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Darf ich das noch sagen?

Die wachsenden Bestrebungen, Wörter zu tabuisieren, gefährden die Freiheit

Von Thomas Paulwitz

angry-upset-girlnetzVerunsicherung breitet sich aus. Was ist etwa mit der „Milchmädchenrechnung“: „Darf ich das noch sagen, oder bin ich dann ein Sexist?“ – Oder wie verhält es sich mit dem „Zigeunerschnitzel“: „Darf ich das noch sagen, oder bin ich dann ein Rassist?“ – Oder was ist mit dem Spruch „Jedem das Seine“: „Darf ich das noch sagen, oder bin ich dann ein Nazi?“ Solche Fragen werden beispielsweise in den Foren der Netzgemeinschaft erörtert. Reden wie einem der Schnabel gewachsen ist? Das scheint nicht mehr ohne weiteres möglich zu sein. Denn niemand möchte sich in Diskussionen vorwerfen lassen, er sei ein Unhold, weil er bestimmte, verfemte Wörter verwende. Wer als Unmensch gebrandmarkt ist, dessen Argumente zählen kaum noch, mögen sie auch noch so gut sein. Einige Gesprächssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bieten da reihenweise abschreckende Beispiele.

In bestimmten Zusammenhängen können Wörter unpassend sein, verletzen, diskriminieren. Wer einen Schwarzen mit „du Neger“ anspricht, beleidigt ihn, weil er den Menschen in einem abfälligen Tonfall auf seine Rasse reduziert. Wer hingegen einen „Negerkuß“ bestellt, beleidigt niemanden, weil er einen hergebrachten Namen für ein harmloses Zuckergebäck verwendet. Es kommt eben auf den Zusammenhang und die Absicht an. Doch gibt es immer stärkere Bestrebungen, Wörter zu tabuisieren, ohne diesen Zusammenhang zu berücksichtigen.

Der gesunde Menschenverstand und eine gute Erziehung zu Anstand, Höflichkeit und Rücksicht sollten die beste Voraussetzung bieten, um den Fettnäpfchen einer Unterhaltung möglichst gut ausweichen zu können. Sollte es dennoch zu einem Mißverständnis kommen, können das die Beteiligten in der Regel sehr gut untereinander klären. Dazu bedarf es keiner Sprachpolizei, die den Zusammenhang ausblendet und einen bestimmten Sprachgebrauch vorschreibt. Eine solche Polizei entmündigt das vermeintliche Opfer und bevormundet den vermeintlichen Täter.

Zu eng gefaßte Sprachregelungen ermöglichen darüber hinaus auch etwas sehr Gefährliches. Wer sich nämlich aus Opportunismus auf eine politisch korrekte Sprache beruft, stellt sich selbst auf eine moralisch höhere Warte. Das ist sehr bequem für den Nutznießer, denn er muß seinen eigenen Standpunkt nicht mehr rechtfertigen. Er würgt jedoch damit das Gespräch ab und verzichtet auf die Möglichkeit eines Zuwachses an Erkenntnis. „Die Erneuerungsfähigkeit einer Gesellschaft leidet, wenn Angst vor Denunziation die Diskussionen lähmt“, schreibt der Chefredakteur der Wirtschaftswoche, Roland Tichy.

Äußerst argwöhnisch sind daher die jüngsten Forderungen des Europarates zu betrachten. Ende Februar dieses Jahres veröffentlichte dessen „Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz“ (ECRI) ihren fünften Länderbericht über Deutschland. Darin fordert die ECRI eine Verschärfung des Volksverhetzungsparagraphen und des „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes“ (AGG). Die Medien sollen verpflichtet werden, sich Sprachregelungen aufzuerlegen. Jeglicher öffentlicher „Rassismus“ solle künftig bestraft werden können, selbst wenn der öffentliche Frieden gar nicht gefährdet ist. Je nach Auslegung könnte das sogar bedeuten, daß ein Wirt, der „Zigeunerschnitzel“ auf die Speisekarte schreibt, mit einem Bein im Gefängnis steht. Mit „Rassismus“ ist übrigens längst nicht mehr nur die Diskriminierung der Rasse gemeint, sondern auch die der Sprache, der Religion und der Volkszugehörigkeit.

Der Europarat benennt ausdrücklich den Sozialdemokraten Thilo Sarrazin als Bösewicht und bemängelt, daß das frühere Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank für seine Äußerungen nicht bestraft wurde. Den so Geschmähten ficht das nicht an. Statt dessen hat er nun schon wieder ein Buch veröffentlicht, das der „Sprache als Instrument des Tugendterrors“ sogar ein eigenes Kapitel einräumt. Sarrazin schreibt darin: „Sprachgebote, Sprachverbote und Sprachregelungen dienen zur Lenkung von Gedanken und Diskursen und damit letztlich zur Lenkung des gesellschaftlichen Bewußtseins und der darauf aufbauenden Willensbildung.“ Man mag zu Sarrazin stehen, wie man will: „Vieles gibt es (an seinem Buch) ‚Der neue Tugendterror‘ auszusetzen“, schreibt etwa der Journalist Alexander Kissler im Magazin „Cicero“, „das alles ändert nichts an dem Umstand, daß der Kern seiner Beobachtungen stimmt.“

Zu beanstanden ist etwa, daß Sarrazins Text nicht immer leicht zu lesen ist. Ausgerechnet zu Beginn des Sprachkapitels knallt er dem Leser die Fachausdrücke „Priming“ und „Framing“ um die Ohren, ohne diese Fremdwörter näher zu erklären. „Hätte er nur sein eigenes Buch gelesen!“, möchte man ausrufen, denn am Ende desselben Kapitels zitiert er George Orwells Ratschläge für eine gute, klare Sprache, unter anderem: „Benutze nie Wörter aus fremden Sprachen oder aus der Wissenschaft, wenn man dasselbe auch in der eigenen, insbesondere der Alltagssprache sagen kann.“

Was ist der Unterschied zwischen der Vermeidung vermeintlich „rassistischer“ Sprache und der Vermeidung entbehrlicher Fremdwörter? Im ersten Fall wird die Sprache schönfärberisch, verschleiernd und unverständlich gemacht. Das Denken darf nur in vorgegebenen Bahnen verlaufen. Im zweiten Fall geht es um kulturelle Identität und um die Wahrung einer verständlichen Sprache. Ein klares Wort ermöglicht Meinungsfreiheit und Demokratie. Lassen wir uns diese Freiheit nicht nehmen!

Leitartikel aus der „Deutschen Sprachwelt“, Frühling 2014

 

« Ein arbeitsreiches Jahr des Vereins der Deutschen und Österreicher in Wukowar – Keine Bildung ohne Leistung! »

Info:
Darf ich das noch sagen? ist Beitrag Nr. 1353
Autor:
huettner am 26. Juni 2014 um 06:49
Category:
Feuilleton
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