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Der Tod des Benno Ohnesorg – Startschuß für den linken Terror

Von Christian Krüger

Nach den Schüssen in der Krummen Straße am 2. Juni 1967. Benno Ohnsorg, neben ihm Friederike Haussmann.

Die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 gilt als Geburtsstunde der RAF. Als bekannt wurde, daß der junge Mann während der Proteste gegen den Besuch des Schahs von Persien in West-Berlin erschossen worden war, kochten die Emotionen hoch. Nicht nur die Rote Armee Fraktion bezog sich in ihrer später erfolgten Gründung auf Ohnesorg, die ebenfalls linksextreme Terrorgruppe 2. Juni wählte gleich das Todesdatum als Namen. Die Linksterroristen wähnten sich seit jenem Tag im Krieg gegen das politische System der Bundesrepublik.

Erst Jahrzehnte später, im Jahr 2009, stellte sich heraus, daß Karl-Heinz Kurras, der Todesschütze, ein inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war, der die West-Berliner Polizei ausspionierte. Diese neue Faktenlage gab Anlaß zu allerlei Spekulationen über die Tat, welche die frühe BRD aufwühlte. Doch nicht nur die Person des Täters gab und gibt bis heute Fragen auf, auch der genaue Tathergang ist nach 50 Jahren nicht einwandfrei rekonstruiert worden.

Schon im Vorfeld des Schah-Besuches vom 27. Mai bis zum 4. Juni war die Stimmung aufgeheizt. Daran hatten nicht zuletzt die Mitglieder der internationalen Konföderation iranischer Studenten ihren Anteil, die gegen die Lage im Iran protestierten. Während des 2. Juni kam es in West-Berlin wiederholt zu Angriffen durch Schah-Anhänger auf die Gegendemonstranten, so vor dem Schöneberger Rathaus und später vor der Deutschen Oper. Die rund 150 Schah-Anhänger, die später als sogenannte „Jubelperser“ in die Geschichte eingingen, waren eigens mit dem iranischen Staatsoberhaupt angereist. Sie gingen mit Holzlatten und Totschlägern auf die Gegendemonstranten los – unbehelligt von der anwesenden deutschen Polizei.

Als sich im Verlauf des Tages immer mehr Gegendemonstranten einfanden, die durch die Angriffe der „Jubelperser“ aufgebracht waren, erging am Abend vor der Deutschen Oper der Befehl an die Polizei, die Menge gewaltsam aufzulösen. Mit Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern ging die Bereitschaftspolizei vor; zahlreiche Verletzte waren die Folge.

In dieser Situation kam es zu Ereignissen, in deren Verlauf der Lehramtsstudent Ohnesorg, der als politisch links und pazifistisch galt, den Tod fand. Ohnesorg beobachtete offenbar, wie Polizisten in einem Hinterhof mehrere Demonstranten verprügelten. Er selbst geriet in das Blickfeld der Polizei und wurde auch geschlagen. Unter welchen Umständen in dieser Situation der Schuß fiel, der den Studenten in den Hinterkopf traf, ist unklar.

Bis zum heutigen Tag kursieren verschiedene Versionen. Der Schütze Kurras behauptete zunächst, er sei von einer Gruppe Demonstranten niedergeschlagen und mit Messern bedroht worden. Somit habe er in Notwehr zwei Schüsse abgegeben, von denen einer unbeabsichtigt tödlich war. Von dieser Version rückte er später selbst ab; sie wurde auch durch Zeugenaussagen und eine Tonaufnahme von der Tat widerlegt. Mehrere Zeugen gaben an, Kurras habe im Stehen und gezielt Ohnesorg in den Kopf geschossen. Nach neuesten kriminaltechnischen Untersuchungen gilt das als wahrscheinlichster Ablauf der Tat.

Dennoch wurde Kurras in zwei Verfahren freigesprochen, da man ihm kein „schuldhaftes Verhalten“ nachweisen konnte, wie es in der Urteilsbegründung des zweiten Verfahrens heißt. Unter den Studenten sorgten die Freisprüche und die polizeifreundliche Berichterstattung der großen Tageszeitungen für Empörung. Erst nach und nach wandelte sich die Perspektive der Medien, die nun auch das Vorgehen der Polizei kritisierten.

Das Verhältnis zwischen großen Teilen der akademischen Jugend und der Obrigkeit war nach dem 2. Juni 1967 jedoch gestört und blieb es lange Zeit. Die Außerparlamentarische Opposition spaltete sich in den folgenden Jahren. Während ein Teil den „Marsch durch die Institutionen“ antrat, um den Staat von innen zu verändern, wählten die eingangs erwähnten Gruppen den Weg des Terrors.

Wie wäre die Geschichte Westdeutschlands verlaufen, wenn bereits kurz nach dem Todesschuß bekannt geworden wäre, daß Kurras ein Stasi-IM war? Es ist gut vorstellbar, daß es keine RAF und keine Bewegung 2. Juni gegeben hätte. Kurras selbst war ja im weitesten Sinne Gesinnungsgenosse linker Kräfte, die die BRD bekämpften. Von 1955 bis 1967 war er inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR und SED-Mitglied. Zur Tarnung trat er auch in die SPD ein. Während seiner IM-Zeit berichtete er Interna der Westberliner Polizei an die Stasi.

Daß Kurras Ohnesorg im Auftrag der Stasi „exekutierte“, um so die Studentenbewegung zu radikalisieren und auf diese Weise die BRD zu destabilisieren, gilt nach der Auswertung der historischen Quellen als falsch. Gestützt wird das durch die überraschte Reaktion seiner Vorgesetzten, die ihn aufforderten, künftig nicht mehr für sie tätig zu werden. So gilt es als wahrscheinlich, daß Kurras aus persönlicher Motivation – möglicherweise unter dem Eindruck der Ausschreitungen – Ohnesorg erschoß.

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