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„Das Band ist zerschnitten – hat die burschenschaftliche Bewegung noch eine Zukunft?“

Von Hinrich Hofmann

Festakademie zum 110. Stiftungsfest der Burschenschaft Nibelungia Wien.

Diskutanten: Dr. Gerald Brettner-Messler, B! Nibelungia; Gordon Engler, B! Cheruskia Dresden, VorsDB; DI Maximilian Reingruber, B! Germania Salzburg, B! Danubia München; Jörg Haverkamp, B! Saxo-Silesia Freiburg (einer der wenigen IBZ-Bünde, die noch in der DB sind).

Trotz einiger Bemühungen im Vorfeld war es nicht gelungen, einen Vertreter der NDB als Diskutanten zu gewinnen.

Die Burschenschaft Nibelungia ist der Deutschen Burschenschaft im Jahr 2011 beigetreten, gerade als die Krise begann. Da die Vergangenheit nicht mehr zu ändern ist, müsse man nun über die Zukunft reden. Gerade die Nibelungen als eine sehr kurz in der DB befindliche Korporation fühlt sich berufen, eine Diskussion ohne Vorurteile einzuleiten.

Eingangs erwähnte der Altherrenvorsitzende der B! Nibelungia, Dr. Gerald Brettner-Messler, daß er einen grundlegenden Unterschied im burschenschaftlichen Selbstverständnis zwischen der BRD und der RÖ darin erblicke, daß bundesdeutsche Burschenschaften sich eher als staatstragend definierten, wohingegen in der Republik Österreich beheimatete Bünde seit 1848 eher staatskritisch eingestellt und es daher auch gewohnt seien, politischen Angriffen ausgesetzt zu werden. Er eröffnete die erste Diskussionsrunde mit der Frage, inwiefern sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen ließen.

Der Vertreter der VorsDB, Gordon Engler, ließ kein gutes Haar an der IBZ, diese sei von vornherein auf eine Spaltung der burschenschaftlichen Bewegung ausgerichtet gewesen. Die Gräben befänden sich vor allem in den Köpfen der 68er-Alten Herren, die nun im Rentenalter angekommen – so wörtlich – in „Stuttgarter Hinterstübchen“ beieinander säßen und versuchten, den historischen Kompromiß von 1973 rückabzuwickeln, also die österreichischen Bünde aus der burschenschaftlichen Bewegung herauszudrängen, aber das fakultative Schlagen aufrechtzuerhalten. Allerdings würden die jungen Aktiven diesen Weg weder in Bezug auf Österreich noch in Bezug auf die Pflichtmensur mitgehen wollen. Es gehe für die DB daher jetzt vor allem darum, den jungen Aktiven die Türen offen zu halten und gleichzeitig schneller und besser zu sein als jene, die einen neuen Verband wollten.

Dies konnte Jörg Haverkamp als Vertreter eines IBZ-Bundes nicht unwidersprochen lassen. Zwar sei die Kritik an der IBZ nachträglich betrachtet leider berechtigt, dennoch hätten längst nicht alle, die sich anfangs in der IBZ engagiert hätten, eine Spaltung gewollt. Die Geschlossenheit, Organisationsgrad, Disziplin und Schlagkraft der BG hätten weder die IBZ noch die NDB je erreichen wollen oder können. Auch einem weiteren Dachverband würde dies nur schwerlich gelingen.

Maximilian Reingruber als Vertreter zweier BG-Bünde nahm Gordon Englers Aussagen auf und ätzte, daß die burschenschaftliche Bewegung nicht etwa ein Generationenproblem, sondern vielmehr eine einzige Problemgeneration, die Aktivitates der 1970er und 1980er, habe. Diese sei nunmehr in vielen Bünden tonangebend. Wie gemeinsame Dachverbandsveranstaltungen aus den Jahren unmittelbar vor 2012 gezeigt hätten, würden die jungen Burschenschafter offen aufeinander zugehen und könnten auch konstruktiv miteinander arbeiten. Aber an eben jener Problemgeneration müsse auch ein neuer Verband scheitern.

Wie Dr. Gerald Brettner-Messler in seiner zweiten Frage an das Podium betonte, sei nun genug über die Vergangenheit geredet worden, und man müsse sich überlegen, was die Zukunft bringe, insbesondere, wie eine burschenschaftliche Wiedervereinigung vonstatten gehen könne.

Gordon Engler stimmte Reingruber im Hinblick auf die „profilierungssüchtigen AHs“ zu, die seit über 30 Jahren jährlich erneut um die gleichen Themen stritten. Was die Wiedereinführung der Pflichtmensur sowie die Frage danach, wer im burschenschaftlichen Sinne Deutscher sei, anginge, sei es nun endlich an der Zeit, einen Schlußstrich zu ziehen und die Sachen abzuhaken. Für den kommenden BT im Juni lägen vier Anträge zur Pflichtmensur vor. Nachdem, was man so aus gut unterrichteten Kreisen aus Stuttgart höre, würde in Bezug auf diese Frage im Vorfeld einer neuen Dachverbandsgründung jedoch auch keine Einigkeit herrschen.

Um die sich schon ausbreitende Harmonie wieder zu stören, trug Jörg Haverkamp aktuelle Zahlen aus der Dachverbandsstatistik vor, es sei „erschreckend, wie wir Federn gelassen haben“. Zwar seien Einheit und Tatbereitschaft im Verband gewachsen, doch man dürfe nicht Masse gegen vermeintliche Klasse aufwiegen, wer einen Kompromiß fände, müsse diesen auch leben. Er skizzierte die Gefahr, daß sich die DB immer mehr in einen Elfenbeinturm zurückzöge. Er empfahl „eine gewisse Fröhlichkeit“ im Umgang miteinander, man solle einander nur kennenlernen.

