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Der Absolutismus begann 1789

Von Felix Menzel

Wie beeinflußt das Geschichtsbild unsere politischen Vorstellungen? Wir haben da zum Beispiel gelernt, daß im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert in Frankreich ein „Sonnenkönig“ herrschte, der meinte, er höchstpersönlich sei der Staat.

Danach kamen dann die Aufklärung mit ihrem Anspruch, die selbst verschuldete Unmündigkeit des Individuums zu beenden und die Französische Revolution mit ihren Idealen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Der moderne Liberalismus und die Demokratie waren geboren, der Despotismus beendet, und wenn da nicht die bösen Kriege und Nazis gewesen wären, hätten wir in den letzten 200 Jahren einen stetigen Fortschritt erlebt.

So in etwa lautet die Kurzfassung dessen, was heute im Geschichtsunterricht vermittelt wird, obwohl viele anerkannte Historiker schon den Beginn dieser Erzählung seit Jahrzehnten in Frage stellen. Der Brite Nicholas Henshall brachte seine Zweifel wohl am einprägsamsten zum Ausdruck, als er zugespitzt betonte: „Real absolutism did not end in 1789. It began.“ Verstehen kann diesen Satz nur, wer ohne ideologische Scheuklappen auf das Mittelalter, den frühneuzeitlichen Fürstenstaat und die moderne Industriegesellschaft blickt.

In seiner „Universalgeschichte des Staates“ (2009) arbeitet der Historiker Bernd Marquardt schön heraus, wie lokale Herrschaften zum einen und der europäische Reichsgedanke zum anderen das Mittelalter prägten. Es habe damals eine Art „Mega-Föderalismus“ gegeben. 90 Prozent des Rechts wurden auf lokaler Ebene geregelt. Als Hauptgrund dafür benennt Marquardt ökologische Tragfähigkeitsgrenzen, derer man sich gerade nach dem großen Dörfersterben im 14. Jahrhundert bewußt wurde.

Die lokalen Herrschaften hatten deshalb zweierlei zu leisten: Erstens mußte das Bevölkerungswachstum eingedämmt werden, und zweitens resultierte aus der „Abhängigkeit von zyklisch nachwachsenden Ressourcen“ (z.B. Holz) „ein struktureller Zwang zur Nachhaltigkeit – und Nachhaltigkeit ließ sich optimal in lokalen Produktions- und Konsumkreisläufen verwirklichen, deren Komplexitätsgrad sich innerhalb der kognitiven menschlichen Alltagsfähigkeiten bewegte“, so Marquardt.

An Gültigkeit dürften diese Erkenntnisse nichts eingebüßt haben, und wir könnten sie nutzen, um unsere Umweltpolitik neu auszurichten. Nachhaltigkeit wird es auch im 21. Jahrhundert nur geben, wenn sie auf lokaler Ebene umgesetzt wird. Der Globalismus dagegen verschärft die bestehenden Probleme nur immer weiter, weil er z.B. die Überbevölkerung in Afrika mit dem westlichen Liberalismus nicht abbremsen kann.

Marquardt ist der Meinung, daß sich die lokalen Herrschaften bis Ende des 18. Jahrhunderts noch sehr stark gehalten hätten. Der große Bruch sei seiner Ansicht nach erst mit der Französischen und der Industriellen Revolution gekomemn. Dies ist nun wiederum ein entscheidendes Argument dafür, den Begriff des „Absolutismus“ für die frühneuzeitlichen Fürstenstaaten abzulehnen. Sie waren weit weniger mächtig als die heutigen Staaten.

Entstanden ist der Begriff auch erst im 19. Jahrhundert und damit im nachhinein. Die Liberalen benutzten ihn in polemischer Absicht, um ihre Ziele für die Gegenwart auf- und die Vergangenheit abzuwerten. Ernst Hinrichs schildert in seinem Buch „Fürsten und Mächte“ (2000) sehr anschaulich, welche Einschränkungen es für die europäischen Monarchen gab. Sie mußten sich nicht nur mit regionalen Eliten arrangieren, sondern auch mit ihren selbstbewußten Beamten und begaben sich schnell in die Abhängigkeit von jenen, die den Staat finanzierten.

Ludwig XIV. sei deshalb immer bereit gewesen, „im Interesse seiner aufwendigen, europaweiten Unternehmungen und des kostspieligen Ausbaus seines Hofsystems auf die Durchsetzung rigider Absolutheitsansprüche zu verzichten“. Hinrichs schlußfolgert daher: „Das Regierungssystem des Sonnenkönigs war trotz aller herrscherlichen Abgehobenheit ein durch Patronage, Klientelbeziehungen und Gläubigermacht gebremstes System, in dem weder für einen konsequenten Zentralismus, noch für eine perfekt funktionierende Bürokratie, noch gar für eine rigide Autokratie Platz war.“

Ohne die zweifellos vorhandenen Umbrüche der letzten Jahrhunderte kleinzureden, gelingt es sowohl Marquardt als auch Hinrichs, eine wichtige Kontinuität in der Entwicklung des modernen Staates seit der Neuzeit zu skizzieren. Im späten 15. Jahrhundert setzte eine Bürokratisierungswelle ein. An den Universitäten ausgebildete Beamte prägen seitdem immer stärker den Staat, der nur wachsen und immer neue Aufgabenfelder besetzen kann, wenn zugleich die ökonomische Konjunktur stimmt.

„Die Stelle des allmächtigen Gottes wurde durch einen allmächtigen Staat reklamiert“, resümiert Marquardt. Dieser Staat berufe sich auf die „sozial-newtonsche Aufklärung“, die den Menschen atomisiert habe, um ein rationales Herrschaftssystem zu etablieren. Wer das so betrachtet, muß an der großen Aufwärtstendenz der Geschichte zweifeln und könnte zu der These gelangen, daß ein „Zurück ins Mittelalter“ gar nicht mal so schlecht wäre.

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