei den gewiß großen Unterschieden gibt es doch zwischen allen eher rechten Gruppen Schnittmengen, gerade bei den großen Fragen der Zeit. So haben etwa die Christlich-Konservativen auf der einen Seite und die eher volkstumsorientierten Nationalen auf der anderen Seite gemeinsam, daß sie beide der Islamisierung entgegenstehen und beide grundlegende Werte wie die klassische Familie hoch halten. Wenn man auch in anderen Dingen nicht einer Meinung ist, so gilt es doch, zumindest die gemeinsamen Anliegen auch gemeinsam zu vertreten. Durch die Distanzierung spielt man eben nur dem Gegner in die Hände. Ähnlich machen es die Linken doch auch. Wenn es um den „Kampf gegen Rechts“ geht, verbünden sich biedere Systempolitiker aller Parteien mit Anarchisten, Stalinisten und Gewalttätern von der Antifa. Sich von letzten zu distanzieren, hält dann auch niemand für nötig. Warum sollten es also dann die Gesetzestreuen und Anständigen tun?

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