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Die gespaltene Erste Republik

Von Jan Ackermeier

Der brennende Justizpalast

Am 15. Juli jährt sich zum 90. Mal die Julirevolte in Wien, besser bekannt als „Justizpalastbrand“. Ihren eigentlichen Ursprung nahmen die Ereignisse aber in Schattendorf, einem Ort im Burgenland, in dem zu damaliger Zeit etwa 2.000 Menschen lebten. Am 30. Jänner 1927 hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs in dem kleinen burgenländischen Ort eine Versammlung abgehalten, die von einem Gasthof aus von Mitgliedern der Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreichs beschossen wurde, worauf zwei Tote (davon ein sechsjähriges Kind) und fünf Verletzte zu beklagen waren. Der Rechtsanwalt Walter Riehl verteidigte die Täter im darauf folgenden Schattendorfer Prozeß. Die Hauptfragen im Prozeß bezogen sich auf die Mordabsicht beziehungsweise auf die Absicht, die Opfer schwer zu verletzen. Das Strafausmaß betrug im Falle der Mordabsicht zehn bis 20 Jahre Kerker oder eine lebenslange Freiheitsstrafe. Für die Tatsache, daß sie die beiden Menschen absichtlich schwer verletzt hatten, drohten den Angeklagten immerhin noch fünf Jahre Kerker. Die drei Angeklagten wurden am Abend des 14. Juli 1927 von einem Geschworenengericht freigesprochen, was als Skandal angesehen wurde und zu gewalttätigen Ausschreitungen unter sozialdemokratischen Anhängern in Wien führte.

Am Tag darauf wurde der Strom der Wiener Straßenbahn durch die Direktion der Städtischen Elektrizitätswerke abgeschaltet, sodaß der öffentliche Verkehr in Wien lahmgelegt war. Dies geschah, um einen Proteststreik auszulösen. Die erste Marschkolonne, die den Ring erreichte, war die der E-Werker, welche vergebens versuchten, das Universitätshauptgebäude zu stürmen. Nach und nach füllte sich der Ring. Demonstranten griffen das Polizeiwachzimmer in der Lichtenfelsgasse nahe dem Rathaus an und verwüsteten die Redaktion der „Wiener Neuesten Nachrichten“, welche nicht im Sinne der sozialdemokratischen Demonstranten über das Urteil berichtet hatten.

Als die Menge den Kordon von Sicherheitskräften vor dem Parlamentsgebäude mit Steinwürfen attackierte, drängte berittene Polizei die Menge in die Parkanlage gegen den Justizpalast ab. Der Platz vor dem Haupteingang des Justizpalasts lag frei. Bald stand er als Symbol der als parteiisch empfundenen Justiz im Zentrum der Aufmerksamkeit der heranrückenden Demonstranten – obwohl im Justizpalast in erster Linie die Zivilgerichtsbarkeit angesiedelt war.

Ein Teil der Angehörigen des sozialdemokratischen Schutzbundes versuchte, als Ordner mäßigend auf die Menge einzuwirken, während ein anderer Teil derselben Organisation mit der Menge sympathisierte und sich aktiv an den Ausschreitungen beteiligte. Gegen zwölf Uhr zerschlugen Protestierende erste Fensterscheiben im Erdgeschoß und stiegen in das Gebäude ein. Dort begannen sie, Mobiliar und Akten zu zerstören. Um 12:28 Uhr ging der erste Notruf bei der Wiener Berufsfeuerwehr Am Hof ein. Auch in den oberen Geschossen zerschlugen Demonstranten Mobiliar und setzten an zahlreichen Stellen Akten in Brand. Die Feuerwehr wurde von den Demonstranten immer wieder behindert. Das Feuer breitete sich über alle Stockwerke aus. Die enorme Hitzeentwicklung hielt einerseits Demonstranten von weiteren Aktionen ab, andererseits waren die Brandherde jedoch dermaßen angewachsen, daß sie auch die Feuerwehr nur mehr schwer unter Kontrolle bringen konnte. Das größte Ausmaß erreichte das Feuer etwa um 21 Uhr. Es brannten um diese Zeit die zwei Obergeschosse sowie die Dächer des Mitteltraktes. Gegen zwei Uhr, am Morgen des 16. Juli, konnte der Brand unter Kontrolle gebracht werden.

Der Justizpalastbrand symbolisiert die steigende Gewaltbereitschaft und das vergiftete gesellschaftliche Klima in der Ersten Republik. Die politischen Lager standen einander zunehmend unversöhnlich gegenüber, und so kam es immer wieder zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der jungen österreichischen Demokratie.

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