In der weiteren Folge war das Publikum eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen.

Leider war trotz redlichen Bemühens seitens der jubilierenden B! Nibelungia kein Vertreter der NDB erschienen. Es herrschte ein gewisser Konsens darüber, daß die NDB keine große Zukunft mehr zu erwarten habe und auch einem dritten oder vierten Verband eine solche nicht beschieden sei, wenn es nicht gelänge, eben jene Streitfragen beizulegen, an deren Lösung die Rest-DB nun mit frischem Elan arbeite. Junge Männer würden in unseren Bünden aktiv, weil sie die Ideale lebten und nicht, weil sie über Satzungen diskutieren wollten.

Die Burschenschaft ist ein Alleinstellungsmerkmal des Deutschen Volkes, so etwas wie sie gibt es nirgendwo anders, außer in manchen Staaten als Kopie. Die burschenschaftliche Bewegung ist fast viermal so alt wie die BRD oder die heutige Republik Österreich. Nachdem die Linken – seien es Biedermänner in Parlament und Universität oder Brandstifter und Bombenleger auf der Straße –  sich nun schon an Kirche und Familie abgearbeitet haben, sind nun, wie seit 1968 immer schon, national-freiheitliche Kräfte ihr Reibebaum. Mit weiterem politischen Gegenwind sei daher fest zu rechnen, wobei alle bisherige Erfahrung zeigt, daß einzelnen Bünden ihr DB-Austritt auch nichts genutzt hat und ihr Haus trotzdem das Ziel von Farbbeuteln wird.

 

Die Festrede Dieter Steins

Dieter Stein, Gründer und Chefredakteur der „Jungen Freiheit“, des erfolgreichen Projektes der nationalliberalen Publizistik, war von der jubilierenden Burschenschaft Nibelungia geladen worden, weil sein in der JF veröffentlichter Aufsatz „Für eine neue Nation“ in der burschenschaftlichen Bewegung sehr kontrovers aufgenommen worden war. Ein bemerkenswerter Zug der Nibelungen, sich gerade einen Redner einzuladen, von dem nicht nur Zustimmung, sondern auch Kritik zu erwarten war.

Stein ist selbst Alter Herr der Hochschulgilden Balmung Freiburg und Karl Friedrich Schinkel zu Berlin, trug seine Bänder zum Kommers und betonte, daß die Diskussionen innerhalb des korporierten Lagers ähnlich seien. Was ihn schon seit seiner Jugend an der Burschenschaft fasziniere, sei die eigentümliche Mischung aus Disziplin und Anarchie, wofür er die Beispiele des stundenlangen Stehens der Chargierten am Kommers und die verwüsteten Häuser an einem Morgen nach der Kneipe anführte. Bereits in seinem politischen Engagement als Jugendlicher habe er Burschenschafterhäuser als letzte Refugien geistiger Freiheit, freier Rede und von Nonkonformismus kennengelernt. Was man am meisten liebe, dürfe man auch am schärfsten kritisieren, „Der Verband darf nicht vor die Hunde gehen“, rief er der Corona zu. In der burschenschaftlichen Bewegung kritisierte er vor allem die Fixiertheit auf interne Prozesse und fragte, warum sich Rechte im selbstgewählten Ghetto so wohl fühlten. Ein Kommers möge auf Außenstehende eher anmuten wie ein Treffen von Nerds aus der Con- oder Reenactment-Szene, politische Wirkung entfalte das nicht. Dennoch müsse die Burschenschaft, wenn sie wirkmächtig werden wolle, zunächst die hausgemachten Probleme klären und sich klare Ziele für die Zukunft geben. Die Zuspitzung der Krise sei einerseits durch den Weidner-Brief ausgelöst worden, welcher bei vielen liberalen Burschenschaften das Faß zum Überlaufen gebracht habe. Der liberale Geist müsse wiederbelebt werden, auch wenn der Begriff des Liberalen seit Armin Mohler in gewissen Kreisen ein Schimpfwort sei, müsse sich der Geist eines freiheitlichen Widerstandes gegen Despotie wieder verfestigen. „Rein juristisch“ sei es ja durchaus gerechtfertigt gewesen, daß beispielsweise Metternich manche Burschenschafter ins Gefängnis geworfen habe.

Weiters habe sich die Krise an der Person eines chinesischstämmigen Studenten entzündet –  Stein sprach hier von einem „Deutschen mit ausländischen Wurzeln“ – dies sicher eine Formulierung, die nicht auf ungeteilte Zustimmung traf. Wie bereits in seinem umstrittenen Artikel entwarf Stein ein Bild der Burschenschaft als Avantgarde einer wirklichen Integration, die es als erstrebens- und wünschenswert darstelle, dem Deutschen Volk anzugehören und nicht nur sich im deutschen Sozialsystem wohlzufühlen. Wenn 1815 der Volkstumsbegriff noch extern und außerhalb der staatlichen Grenzen definiert gewesen sei, erlebten wir nun eine Inversion des Volkstumsproblems anhand der Fremden im eignen Land und der Teile des deutschen Volkes, denen ihr Volkstum nichts wert sei. Auf die wenigen Integrationswilligen müsse die DB offensiv zugehen.

Ähnlich wie Prof. Knütter bereits 1997 „Heraus aus den Häusern“ gefordert habe, müsse die Burschenschaft heraus aus dem Ghetto, eine „museal-reaktionäre DB“ sei am wenigsten gefährlich, weil niemand sie ernst nähme.

 

 

 

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