Loading the content... Loading depends on your connection speed!

Die Notwendigkeit des Politischen

Von Jana Jung

„Geh, hörts doch mal mit diesem Politisieren auf“, war neben der standardisierten Aussage „Ihr habt es ja gut, ihr dürft in die Schule gehen“, eine jener Aussagen meiner Großmutter, die mittelfristig – meistens zeitlich kurz auf die Entkräftung ihrer romantischen Vorstellung von Schule – bei einem Familienbesuch folgen mußte. Sie, meine liebe Großmutter, hatte als Familienoberhaupt wohl das gute Recht, diese Forderung zu stellen. Recht hatte sie damit aber nicht. Zugegeben, es mußte ebenso mittelfristig an unserem Familientisch ein Streit ausbrechen, wenn es um das „Politische“ ging. Und das ging es immer. Zum Glück. Denn der Aussage „Ihr habt es gut, ihr dürft in die Schule gehen“, konnten wir Enkelkinder nicht nur aus pubertärem Trotz gegenüber der Lehranstalt mit einem „Aber“ begegnen, sondern, je älter wir wurden, auch aus politischen Überlegungen. Und das führte nicht selten zu erbitterten Verbalduellen unter dem Weihnachtsbaum, Statistikanalysen an Geburtstagsfeiern oder Parteiprogrammvergleichen während der Fahrt mit dem Riesenrad im Prater zum Goldenen Hochzeitsjubiläum unserer Großeltern. Schluß also mit dem „Politisieren“. Um des Friedens willen.

Der größte Fehler, den wir aber alle irgendwann, ermüdet von der ewiggleichen Bitte unserer verehrten Großmutter, ihr zu Liebe begehen sollten. Nicht nur, weil es dann stinklangweilig wurde am Häkeltisch mit lauwarmem Filterkaffee, sondern weil dieses „Politische“ – und darüber sinnierten wir Jungen ausgiebig nach der Flucht aus dem österlich geschmückten Wohnzimmer – eben unser ganzes Leben bestimmt. Und darum ausgesprochen, diskutiert, zerredet und überlegt werden will. Weil unsere Generation, im Gegensatz zu unseren Großeltern, allein schon im Supermarkt vor Entscheidungen mit der Tragweite, die eine ganze Nation beeinflussen könnte, gestellt werden. Weil der Griff zur Babynahrung von Nestlé nicht nur im umwelttechnischen Sinn fatale Folgen hat, sondern von einem heimatverbundenen Menschen auch die falschen Signale setzt. Weil der Kauf von saisonalen und regionalen Produkten nicht nur die örtlichen Bauern unterstützt, sondern das gesamte Land ein Stück weit unabhängiger in der internationalen Marktspirale macht. Weil es beim Kauf der Kleidung nicht nur ausgebeutete Kinderhände zu bedenken gibt, sondern auch das Unternehmersterben in der eigenen Heimat. Weil hinter dem Milchpreis nicht nur ein Bauer steht, sondern die ganze Europäische Union mit ihrer Bürokratie. Weil der Greißler um die Ecke mit seiner geringen, aber qualitativ hochwertigen Auswahl einer internationalen Kaufhauskette, deren Warensortiment tausende Kilometer in der Luft, im Wasser oder im LKW zurückgelegt hat, vorzuziehen ist. Weil wir nicht jedem Marketingtrick aus Hollywood, wie etwa Cola und Popcorn vor dem Fernseher, folgen müssen.

Politische Überlegungen beim Wocheneinkauf. Meine Großmutter würde erbost im Auto sitzen bleiben, wenn sie solcherlei Diskussionen vor dem Gemüseregal ahnen könnte. In ihrem bequemen, neuen Volkswagen. Noch nicht generalüberholt nach dem Abgasskandal. Ein Ereignis mit höchster politischer Tragweite. Zwar würde sie ohnehin keine Granatäpfel, Papayas oder Avocados kaufen, weil „des haben wir auch alles net gehabt und sind trotzdem g’sund gewesen“. Daß dahinter allerdings heute mehr denn je auch eine politische Überlegung steckt, wäre ihr mit ihrem gesunden Hausverstand noch nie in den Sinn gekommen. Auch nicht, daß es bei der Wahl des Urlaubslandes heute nicht mehr nur um die Leistbarkeit geht, sondern wesentlich mehr Faktoren wie etwa Sicherheit, religiöse und kulturelle Umstände oder eben die politische Haltung zum eigenen Herkunftsland bedacht werden müssen. Wahrscheinlich hält sie es auch für eine nette Geste, wenn jemand zur Hochzeit Reis streut und Gläser zerbricht, immerhin tun die das in den Romantikschnulzen aus Amerika auch. Und Amerika ist bekanntlich das freieste Land der Welt. Daß dies keinesfalls unsere heimischen Bräuche sind, ist eine politische und kulturelle Überlegung. Ebenso, die Vereinigten Staaten als eigene Kultur anzusehen. Das Politisieren geht weiter, die Spannung steigt schon wieder in der familiären Kaffeerunde. Die Enkelkinder haben noch was zu sagen. Ihren von Woodstock und der großen Freizügigkeit geprägten Eltern aus der 68er-Generation. Denn all jene Überlegungen machen uns zu politischen Denkern. Im schlichtesten Fall aber einfach zu mündigen Bürgern. Von denen nicht nur zu Wahlkampfzeiten die volle Entscheidungs- und vor allem Verantwortungsfähigkeit gegenüber der nächsten Generation verlangt werden darf. Und das ist auch notwendig.

Leave a Comment