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Der Reiz des Anstößigen

Von Nils Wegner

„Erschreckender Absturz“, „rechtslastige Verschwörungstheorien“, „ebenso ekelhafte wie stellenweise unverständliche Endzeitdiagnostik“, „völkischer Sound“– die kleine Textsammlung Finis Germania aus der Feder des Umwelthistorikers Rolf Peter Sieferle (1949–2016) hat rund drei Monate nach ihrem Erscheinen im Februar dieses Jahres für das lauteste Rauschen im deutschen Blätterwald seit Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab von 2010 gesorgt.

Was war geschehen? Den Stein des Anstoßes bildete ein Artikel des Berufsdenunzianten Andreas Speit in der Bionade-linken taz. Speit ereiferte sich ausführlich: Finis Germania, erschienen im deutschsprachigen Zentralverlag der Neuen Rechten, Antaios, hatte es auf Platz 9 der gemeinsamen Sachbuchempfehlungsliste von Norddeutschem Rundfunk und Süddeutscher Zeitung geschafft. Der „Schuldige“ war bald ausgemacht – Johannes Saltzwedel, Kulturredakteur des Spiegel, hatte das Werk durch seine Punktvergabe in der Liste plaziert.

An der Hamburger Ericusspitze, dem Sitz der Spiegel-Redaktion, sah man sich deshalb zur umfassenden Abbitte veranlaßt: Nicht nur wurde Saltzwedel in aller Öffentlichkeit in Artikeln von Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und der stellvertretenden Chefredakteurin Susanne Beyer gemaßregelt, sondern das Blatt bemühte sich auch, dem durch den Skandal anschwellenden Verkaufserfolg des Büchleins (mehrere Wochen Platz 1 auf der Amazon-Bestsellerliste, laut Verleger Götz Kubitschek 25.000 verkaufte Exemplare binnen vier Wochen) einen Riegel vorzuschieben. Zu diesem Zweck wurde die wöchentlich abgedruckte „Spiegel-Bestsellerliste“ kommentarlos bereinigt und Finis Germania vom ihm eigentlich zustehenden sechsten Platz verbannt; alle folgenden Bücher rückten einen Platz nach oben. Als dieses Vorgehen im Internet nachgewiesen und selbst vom erzbundesrepublikanischen Kritikblog „Übermedien“ moniert wurde, war es abermals Susanne Beyer, welche die Manipulation freimütig zugab und für ihre Redaktion die „besondere Verantwortung“ beanspruchte, die Verbreitung dieses „rechtsradikalen, antisemitischen, geschichtsrevisionistischen“ Buchs bestmöglich zu sabotieren. Ganz ähnlich verfuhr zeitgleich der stern: Hier wurde Sieferles Buch zwar gelistet, aber zusammen mit einem eigenen „Stimmen-zum-Buch“-Kasten, in dem „Experten“ ihre professionellen Bedenken zum Besten geben durften. So oder so wurde von einer wertfreien Abbildung der ermittelten Verkaufszahlen Abstand genommen.

Was aber steht nun in dem Buch, das vom publizistischen Establishment bis hin zu notorischen Volkspädagogen wie dem regelmäßig in der antideutschen Jungle World vertretenen Historiker Volker Weiß alle auf die Barrikaden trieb? Die frühen Kritiker, darunter der renommierte Politikwissenschaftler und Berliner Professor Herfried Münkler und der ehemals von Sieferle begeisterte Süddeutsche-Autor Gustav Seibt, offenbarten in ihren Satzbausteineinlassungen teils offen, das Buch gar nicht gelesen zu haben. Wo inhaltliche Kritik an Finis Germania kam, entzündete sie sich vor allem an den unter „Mythos VB“ (Vergangenheitsbewältigung) versammelten Positionierungen des Autors zur bundesrepublikanischen Geschichtspolitik und dem politisch instrumentalisierten Schuldkult der Deutschen – Kapitelüberschriften wie „Der ewige Nazi“, „Eine neue Staatsreligion“ und „Sack und Asche erbeten!“ sprechen für sich.

Rolf Peter Sieferle ist am 17. September 2016 aus dem Leben geschieden. Er kann nicht mehr miterleben, was für ein Erdbeben seine hinterlassenen Schriften in der deutschsprachigen Presselandschaft verursacht haben. Doch wäre er sicher sehr befriedigt gewesen: Nicht nur hat der künstlich aufgebauschte „Skandal“ um Finis Germania, den Kubitschek alsbald in einem Sonderheft der Zeitschrift Sezession („Sieferle lesen“) ausführlich nachzeichnen wird, einmal mehr das Marionettenensemble bestbezahlter Berufsbedenkenträger zum Tanzen gebracht – der schmale Band aus der Antaios-Reihe kaplaken hat auch im Alleingang einer durch und durch verfilzten Literaturressortsriege die bildungsbürgerliche Maske vom Gesicht gerissen und enthüllt, daß es in den großen Redaktionsstuben mitnichten um die Wahrheit geht, sondern um die Unantastbarkeit gewisser Dogmen.

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