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,Das „Schattendorfer Urteil“ – Notwehr oder Mord?

Von Christian Krüger

In der Zwischenkriegszeit waren die Mittelmächte des Ersten Weltkriegs von schweren inneren Unruhen und Zerfallsprozessen geprägt. Am schwersten traf es hinsichtlich der territorialen Verluste das ehemalige Osmanische Reich. Aber auch das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn verloren Territorien und Millionen ihrer Einwohner. Dabei traf es die ehemalige Habsburgermonarchie deutlich schwerer als den nördlichen Nachbarn. Ein gemeinsames Phänomen in den beiden deutschsprachigen Staaten war der paramilitärische Grenzschutz. Sowohl an den neuen Ostgrenzen der Weimarer Republik als auch an den Grenzen der neu entstandenen Republik Österreich flammten ethnische Konflikte auf. Zum Schutz der dortigen Bevölkerung wurden Verbände aus ehemaligen Frontsoldaten und Freiwillige geschickt.

Das Burgenland war in jener Zeit von ungarischen Gebietsansprüchen bedroht. Um das Territorium zu behaupten, zeigten dort die paramilitärischen Verbände der Heimwehr und des Republikanischen Schutzbundes Präsenz. War die Heimwehr dem christlichsozialen aber zugleich auch dem deutschnationalen Lager zuzurechnen, so gehörte der Republikanische Schutzbund zur österreichischen Sozialdemokratie (SDAP). So dauerte es auch nicht lange, bis es zu Gewalt der beiden Wehrverbände untereinander kam. Eine Eskalation zwischen den beiden Fraktionen der Wehrverbände ereignete sich am 30. Jänner 1927 und sollte die junge Republik ein gutes halbes Jahr später nochmals erschüttern.

An jenem Tag im Jänner trafen im burgenländischen Schattendorf Angehörige des Republikanischen Schutzbundes und des rechten Frontkämpferbundes aufeinander. Die Frontkämpfer wollten in dem mehrheitlich sozialdemokratisch gesinnten Ort ein Treffen abhalten. Da sie um ihre zahlenmäßige Unterlegenheit wußten, war externe Verstärkung angefordert. Da die Schutzbündler dies erfuhren, versammelten sie sich am Bahnhof. Die dort ankommenden Frontkämpfer von auswärts griffen sie an und vertrieben sie. Die Stimmung war danach aufgeheizt. Um einen weiteren Erfolg zu erringen, beschlossen die Schutzbündler nun, das Versammlungslokal der Frontkämpfer in Schattendorf anzugreifen.

Mit der Parole „Nieder mit den Frontkämpfern, nieder mit den christlichen Hunden, nieder mit den monarchistischen Mordbuben“ begannen die Schutzbündler den Sturm auf das Gasthaus Tscharmann. Die Brüder Josef und Hieronymus Tscharmann und Johann Pinter, alle drei Frontkämpfer, schossen aus Fenstern auf die Angreifer. Die Kugeln töteten einen kroatischen Kriegsinvaliden und einen sechsjährigen Buben. Fünf weitere Personen wurden verletzt.

Da die 1920er Jahre in Österreich von den Auseinandersetzungen zwischen SDAP und rechten Gruppen und Parteien geprägt war, hatte dieser Vorfall eine politische Dimension, die in das ganze Land ausstrahlte. Als die beiden Toten am 2. Februar beerdigt wurden, streikten in ganz Österreich die Arbeiter für eine Viertelstunde.

Den Prozeß gegen die Schützen verfolgte die Bevölkerung mit großer Spannung. Die drei Frontkämpfer mußten sich vor einem Geschworenengericht verantworten. Entgegen Befürchtungen von linker Seite konnte jedoch nicht von einer politischen Besetzung der Geschworenen gesprochen werden. Diese setzten sich wie folgt zusammen: vier Arbeiter, drei Beamte, eine Hausfrau, zwei Landwirte, zwei Gewerbetreibende. Im Fall einer Verurteilung wegen Mordes drohte bis zu 20 Jahren Kerker oder gar eine lebenslange Haftstrafe.

Doch der Prozeß gestaltete sich sehr schwierig. In der unübersichtlichen Situation zur Tatzeit war nicht genau festzustellen gewesen, ob nicht die Schutzbündler zuerst mit Revolvern geschossen hätten. Auch war nicht eindeutig zu klären, welcher der drei Angeklagten die tödlichen Schüsse abgegeben habe. So kamen die Geschworenen zwar mehrheitlich zu der Entscheidung für einen Schuldspruch, brachten aber nicht die notwendige Zweidrittelmehrheit zustande. Somit endete der Prozeß am 14. Juli 1927 mit einem Freispruch für die Gebrüder Tscharmann und Johann Pinter. Sie verließen das Gericht nach dem „Schattendorfer Urteil“ als freie Männer.

Berichte darüber führten insbesondere in Wien zu wütenden Demonstrationen. Ähnliche Urteile hatte es in den Vorjahren bereits gegeben. Doch dieses Mal brach sich der Zorn der Arbeiter und Sozialdemokraten Bahn und entlud sich gewaltsam. Am 15. Juli stürmten Demonstranten den Wiener Justizpalast und steckten ihn in Brand. Im Zuge der Auseinandersetzung starben 89 Menschen.

Die beiden verfeindeten Lager der Wehrverbände erlitten in den folgenden Jahren ähnliche Schicksale. Der Schutzbund, der zeitweise rund 80.000 Mitglieder umfaßte, wurde Ende März 1933 von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß aufgelöst. Die Frontkämpfervereinigung, die nur wenige tausend Mitglieder hatte, orientierte sich ab 1930 immer stärker an den Nationalsozialisten, was schließlich zu ihrer behördlichen Auflösung im Juni 1935 führte.

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